Bischöfe im Libanon:"Raketen fliegen über unsere Köpfe hinweg"
03.03.202614:45
(zuletzt bearbeitet am 03.03.2026 um 15:30 Uhr)
Österreich/Libanon/Kirche/Krieg/Soziales/Religion
Partner der päpstlichen Hilfswerke "Kirche in Not" und "Missio" berichten von dramatischen Entwicklungen im Libanon - Experten befürchten bald Hunderttausende Vertriebene
Wien/Beirut, 03.03.2026 (KAP) Im Libanon spitzt sich die Lage dramatisch zu. Mehrere katholische Bischöfe von vor Ort haben dem päpstlichen Hilfswerk "Kirche in Not" von Angst und Instabilität in ihren Diözesen nach den israelischen Luftschlägen auf den Süden des Landes berichtet. Die israelischen Angriffe waren zuvor von Angriffen der radikalislamischen Hisbollah auf Israel provoziert worden. Der griechisch-melkitische Erzbischof von Sidon, Elie Bechara Haddad, beschrieb die angespannte Atmosphäre mit den Worten: "Raketen fliegen über unsere Köpfe hinweg." Seine Diözese sei aktuell nicht direkt getroffen worden, aber viele Flüchtlinge würden bereits in öffentlichen Schulen und Pfarrzentren aufgenommen und betreut.
Auch weiter südlich berichtete der griechisch-melkitische Erzbischof von Tyros, Georges Iskandar, gegenüber "Kirche in Not", dass kirchliche Einrichtungen bereits Flüchtlinge aufnehmen. Er schätze, dass bald rund 800 christliche Familien in seiner Diözese Hilfe benötigen könnten, sollten die Kampfhandlungen anhalten. "Die Menschen sind erschöpft", betonte Iskandar, "sie fürchten um ihre Kinder und ihre Zukunft; sie sehnen sich nach einem einfachen und normalen Leben: dass ein Kind ohne Angst zur Schule gehen kann, dass ein älterer Mensch friedlich in seinem Zuhause schlafen kann, dass Vater und Mutter in Würde für ihren Lebensunterhalt arbeiten können."
Seine Aufgabe als Erzbischof sehe er in dieser Situation darin, den Menschen nahe zu sein, ihr Leid zu hören, mit ihnen zu beten. "Ich muss sie daran erinnern, dass ihre Würde vor Gott gewahrt ist und die christliche Hoffnung nicht auf Machtverhältnissen, sondern auf dem Glauben an den Herrn der Geschichte gründet, der Frieden für sein Volk will."
Hilfe für muslimische und christliche Familien
Im vorwiegend christlich besiedelten Bekaa-Tal entwickelt sich die Krise nach Ansicht des maronitischen Ortsbischofs Hanna Rahme ähnlich wie bereits im Krieg von 2024. Rahme berichtete, dass muslimische und christliche Familien aus Baalbek erneut in Deir el-Ahmar Zuflucht suchen. Auch dort seien öffentliche Schulen und Kirchenzentren wie die St.-Nohra-Schule geöffnet worden, um vertriebene Familien aufzunehmen. Trotz äußerst begrenzter Mittel betonte Bischof Rahme, die Kirche werde die Bedürftigen nicht im Stich lassen: "Sie gehören zu uns; wir werden uns mit unseren Möglichkeiten um sie kümmern."
Nach Angaben der libanesischen Regierung wurden durch die Luftangriffe fast 30.000 Menschen vertrieben, für knapp 50 Dörfer im Süden des Landes sei die Evakuierung angeordnet worden. Die Autobahnen aus dem Südlibanon und den südlichen Vororten Beiruts waren am Montag schnell überlastet, tausende Menschen steckten stundenlang im Stau fest. Obwohl die Regierung öffentliche Notunterkünfte und Notfall-Hotlines eingerichtet hat, bleibe die Lage nach Einschätzung der katholischen Bischöfe instabil. Mehrere Diözesen haben gegenüber "Kirche in Not" angekündigt, dass sie bei einer weiteren Eskalation auf internationale Hilfe für die Versorgung der Flüchtlinge mit Nahrungsmitteln, Notfallpaketen und Existenzhilfe angewiesen sein dürften. (Spendenkonto "Kirche in Not": IBAN: AT71 2011 1827 6701 0600, Verwendungszweck: Libanon, online: www.kircheinnot.at)
Hunderttausende Menschen bald auf der Flucht
Ähnlich dramatisch schilderten auch Projektpartner der Päpstlichen Missionswerke (Missio) die Situation im Libanon mit schweren Raketenangriffen und unzähligen Geflüchteten. Father Daniel Corrou, Leiter des "Jesuit Refugee Service" und Missio-Projektpartner nimmt mit seinem Team flüchtende Menschen in der Jesuitenkirche im Stadtzentrum von Beirut auf. "Trotz unserer Hoffnungen erwarten wir alle, dass es sich um einen langwierigen Konflikt handeln wird - möglicherweise mehrere Wochen oder Monate", so Corrou.
