Großerzbischof Schewtschuk: Papst Leo XIV. steht an Seite der Ukraine
25.02.202614:34
Ukraine/Kirche/Diplomatie/Religion/Krieg
Schewtschuk in Interview: Papst sieht Ukraine als Teil von Europa - Friedensplan ohne Verfassung der Ukraine zu respektieren nicht möglich
Kiew, 25.02.2026 (KAP) Zum vierten Jahrestag des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine hat das Oberhaupt der mit Rom unierten Ukrainischen Griechisch-Katholischen Kirche (UGKK), Großerzbischof Swjatoslaw Schewtschuk, seine Hoffnungen hinsichtlich Papst Leo XIV. betont. Leo sehe den "europäischen Kontext" des Konflikts und die Ukraine klar als Teil Europas, sagte Schewtschuk in einem Gespräch mit dem offiziellen Nachrichtenportal der UGKK am 4. Februar, über das das Onlinemagazin Crux am 24. Februar berichtete. "Seine Sichtweise - und damit auch die derzeitige internationale Position des Heiligen Stuhls - ist eindeutig europäisch geprägt", erklärte der Großerzbischof.
Nach dem Treffen des Papstes mit Präsident Wolodymyr Selenskyj am 9. Dezember 2025 erklärte Leo XIV. laut Schewtschuk: "Dies ist ein Krieg in Europa, und Europa muss Partei der Verhandlungen sein. Wir können nicht über die Ukraine auf der Ebene von, sagen wir, den USA und Russland verhandeln."
Laut Schewtschuk habe der Papst dabei erstmals den Ausdruck "Verfassung der Ukraine" verwendet, der lange aus den internationalen Diskussionen verschwunden gewesen sei. Leo habe damit unterstrichen, dass ein "Friedensplan" ohne die Verfassung der Ukraine zu respektieren nicht möglich sei. "Mit diesem einen Wort", so Schewtschuk weiter, "erinnerte er alle daran, dass unsere Verfassung die Souveränität und territoriale Integrität des Staates sowie seinen strategischen Entwicklungsweg festschreibt."
Schewtschuk beschrieb den Papst als jemanden, der "Angelegenheiten aus institutioneller Perspektive betrachtet" und dessen Positionen "nicht auf persönlichen Emotionen, zufälligen Eindrücken oder einem Artikel, den er am Vortag gelesen hat, basieren. Seine Schlussfolgerungen beruhen auf der Arbeit einer gesamten Gemeinschaft - einem analytischen, intellektuellen Kreis, der die Situation eingehend untersucht."
"Krieg endet, wenn der Papst kommt"
Zu einem möglichen Papstbesuch in der Ukraine sagte Schewtschuk, in der Bevölkerung bestehe die Überzeugung, "dass der Krieg enden wird, wenn der Papst kommt". Der Großerzbischof erinnerte dabei an den Besuch von Johannes Paul II. in Sarajevo während des Krieges im ehemaligen Jugoslawien. "Aus sicherheitspolitischer Sicht war er beinahe wahnsinnig", sagte Schewtschuk. Und weiter: "Die Ukraine ist heute, ohne Übertreibung, besser in der Lage, die Sicherheit des Papstes zu gewährleisten, als Bosnien es damals war."
Als problematisch für diplomatische Beziehungen bezeichnete Schewtschuk russische Propaganda, die über diplomatische Kanäle bis zum Heiligen Stuhl gelange. "Russische Propaganda ist dort tatsächlich präsent - gefährlich, heimtückisch und äußerst raffiniert." Lange Zeit habe der Vatikan nicht geglaubt, dass Propaganda auf der Ebene offizieller diplomatischer Vertreter wirken könne. Der Großerzbischof vermutete, dass die Falschinformationen im Vatikan oft aus italienischen Medien stammen, die seiner Ansicht nach voreingenommen seien und von russischer Propaganda beeinflusst werden könnten.
Schewtschuk verwies dabei auf die Entführung katholischer Priester in Berdjansk am 16. November 2022. "Fast anderthalb Jahre lang wussten wir nicht, ob sie noch lebten, wo sie festgehalten wurden oder was mit ihnen geschah", so der Großerzbischof. Durch die Bemühungen der ukrainischen Seite und der Diplomatie des Heiligen Stuhls sei ihr Aufenthaltsort schließlich festgestellt worden. Zugleich habe es eine "Kluft zwischen dem offiziellen Bild und der Realität" hinsichtlich der Behandlung der Gefangenen gegeben.
Abschließend hob Schewtschuk die Rolle der Kirche im Krieg hervor: "Heute leben wir in einer entscheidenden Zeit, einer Phase der Sinnfindung. Die Menschen suchen Antworten auf tiefgehende, existenzielle Fragen, die niemand in menschlicher Hinsicht beantworten kann - weder die Behörden noch Experten oder Institutionen. Nur der Schöpfer dieser Realität hat die Antworten. Wir Christen sagen: Es ist der Herr, unser Gott."
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