Wirbel um Hirtenwort der ungarischen Bischöfe zur Ukraine-Hilfe
27.02.202613:48
Ungarn/Ukraine/Kirche/Krieg/Wahl/Parteien
Bischofskonferenz verweist in Fastenzeitschreiben auf Kriegsleid der Zivilbevölkerung in der Ukraine - Kritiker sehen Verbindung zu Rhetorik von Orbáns Fidesz-Partei, die mit Angst vor Krieg Wahlkampf macht
Budapest, 27.02.2026 (KAP) Im aktuellen Wahlkampf vor der Parlamentswahl in Ungarn im April sorgt ein Hirtenwort der katholischen Bischofskonferenz zur Fastenzeit für Aufsehen. Eingeleitet mit eindrücklichen Schilderungen des vom Krieg verursachten Leids der Bevölkerung in der Ukraine, bitten die ungarischen Bischöfe darin um das Gebet für Frieden und die Unterstützung der Caritas-Hilfe für das Nachbarland. Kritiker werfen der Bischofskonferenz vor, eine zentrale Wahlkampf-Strategie der Fidesz-Partei von Ministerpräsident Viktor Orbán zu unterstützen. Diese versucht, die Angst vor einem Krieg in der ungarischen Bevölkerung zur Mobilisierung ihrer Anhängerschaft zu nutzen. Ein Vorwurf, den der Konferenz-Vorsitzende Bischof János Székely umgehend zurückgewiesen hat. Das Hirtenwort sei nicht parteipolitisch motiviert.
Veröffentlicht wurde das Bischofsschreiben am 22. Februar, zwei Tage vor dem vierten Jahrestag des russischen Angriffs auf die Ukraine. Man höre viel über Geopolitik, Waffen, Gebiete und Strategien, den eigentlichen Preis des Krieges zahle aber die Bevölkerung, so die Bischofskonferenz. Dies wird in den ersten Sätzen des Hirtenworts in eindringlichen Sprachbildern deutlich gemacht. Ein zehnjähriger Bub, der seinen beinamputierten Vater im Rollstuhl durch die Straßen von Mukatschewo schiebt, verängstigte Eltern, die auf Nachricht ihrer Söhne an der Front warten, verzweifelte Frauen, deren Ehemänner zu Kriegsopfern geworden sind, oder Großmütter, die alleine in dunklen Wohnungen frieren - sie alle zahlten den Preis für Krieg, so die Bischöfe, und sie fragen: "Wie viele Kinder und Erwachsene müssen noch körperlich und seelisch verstümmelt werden, bis alle erkennen, dass ein Krieg nur Verlierer kennt?"
In Anknüpfung an Worte von Papst Leo XIV. betont das Fastenhirtenwort das Mitgefühl mit der Zivilbevölkerung in der Ukraine und zitiert: "Wir beten für einen gerechten und dauerhaften Frieden." Damit verbunden wird zu Kirchensammlungen am zweiten Sonntag der Fastenzeit aufgerufen, um die humanitäre Hilfe von Caritas Ungarn in der ukrainischen Region Transkarpatien (Karpato-Ukraine) zu unterstützen.
Die emotionale Schilderung des Kriegsleids der Menschen habe ein Mitarbeiter der Sankt-Martin-Caritas in Transkarpatien schon vor Wochen formuliert, hielt Bischof Székely in einer am Mittwoch veröffentlichten Reaktion auf Kritik an dem Schreiben fest. Mit Blick auf die Berichterstattung mehrerer Medien über das Hirtenwort sprach Székely von Missverständnissen: "Unser Ziel war es, für den Frieden zu beten und für die Ukraine zu sammeln." Er bitte alle Menschen guten Willens um Spenden für die Caritas, warb der Bischof um Mitgefühl und Nähe zur ukrainischen Bevölkerung.
Zuvor hatte unter anderem das der Tisza-Partei von Oppositionsführer Péter Magyar zugerechnete Online-Portal "Kontroll.hu", scharfe Kritik am bischöflichen Schreiben geübt und über eine Anordnung aus der Orbán-Regierung gemutmaßt. In den Zeilen der Bischöfe werde der Name Jesu kein einziges Mal erwähnt, es sei kein biblisches Zitat enthalten, "dafür aber werden die Schrecken des Krieges in der Ukraine ausführlich geschildert", war zu lesen. Eine öffentliche Äußerung von Vertretern der Tisza-Partei gab es bisher nicht.
Von "politischen Untertönen" in dem Bischofsschreiben zur Fastenzeit war auch im Nachrichtenportal "Telex" die Rede; das Hirtenwort handle nicht von der traditionellen Osterbotschaft, sondern sende eine "bedrückende, erdrückende Botschaft". Andere Kommentatoren wiesen darauf hin, dass Russland als Aggressor nicht genannt sei, der Begriff "Frieden" in Ungarn stark politisiert sei und viele Ungarn eine ausdrückliche Parteinahme für den Frieden nicht als Ruf nach einem gerechten und dauerhaften Frieden, sondern nach "Frieden um jeden Preis" verstünden.
Die Veröffentlichung des Hirtenworts sei genau am Wochenende des offiziellen Wahlkampf-Starts erfolgt, erinnerte auch István Gégény im Portal "szemlelek.net". Selbst wenn es nur das Ziel der Bischöfe gewesen sei, mit ihrem Hirtenwort die katholische Soziallehre zum Eintreten für andere zu betonen, sei der Ärger unter vielen Gläubigen und Priestern über das Schreiben ein Zeichen dafür, dass man etwas falsch gemacht habe. Wenn die Bischofskonferenz aktuelle Vorgänge in der Gesellschaft und im öffentlichen Leben nicht berücksichtige und gerade zu diesem Zeitpunkt einen Text veröffentliche, der mit der Propaganda einer politischen Partei übereinstimme, dürften sich die Verantwortliche nicht darüber wundern, wenn Parallelen gezogen werden.
Ministerpräsident Orbán hat im bisherigen Wahlkampf mehrfach erklärt, dass bei der Wahl am 12. April die Sicherheit und der Frieden Ungarns auf dem Spiel stünden. Der Krieg in der Ukraine ist auch auf Fidesz-Wahlplakaten eines der markantesten Themen. In der bewusst auf Kriegsangst in der Bevölkerung aufgebauten Kampagne kommuniziert die Regierungspartei, dass eine Fidesz-Wahlniederlage "das Land in einen Krieg hineinziehen" würde. Auch der EU und den anderen EU-Ländern wird vorgeworfen, "auf Seite des Krieges" zu stehen und ganz Europa hineinziehen zu wollen. Zuletzt wurde ein angeblich beabsichtigter Angriff der Ukraine auf Ungarn zum Thema gemacht. Für Schlagzeilen sorgte auch ein von der Regierungspartei geteiltes, mit Künstlicher Intelligenz (KI) hergestelltes Video, in dem ein ungarischer Soldat erschossen wird, während seine kleine Tochter zu Hause auf ihn wartet.