Über zehn Millionen Menschen in der Ukraine derzeit auf humanitäre Hilfe angewiesen, vier Millionen haben Zuhause verloren - 2025 brachte deutlichen Anstieg ziviler Opfer - Caritas Europa pocht auf mehrjährige Finanzierung und stärkere Einbindung lokaler Hilfswerke
Kiew, 24.02.2026 (KAP) Vier Jahre nach Beginn des russischen Großangriffs auf die Ukraine spitzt sich die humanitäre Lage weiter zu. Nach Angaben der beiden nationalen Caritas-Organisationen der Ukraine benötigen derzeit 10,8 Millionen Menschen im Land humanitäre Hilfe, mehr als vier Millionen haben ihr Zuhause verloren. "Die Ukraine erlebt eine Wohnkrise in einem Ausmaß, das wir noch nie gesehen haben", erklärte Tetiana Stawnychy, Präsidentin der griechisch-katholischen Caritas Ukraine, in einem von Caritas Europa veröffentlichten Interview zum Jahrestag am 24. Februar.
Die Zahl ziviler Opfer ist nach offiziellen Angaben 2025 um mindestens 30 Prozent höher als in den Vorjahren. Stawnychy führte dies auf den verstärkten Einsatz von Drohnen und Raketen auch fernab der Front zurück. Städte wie Kiew, Charkiw oder Odessa würden regelmäßig getroffen. Angriffe auf die Energieinfrastruktur hätten im Winter ganze Stadtviertel ohne Strom, Heizung und Wasser zurückgelassen, bei Temperaturen von bis zu minus 20 Grad. "Das betrifft alle, unabhängig davon, wo sie leben", so Stawnychy.
International werde häufig über militärische Entwicklungen berichtet, weniger über die langfristigen sozialen und psychologischen Folgen. Schulen wechselten zwischen Präsenz- und Onlineunterricht, Familien verbrachten Nächte in Schutzräumen, Stromausfälle prägten den Alltag. "Wenn die Welt es leid ist, den Krieg zu beobachten - wie müde müssen dann jene sein, die ihn jeden Tag leben?", sagte P. Wjatscheslaw Grynewytsch, Exekutivdirektor der römisch-katholischen Caritas Spes Ukraine.
Humanitäres Netzwerk
Beide Organisationen bilden gemeinsam eines der größten humanitären Netzwerke im Land und haben seit 2022 nach eigenen Angaben mehr als sechs Millionen Menschen unterstützt, mit Unterstützung unter anderem auch von Caritas Österreich. Doch die Mittel werden knapper, während die Not wächst. Die Abhängigkeit vieler Haushalte von externer Hilfe sei im vergangenen Jahr um 15 bis 20 Prozent gestiegen.
Für 2026 nannte Stawnychy vier Schwerpunkte: akute Nothilfe einschließlich Evakuierungen, Programme zur Existenzsicherung, langfristige Wohnlösungen sowie psychosoziale Unterstützung. Die Caritas betreibt landesweit 72 staatlich geförderte Resilienz-Zentren. "Psychische Gesundheit ist keine Nebensache mehr, sie ist essenziell", betonte die Präsidentin. Auch Veteranenprogramme und geschützte Räume für Kinder ("Child Friendly Spaces") würden ausgebaut.
Grynewytsch warnte zugleich vor einem verfrühten Übergang von Nothilfe zu Wiederaufbau. In Städten wie Cherson oder Saporischschja arbeiteten kleine Teams unter extremen Bedingungen weiter an Evakuierungen und medizinischer Hilfe. Suppenküchen, die früher 60 Menschen versorgten, zählten heute bis zu 500 Bedürftige, darunter Familien mit Kindern.
Auch auf europäischer Ebene wächst der Handlungsdruck. Mehr als fünf Millionen Ukrainer leben weiterhin im Ausland, über vier Millionen unter dem Schutzstatus der EU, der 2027 ausläuft. Maria Nyman, Generalsekretärin von Caritas Europa, forderte in einer Aussendung zum Jahrestag flexible, mehrjährige Finanzierung und eine stärkere Einbindung lokaler Organisationen. Europa dürfe angesichts der anhaltenden Zerstörung nicht wegsehen.
"Frieden wird kein einzelner Moment sein", betonte Stawnychy. Nötig seien langfristige soziale Stabilisierung, Vertrauen und Versöhnung. Bis dahin bleibe die Unterstützung der Zivilbevölkerung eine Aufgabe, deren Ende nicht absehbar sei.