Der Papst, an dem sich die Geister scheiden: Als Päpstlicher Botschafter in Berlin war Eugenio Pacelli den Deutschen eng verbunden, ein Verhalten gegenüber dem Holocaust sorgt bis heute für Debatten - Von Christoph Arens
Rom/Bonn, 27.02.2026 (KAP/KNA) An ihm scheiden sich die Geister: Ob Papst Pius XII. selig- und gar heiliggesprochen werden sollte, ist ein Politikum. Seine Verehrer preisen ihn als "Engel von Rom", der tausenden Juden das Leben gerettet habe. Für seine Kritiker ist er der Papst, der zum Holocaust geschwiegen hat. Am 2. März vor 150 Jahren wurde Pius XII. als Eugenio Pacelli in Rom geboren. Von 1939 bis zu seinem Tod 1958 war er der 260. Bischof von Rom.
Dass Pacelli Kirchenkarriere machen würde, war durchaus vorgezeichnet. Sein Großvater hatte die Vatikan-Zeitung "Osservatore Romano" mitbegründet, sein Vater war Anwalt des Heiligen Stuhls. Der junge Eugenio wurde von der Kirche gefördert. 1899 zum Priester geweiht, erwarb er anschließend sowohl den theologischen als auch den kirchenrechtlichen Doktortitel.
Bedeutender Diplomat
Pacelli sammelte zunächst Erfahrungen in der Kirchenzentrale. Im Ersten Weltkrieg wurde er zuständig für humanitäre Fragen. Anschließend entwickelte sich der Römer zu einem mit allen Wassern gewaschenen Diplomaten - mit besonderer Nähe zu Deutschland. 1917 ging er als Botschafter des Papstes ins Königreich Bayern. Dort erlebte er die Räterepublik, die seinen Antikommunismus - und möglicherweise auch seine kritische Einstellung gegenüber Juden - prägte. 1920 wurde der Kirchendiplomat auch erster Papst-Botschafter bei der Reichsregierung in Berlin.
Dort war er schnell als politischer Berater geschätzt. Seine zentrale Aufgabe: die Neuregelung des Staat-Kirche-Verhältnisses der Weimarer Republik: Es ging um die katholischen Bekenntnisschulen, die Priesterausbildung an staatlichen Hochschulen, Bischofsernennungen und die Finanzierung der Kirche. 1924 konnte das Bayerische, 1929 das Preußen- und 1932 auch das Badische Konkordat geschlossen werden. Für Pacelli war das Preußen-Konkordat die Krönung - schließlich handelte es sich um einen Vertrag mit einem protestantisch geprägten, dem Heiligen Stuhl keineswegs wohl gesonnenen Staat.
Vertrag mit dem Teufel
Zäh verliefen die bereits 1924 begonnenen Konkordats-Verhandlungen mit den Reichsregierungen. Sogar Hitler nahm das Projekt wieder auf. Das schon am 20. Juli 1933 unterzeichnete Reichskonkordat bedeutete für die Nazis einen großen Prestige-Gewinn. Pacelli ging es darum, die Freiheit des religiösen Bekenntnisses, den Fortbestand katholischer Vereine sowie der Bekenntnisschulen in Nazi-Deutschland zu sichern - ein Vertrag mit dem Teufel.
Zwölf Jahre lang wirkte Pacelli in Deutschland. Der Münsteraner Kirchenhistoriker Hubert Wolf schreibt von einer "deutschen Prägung". Als der Römer 1929 in den Vatikan zurückkehrte, bekleidete er bis zu seiner Wahl zum Papst 1939 das Amt des Kardinalstaatssekretärs.
Pacellis Pontifikat fiel in die dunkelste Zeit des 20. Jahrhunderts. Neutralität, mehr noch Überparteilichkeit war die Linie des Papstes im Krieg. Die Diskussionen über sein Verhalten gegenüber der NS-Diktatur halten bis heute an: Hat der Papst zum Holocaust geschwiegen? Zumindest äußerte sich Pius XII. mehrfach indirekt. Etwa in seiner Weihnachtsbotschaft 1942, als er erinnerte an "Hunderttausende, die ohne eigenes Verschulden, bisweilen nur aufgrund ihrer Nationalität oder Rasse dem Tod oder fortschreitender Vernichtung preisgegeben sind".
Dramatischer Ansehensverlust
Aber entsprach diese diplomatisch verbrämte Sprache dem hohen moralischen Anspruch der Kirche? Was hätte ein öffentlicher Aufschrei genutzt? Spätestens mit Rolf Hochhuths Drama "Der Stellvertreter" 1963 wandelte sich das bis dahin weithin positive öffentliche Image des Papstes.
Inzwischen deuten sich ganz neue Antworten an. Nachdem der Vatikan 2020 die Archive zu Pius' XII. geöffnet hatte, entdeckte das Team von Kirchenhistoriker Wolf knapp 9.500 Bittschreiben, die europäische Juden zwischen 1939 und 1945 in höchster Not an den Papst richteten.
Historiker Wolf betont, dass eine Konzentration auf Pius XII. allein zu kurz greifen würde. Der Papst habe nur geschätzte zehn Prozent der Bittschreiben selber gelesen. Klar ist, dass der Vatikan sehr detailliert über die Situation der Juden informiert war - und über Handlungsoptionen stritt; und auch, dass der Heilige Stuhl oft half: mit Geld oder bei Auswanderungen.
Ehrenerklärung für deutsche Katholiken
Schon kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs zeigte Pius XII. erneut seine deutsch-freundliche Haltung. Im Juni 1945 gab er eine Ehrenerklärung für die deutschen Katholiken ab und lobte Mut, Treue und Geschlossenheit. Zum Vermächtnis des Pacelli-Papstes gehört auch das 1950 verkündete Dogma von der leiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel. Es ist die bisher einzige Inanspruchnahme der dem Papsttum 1870 zugesprochenen Unfehlbarkeit.
Der elegisch, stets entrückt wirkende Papst starb am 9. Oktober 1958 mit 82 Jahren in Castel Gandolfo. Erstmals gingen Fernsehbilder um die Welt. Sonderkorrespondenten, Fotografen und Kamerateams drängten sich in Castel Gandolfo und auf dem Petersplatz. Radio Vatikan sendete direkt aus einem Hörfunkstudio neben dem Krankenzimmer des Papstes.
Im medialen Wettlauf passierte, was nicht passieren durfte: Gleich zwei Nachrichtenagenturen meldeten einen vorzeitigen Papsttod. Und noch schlimmer: Leibarzt Riccardo Galeazzi-Lisi verkaufte sein Dossier vom Sterben des Papstes sowie heimlich gemachte Fotos des Sterbenden und des Leichnams an die Presse.