Podiumsgespräch mit ÖAW-Präsident Fassmann, Familienbischof Glettler und OSZE-Sonderbeauftragter Kugler beleuchtet Ursachen von Kinderlosigkeit, Perspektiven und Rolle der Kirche
Wien, 25.02.2026 (KAP) Sinkende Geburtenzahlen, steigende Lebenserwartung und regionale Ungleichgewichte verändern Österreich tiefgreifend: Bei einer Veranstaltung des kirchlichen Instituts für Ehe und Familie (IEF) am Dienstag im Wiener Curhaus diskutierten der Präsident der Österreichische Akademie der Wissenschaften, Heinz Faßmann, die OSZE-Sonderbeauftragte für demografischen Wandel, Gudrun Kugler, sowie "Familienbischof" Hermann Glettler über Ursachen und Perspektiven. Einig waren sie sich: Der demografische Wandel ist kein Randthema, sondern eine Zukunftsfrage.
Faßmann sprach von einer strukturellen Veränderung: Die Reproduktion "aus sich heraus" sei nicht mehr gegeben, Österreich werde weniger und älter. Ohne Reformen drohten stark steigende Ausgaben für Pensionen, Pflege und Gesundheit. Eine rasche Rückkehr zur Bestandserhaltungsrate von 2,1 Kindern pro Frau sei unrealistisch, "aber jede Zahl nach dem Kommapunkt ist ein Gewinn". Migration könne Alterung bremsen, sei aber kein Allheilmittel. Nötig sei ein Maßnahmenmix: Ausbau der Kinderbetreuung, faire finanzielle Leistungen und vor allem eine stärkere Beteiligung der Männer. Laut Studien nehmen Mütter im Schnitt 416 Tage bezahlte Karenz, Väter lediglich neun.
Demografie als "Mainstream"
Kugler lenkte den Blick auf die wachsende Kinderlosigkeit. Nicht Familien bekämen zu wenige Kinder, sondern zu wenige Menschen gründeten überhaupt eine Familie - vielfach unfreiwillig. "Aus einem 'Nicht jetzt' wird oft ein 'Leider nie'." Politik könne Bewusstsein schaffen, dass der Zeitpunkt "nie günstig" erscheine, und Rahmenbedingungen verbessern - etwa durch Kinderbetreuung an Hochschulen oder eine positive Darstellung von Elternschaft. "Kinder zu haben bedeutet auch ein Opfer", so Kugler. Alle Politikbereiche müssten demografische Auswirkungen mitdenken.
Auch die Kirchen sah die OSZE-Sonderbeauftragte gefordert, zum positiven Klima für Familien beizutragen: Etwa durch ein klares Bekenntnis zu Kindern, eigene Angebote für Familien, Förderung stabiler Ehen und Forderungen an die Politik. "Je stärker die Kirche für Ehe und Kinder auftritt, desto mehr orientieren sich Menschen daran, auch wenn sie selbst keine Kirchenmitglieder sind", hätten Studien gezeigt. Profitieren würde die Kirche dadurch auch selbst: Das für religiöse Bindung nötige Grundvertrauen werde vor allem in der Familie gelernt, zudem gelte vielfach das Prinzip "erst die Familie, dann der Glaube": Eltern suchten in der Erziehung verstärkt nach Sinninstanzen für Kinder und würden sich deshalb oft für Religion und Kirche öffnen, so Kugler.
Mutmachen zur Elternschaft
Für Bischof Glettler ist der demografische Wandel nicht nur eine Zahlenfrage, sondern Ausdruck schwindender Sinnperspektive. Kirche müsse Mut machen und Zuversicht vermitteln. "Wenn Menschen sagen können: Das schmeckt nach Zukunft, dann entsteht auch Mut zu Elternschaft", sagte er im Gespräch mit Kathpress. Familie sei Lernort für Verlässlichkeit, Fürsorge und Kompromissfähigkeit - und damit Fundament einer liberalen Gesellschaft. Dabei gehe es der Familienpastoral nicht um Bewertungen oder konkrete Appelle, sondern um einfühlsame Begleitung und Fokus auf Qualität der Beziehungen, denn "nicht nur mangelnde Kontakte belasten Menschen, sondern der Mangel an guten Beziehungen".
Ein solches Klima könne laut dem Leiter des Familienreferats in der Bischofskonferenz das "Ja zum Leben" stärken - und damit auch das Ja zu Kindern. Für letztere sollten sich Pfarren um eine Willkommenskultur bemühen, in der Kinder auch stören dürften und Familien sich angenommen fühlten. Die Kirche könne weiters zu einem sachlichen Dialog beitragen, indem sie zuhört und unterschiedliche Positionen zusammenführt - "ohne in Problemdepression zu verfallen". Die IEF-Fachdebatte am Dienstag habe vorgezeigt, wie dieses konstruktive Suchen nach tragfähigen Lösungen geschehen könne.
Verlässlichkeit statt Perfektion
Psychotherapeutin Barbara Haid deutete die Entwicklung als Folge einer von Selbstoptimierung geprägten Gesellschaft, in der oft das "Ich-Projekt" dominiere. Viele warteten auf den perfekten Zeitpunkt für Kinder - "und der wird nie kommen". Zukunftsängste und idealisierte Medienbilder verstärkten die Unsicherheit. Familie sei jedoch der erste Ort, an dem Menschen erfahren: "Ich bin gewollt, bevor ich etwas leiste." Kinder bräuchten keine perfekten Eltern, sondern stabile Bindung. Resilienz entstehe aus Verlässlichkeit, nicht aus Perfektion, weshalb Haid für mehr "Mut zum Unvollkommenen" plädierte.
Ein persönliches Zeugnis gaben Bernhard und Clarissa Pohoretz, bald Eltern von vier Kindern. Familie sei für sie ein generationenübergreifender Lebensraum "von der Wiege bis zur Bahre". Kinder ließen Erwachsene neu staunen und relativierten materielle Maßstäbe. Herausforderungen wie Zeitmangel, finanzielle Einschränkungen und gesellschaftlicher Perfektionsdruck gehörten dazu. Elternschaft sei "keine Vernunftentscheidung", sondern ein bewusstes Ja. Halt gebe ihre Ehe, das familiäre Umfeld und der Glaube - sowie die Erfahrung: "Die Liebe wird nicht geteilt, jedes Kind bekommt diese zu 100 Prozent."
Zukunftsprojekt Europas
Zum Abschluss forderte Vincenzo Bassi, Präsident der Konföderation von Europas Katholischen Familienverbänden (FAFCE), einen Perspektivenwechsel auf europäischer Ebene. Familie dürfe nicht als Kostenfaktor gelten, sondern als Investition in Humankapital und sozialen Zusammenhalt. Wenn Umwelt- oder Verteidigungsausgaben als Investitionen anerkannt würden, müsse das erst recht für Kinder gelten. Der "demografische Winter" gefährde langfristig Budgets und Stabilität. Migration könne helfen, stabile Familien aber nicht ersetzen. Familie sei "das Zukunftsprojekt Europas", so der FAFCE-Präsident.
(SERVICE: O-Töne der Veranstaltung stehen unter www.kathpress.at/audio zum Download bereit)