Experte betont Rolle der Kirchen für europäischen Zusammenhalt
27.02.202611:44
Österreich/Kirche/Politik/Europa/GEKE
"Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa" (GEKE) sieht sich durch "extreme Polarisierungen" in Europa herausgefordert - GEKE-Generalsekretär Fischer zieht bei Hintergrundgespräch Bilanz seiner Amtszeit
Wien, 27.02.2026 (KAP) Für den europäischen Zusammenhalt spielen die Kirchen eine zentrale Rolle. Davon hat sich der Generalsekretär der "Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa" (GEKE), Mario Fischer, überzeugt gezeigt. Die GEKE versucht, sich diesem Anliegen für den evangelischen Bereich anzunehmen, wie Fischer im Rahmen eines Hintergrundgesprächs in Wien ausführte. Rund 40 Millionen evangelische Christinnen und Christen zählen die 96 Mitgliedskirchen der GEKE in 30 Ländern Europas. Einige Mitgliedskirchen finden sich auch in Südamerika.
Die GEKE bilde eine Plattform, in der sich die Kirchen unabhängig von ihrer Mitgliederzahl oder finanziellen Stärke begegnen, denn alle hätten ungeachtet der Größe die gleichen Stimmrechte, erläuterte Fischer. Mit 40 Millionen Mitgliedern stellten die protestantischen Kirchen in Europa einen Bevölkerungsanteil von rund 8 Prozent, die 3 Prozent Evangelischen in Österreich seien in ihrer Minderheitensituation etwa ein "normaler Durchschnitt".
Seit 2016 hätten sich in Europa "extreme Polarisierungen" ausgebildet, zeigte sich Fischer besorgt. In einem Szenario, in dem "die europäische Vielfalt nicht mehr wahrgenommen" werde, hätten Kirchen die Chance, aber auch die Pflicht, Brückenbauer zu sein. Allerdings musste Fischer einräumen, dass sich politische Konflikte auch quer durch die Kirchen ziehen würden.
Zwei Beispiele: Als herausforderndsten Prozess der letzten Jahre erlebte Fischer die Debatte zum Thema Geschlechterindentitäten, die in die GEKE-Publikation "Gender, Sexuality, Family and Marriage" mündete. Die Reflexion von Geschlecht und Sexualität hatte eine Vielzahl von Positionen und Antworten aufgezeigt und innerhalb der GEKE auch für Meinungsverschiedenheiten gesorgt, die ungarische Delegation war aus diesem Grund etwa der letzten GEKE-Vollversammlung 2024 im rumänischen Sibiu ferngeblieben. "Die Themen Gender/Sexualität und Migration spalten die Gesellschaft und die Kirchen so tief, dass es schwer ist, da noch zusammenzukommen", so der Generalsekretär. Nachsatz: "Die ungarisch-reformierte Kirche steht unter dem starken Einfluss massiver finanzieller Unterstützung durch die Regierung Orbán."
Das zweite Beispiel: In der Ukraine gibt es zwei Kirchen der reformatorischen Tradition: Zum einen jene der Reformierten Kirche, die in der Westukraine (Transkarpatien) beheimatet ist. Die bis zu 60.000 Kirchenmitglieder seien durchwegs ungarischsprachig, hätten auch alle einen ungarischen Pass und fühlten sich in der Ukraine eher benachteiligt. Zum anderen gebe es die Lutherische Kirche, die vielleicht nur 1.000 Mitglieder, verteilt auf 14 Pfarren in der gesamten Ukraine, zählt und voll in die Gesellschaft integriert ist.
"Gemeinsam am Tisch bleiben"
Dennoch könne er aus Überzeugung betonen, so Fischer, dass sich die GEKE-Mitgliedskirchen bewusst seien, "dass unsere Gemeinschaft ein so hohes Gut ist, das niemand aufgeben will". Wichtig sei, trotz unterschiedlicher Positionen "gemeinsam am Tisch zu bleiben, nicht nur am Tisch des Herrn, sondern am Tisch des Gesprächs".
