Unversehens ist mit dem Überraschungsangriff Israels auf den Iran wieder Krieg im Nahen Osten. Die Menschen in Jerusalem nehmen den ersten Tag des Schlagabtauschs gelassen hin. Aber niemand weiß, was noch kommt - Korrespondentenbericht von Johannes Schidelko
Jerusalem, 28.02.2026 (KAP/KNA) Der Alarm des israelischen Home Front Command kam um 8.13 Uhr - völlig überraschend. Die Sirenen im ganzen Land und die Warn-Apps auf allen Handys erreichten die Juden an ihrem Ruhetag Schabbat. Die Muslime erholten sich vermutlich von einem ausgiebigen Iftar-Mahl am Ramadan-Freitag. Und fast alle gingen davon aus, dass US-Präsident Donald Trump zumindest die für Montag angesetzte neue Gesprächsrunde mit den Iranern unter Vermittlung des Oman abwarten würde.
Es war ein Überraschungsangriff. Israels Verteidigungsminister Israel Katz sprach von einem Präventivschlag, also einem Angriff unmittelbar vor einem erwarteten gegnerischen Angriff. Beobachter erinnerte er an den Sechstagekrieg von Juni 1967. Damals griff Israel - nach ultimativen Drohungen von Ägyptens Gamal Abdel Nasser - seine Nachbarstaaten an, und erweiterte sein Terrain um das jordanisch-besetzte Westjordanland, den ägyptischen Sinai und den syrischen Golan.
Israel war auf Gegenschlag eingestellt
Der Angriff vom Samstagmorgen auf den Iran war detailliert und offensichtlich langfristig mit den USA abgestimmt. Schon in den vergangenen Tagen spekulierten Medien in Israel wie in den USA, dass Israel den Erstschlag führen sollte - natürlich in enger Abstimmung mit dem mächtigen Partner. Irans Verteidigungsminister Amir Hatami und der Chef der Revolutionsgarden, General Mohammad Pakpour, sollen getötet worden sein, ebenso ein wichtiger Berater von Ajatollah Ali Chamenei.
Die israelischen Behörden waren auf einen Gegenschlag eingestellt: Der Ausnahmezustand wurde verhängt, der Flughafen geschlossen. In Jerusalem patrouillierte Polizei, verlangte die Schließung von Restaurants und Geschäften. Während in der jüdischen Neustadt die Schabbat-Ruhe dominierte, ging das Leben in der arabischen Altstadt zunächst normal weiter. Bewohner des jüdischen Viertels besuchten die Klagemauer. Auf dem Tempelberg hatten sich Muslime zum Gebet eingefunden.
Zitronenernte auf dem Zion
Im Felsendom nahm eine Studentengruppe gerade an einem Koran-Unterricht teil - als der Alarm ertönte. Kaum jemand habe sich bewegt, berichtet eine Studentin. Zwar sei der Felsendom geschlossen worden, aber die Besucher auf dem Plateau der Al-Aksa-Moschee hätten alle Ruhe bewahrt. Auch außerhalb des Damaskustors zur Jerusalemer Altstadt waren die Geschäfte zunächst geöffnet, auf den Straßen herrschte Treiben. Und im Garten der Dormitio, der deutschen Benediktiner-Abtei auf dem Zionsberg, ging die Zitronenernte ungestört weiter.
Dann aber gab es kurz nach 10 Uhr auch für Jerusalem Alarm. Die Bewohner suchten Schutzräume auf. Über der Stadt wurden Raketen gesichtet. Mehrere laute Explosionen waren zu hören, als das israelische Abwehrsystem erfolgreich ein Geschoss abfing. Die deutsche Schmidt-Schule am Rand der Altstadt, in der auch samstags unterrichtet wird, schickte die Schülerinnen nach Hause.
Später entdeckte man im Hof der Schule zwei etwa 40 Zentimeter große Trümmerteile. Auch beim Sultanspool westlich der Altstadt fiel ein größeres Raketenstück nieder und sorgte für starke Rauchentwicklung. Der Platz vor der Klagemauer war inzwischen verwaist. Nach israelischen Angaben feuerte der Iran rund 30 Raketen in Vergeltung ab. Wie während des Zwölf-Tage-Kriegs im Juni hielt auch diesmal der israelische Abwehrschirm.
Pilger im Bunker
Hatte sich der Tourismus in Israel nach der Waffenstillstandsvereinbarung im Gazakrieg zunächst etwas erholt, so sorgten die jüngsten Spannungen mit dem Iran zuletzt wieder für Stornierungen. Dennoch waren einzelne Besucher und auch kleine Pilgergruppen im Land unterwegs.
In Tabgha, einem beschaulichen Pilgerort am See Genezareth, überraschte der Luftalarm am Samstag eine französische Studentengruppe beim Besuch der Kirche. Sie liegt unterhalb des Berges, auf dem der Überlieferung nach Jesus die Friedfertigen selig pries. Die Studenten fanden im Bunker des Benediktinerklosters zusammen mit den Mönchen Zuflucht.
Die israelischen Medien vermuten, dass es in den kommenden Tagen einen intensiven Beschuss des Iran auf Israel geben wird, insbesondere auf die Stadtregionen. Und alle im Land rätseln, ob es sich wieder auf einen Blitzkrieg beschränkt, ähnlich dem Zwölf-Tage-Krieg vom Juni, oder ob ein größerer Brand die Krisenregion Nahost erfasst.