Brutaler Taktiker der Macht: Irans Oberster Führer Ajatollah Chamenei ist tot - Porträt von Christoph Schmidt
Teheran, 01.03.2026 (KAP/KNA) Fast 37 Jahre stand der iranische Revolutionsführer Ali Chamenei an der Spitze des Landes. Die meisten der rund 90 Millionen Iranerinnen und Iraner haben nie einen anderen Staatschef erlebt als den Ajatollah. In der Nacht zu Sonntag bestätigten die Staatsmedien: Chamenei ist tot. Offenbar kam der 86-Jährige bei einem der Luftangriffe ums Leben, die US-Amerikaner und Israelis seit Samstag gegen die politischen und militärischen Machtzentralen des Iran fliegen.
Aus westlicher Sicht galt der Mann mit dem schwarzen Turban, der ihn als Sayyid, als Nachkommen des Propheten Mohammed auswies, geradezu als Inkarnation des Bösen. Das dunkle Charisma und die religiöse Autorität seines Lehrers und Förderers Ajatollah Chomeini besaß Chamenei allerdings nie, dafür Machtinstinkt und Talent als Redner. Am 4. Juni 1989, einen Tag nach Chomeinis Tod, wählte ihn der Expertenrat, neben dem Wächterrat das höchste Gremium der Islamischen Republik, überraschend zu dessen Nachfolger als "Revolutionsführer". Den dazugehörigen religiösen Ehrentitel eines Ajatollahs erhielt er damals nur unter Murren der schiitischen Geistlichkeit.
Steinigungen und Tschaddor
Zuvor hatte Chamenei als Staatspräsident nach der Islamischen Revolution 1979 die Umwandlung des Iran in einen "Gottesstaat" rigide vorangetrieben. Er forderte Steinigungen und Auspeitschungen gemäß der Scharia und die Verdrängung der Frauen aus dem öffentlichen Leben. Deren Protest gegen den Tschaddor sei gefährlicher als Prostitution.
Persönliche Opfer - seit einem Sprengstoffanschlag durch Oppositionelle konnte er seinen rechten Arm nicht mehr bewegen - spornten seinen Fanatismus nur an. Auch der mörderische Golfkrieg gegen den Angreifer Irak (1980-1988) mit bis zu 500.000 iranischen Toten bestärkte Chamenei darin, die Islamische Republik müsse gegen eine Welt von Feinden verteidigt werden.
Chameneis Weg in den politischen Islam begann früh. 1939 in der Pilgerstadt Mashhad in eine arme, tiefreligiöse Familie geboren, schloss er sich jung dem Widerstand gegen das westlich orientierte Schah-Regime an. Mehrmals verhaftete und folterte ihn die berüchtigte Geheimpolizei Savak. Chameneis Lichtgestalt wurde Ruhollah Chomeini, bei dem er in der Heiligen Stadt Qom studierte.
Dessen Staatskonzept einer "Herrschaft der Rechtsgelehrten" bis zur Wiederkehr des zwölften Imams war im schiitischen Islam umstritten. Die Massen aber hofften auf das Heilsversprechen sozialer Gerechtigkeit. In Wahrheit wechselten nur die Folterknechte und Profiteure, erstickte die persische Kulturnation im Würgegriff islamistischer Despotie. Chamenei wurde durch die Jahrzehnte ihr eigentliches Gesicht.
Führer auf Lebenszeit
Als Revolutionsführer in Allahs Auftrag und auf Lebenszeit herrschte er über den staatlichen Institutionen. Mit seinem Einfluss auf den Wächterrat, der die Gesetze prüft, kontrollierte Chamenei stets die Politik - und mit der ihm ergebenen Revolutionsgarde die Straße. Reformer in Regierung und Parlament ließ er aus taktischen Gründen zu - und bremste sie wieder aus. So folgte auf den moderaten Staatspräsidenten Mohammad Chatami nach Wahlbetrug 2009 der Hardliner Mahmud Ahmadinedschad, auf den ultrakonservativen "Blutrichter" Ebrahim Raisi zuletzt der eher gemäßigte Massud Peseschkian.
Erste Massenproteste ließ Chamenei 2009 wie alle späteren Volksaufstände niederschießen, zuletzt 2025 mit landesweit vermutlich Tausenden Toten und Zehntausenden Verhafteten. Gegen Armut, Korruption und die Kleptokratie der Eliten und der Revolutionsgarde ging Chamenei weniger energisch vor. Das Versprechen vom sozial gerechten Gottesstaat wurde endgültig zur leeren, blutigen Hülle. In der Bevölkerung war der Diktator weitgehend verhasst. Angeblich kam es nach der Todesnachricht teils zu Jubelszenen im Land.
Religion auf tönernen Füßen
Ausgerechnet der Iran gilt heute als eine der säkularsten Gesellschaften in der islamischen Welt. Gerade einmal 40 Prozent bezeichneten sich 2021 in einer westlichen Studie als gläubige Muslime. Nur 15 Prozent befürworteten die Todesstrafe auf Basis der Scharia - während das Regime jedes Jahr hunderte Menschen hinrichten ließ.
Auch Chomeninis Todes-Fatwa gegen den Schriftsteller Salman Rushdie nahm Chamenei nie zurück. Der "schwarze Pfeil des Todes" sei abgeschossen, tönte er damals. Im August 2022 verlor Rushdie bei einem Anschlag durch einen schiitischen Fanatiker in den USA ein Auge.
Außenpolitisch setzte der Oberste Führer des Iran fast durchgehend auf die Konfrontation mit Israel und den USA und förderte die verbündeten Terrormilizen Hisbollah und Hamas. Das iranische Atomprogramm nach der Jahrtausendwende sollte den Aufstieg zur Großmacht ebnen, dem Iran aber auch Sicherheit vor Angriffen geben. 2015 bewogen diplomatischer Druck und westliche Sanktionen das Regime zum Einlenken.
Inwieweit es seither weiter an der Bombe arbeitete, bleibt umstritten. Doch immer beschwor Chamenei in seinen Predigten und Reden die "Mission der Islamischen Republik", das "zionistische Krebsgeschwür" Israel von der Landkarte zu tilgen. Nun wurde ihm diese Mission zum Verhängnis.
Wer wird der Nachfolger?
Laut Verfassung muss nun der Expertenrat aus derzeit 88 schiitischen Klerikern Chameneis Nachfolger bestimmen. Ob er aus dem Lager der Hardliner oder der Reformer kommt, ist die große Frage. Mehrere Namen wurden schon vor seinem Tod gehandelt. Darunter sind der eher gemäßigte frühere Präsident Hassan Ruhani, aber auch Chameneis Sohn Mojtaba, der als Mann der Revolutionsgarden gilt, und Hassan Chomeini, ein Enkel des ersten Revolutionsführers. Bis zur Ernennung übernimmt ein Dreiergremium die Amtsgeschäfte des Staatschefs, bestehend aus dem Staatspräsidenten, dem Justizminister und einem Mitglied des Wächterrats.