Ein besonders bemerkenswerter Moment war für Fischer in dieser Hinsicht die GEKE-Generalversammlung 2024, bei der ukrainische und russische Vertreter der örtlichen lutherischen Kirche gemeinsam auf dem Podium saßen und über die unterschiedlichen Rollen der Kirchen im Krieg diskutierten
Grundlage der GEKE ist die sogenannte Leuenberger Konkordie von 1973. Mit diesem protestantischen Ökumene-Dokument haben die seit der Reformation getrennten lutherischen, reformierten und die aus ihnen hervorgegangenen unierten Kirchen ihre Differenzen überwunden und Kanzel- und Abendmahlsgemeinschaft erklärt. Zuvor war es nicht möglich, dass etwa ein Pfarrer aus einer reformierten Gemeinde als Pfarrer oder gar Bischof in einer lutherischen Landeskirche tätig wird. Ebenso gab es keine gemeinsame Feier des Abendmahls.
Mit der Konkordie sind allerdings die unterschiedlichen Lehrmeinungen zwischen Lutheranern und den sich auf die Schweizer Reformatoren Calvin und Zwingli berufenden Reformierten noch nicht vereinheitlicht; sie gelten nur nicht mehr als kirchentrennend ("versöhnte Verschiedenheit"). Und die Konkordie gilt eben nicht weltweit, sondern nur für die Mitgliedskirchen der GEKE, die sich ursprünglich "Leuenberger Kirchengemeinschaft" nannte.
Angesichts der demografischen Entwicklungen und der damit verbunden sinkenden Mitgliederzahlen stehen die evangelischen Kirchen in Europa vor der zentralen Herausforderung, "wie wir mit existenziellen Fragen Menschen erreichen", sagte Fischer weiter. Zum einen solle sich Kirche "dort zeigen, wo man vor Ort lebt", die Organisation trete dabei "eher in den Hintergrund". Gleichzeitig hätten vielfältige Europäisierungsprozesse gezeigt, dass es einen Ansprechpartner der evangelischen Kirchen auf europäischer Ebene brauche, auch diese Funktion leiste die GEKE. Die Kirchengemeinschaft lebe durch ihre Mitgliedskirchen als Gottesdienstgemeinde vor Ort, im Austausch über Lehre und Dienst, in Solidarität und im ökumenischen Dialog mit anderen Konfessionen.
In Lehrgesprächen und Studienprozessen greift die GEKE weiters aktuelle theologische und ethische Fragen auf. Fischer erinnert in diesem Zusammenhang an die Publikation zum Thema Sterbehilfe, die in vielen Mitgliedskirchen breit rezipiert wurde, oder etwa an jene zur Reproduktionsmedizin.
Als weitere große Themen benannte Fischer im Hintergrundgespräch etwa Migration und auch Missbrauch im innerkirchlichen Bereich. Letzteres sei auch im evangelischen Kontext vorhanden, wenn auch die Mechanismen, die Missbrauch begünstigen, anders gelagert seien als in der Katholischen Kirche. Ca. ein Drittel aller GEKE-Mitgliedskirchen hätte noch kein Schutzkonzept. Das betreffe vor allem Kirchen außerhalb der EU.
Ihre Themen wollen die Evangelischen Kirchen in Europa auch künftig im gesellschaftlichen Diskurs verankern, bekräftigt Fischer, "wir sind überzeugt, dass diese Gesellschaft ein Ackerfeld Gottes ist und wir eine frohe Botschaft zu bringen haben."
Fischer verabschiedet sich von Wien
Mario Fischer ist der erste hauptamtliche Generalsekretär der GEKE, die ihren Sitz in Wien hat. Er folgte als Generalsekretär 2018 auf den damaligen lutherischen Bischof Michael Bünker. Mit 1. Mai wechselt Fischer nun zum Konfessionskundlichen Institut in Bensheim in Deutschland, dessen Leitung er übernimmt. Als Generalsekretärin der GEKE folgt ihm die deutsche Pfarrerin Susanne Schenk nach. (Website der GEKE: www.leuenberg.eu)