Missio Österreich unterstützt seit Jahren das Bildungsprogramm des "Jesuit Refugee Service" im Libanon. Dessen Standorte mussten aufgrund der Angriffe kurzfristig geschlossen werden. "Wir setzten aber die psychosoziale Unterstützung für die besonders Schutzbedürftigen in unseren regulären Programmen fort", bestätigte Corrou. Er schilderte auch die Folgen der seit Jahren andauernden Konflikte: "Wir sind uns auch der vielfachen Traumata bewusst, die die Menschen im Libanon in den vergangenen Jahren erlebt haben. Viele haben heute geteilt, dass ihre Erschöpfung zu schwer wiegt. Keiner von uns kann das allein bewältigen", so Father Daniel. Er und sein Team rechnen damit, dass in den kommenden Tagen Hunderttausende Menschen innerhalb des Landes fliehen werden.
Menschen leben in Angst
Dass der aktuelle Konflikt im Nahen Osten vor allem die Zivilbevölkerung mit voller Härte trifft, hat auch das Hilfswerk "Jugend eine Welt" am Dienstag in einer Aussendung bestätigt. "Wir sind von Angriffen bislang Gott sei Dank noch verschont geblieben. Unser Standort ist aktuell eine Oase des Friedens und der Sicherheit. Aber man hört die Bomben, die auf Beirut niedergehen", berichtete etwa Lina Abou Naoum, Jugend Eine Welt-Projektpartnerin im Libanon. Die Don Bosco-Schwester ist die Direktorin einer Schule in Kahalé, einem Bergdorf im Distrikt Aley, rund 13 Kilometer von Beirut entfernt. "Die aktuelle Situation macht natürlich Angst, denn man kann nie vor eventuellen Querschlägern sicher sein", so Sr. Lina. Die Don Bosco-Schule bleibt daher aus Sicherheitsgründen geschlossen.
"Die Menschen verharren zu Hause. Wir versuchen mit Verteilaktionen die Lebensmittel- und Medikamentenversorgung möglichst aufrechtzuerhalten", so die Don Bosco-Schwester. "Ein großes Problem ist aber, dass die Preise für Lebensmittel zuletzt sehr stark gestiegen sind. Dazu kommen auch noch die höheren Kosten für Elektrizität und Gas. Mittlerweile ist das Leben für viele Menschen nicht mehr leistbar". Es regiert die Angst vor einem weiteren Anstieg und einem damit verbundenen Währungsverlust." Die Hoffnung in der Bevölkerung auf ein baldiges Ende des Krieges ist laut Sr. Lina gering - vielmehr fürchte man eine weitere Eskalation.
Auch aus Hadath Baalbek im Osten Libanons erreichten Jugend Eine Welt besorgniserregende Nachrichten. Don Bosco-Schwester Rudaina berichtet, dass das Schultheater - der sicherste Ort der Schule - bereits als Notquartier vorbereitet wurde. Schon bei früheren Raketenagriffen fanden dort rund fünfzig Familien Schutz. Derzeit fehle es jedoch an Nahrungsmitteln, Trinkwasser und Heizmaterial. "Die Temperaturen sinken nachts unter null Grad. Wir haben nicht genug, um den täglichen Grundbedarf zu decken." Dennoch wollen die Schwestern bleiben und im Ernstfall notleidende und vertriebene Familien aufnehmen.
Auch die Don Bosco-Projektpartnerinnen und Projektpartner von Jugend Eine Welt in Israel und dem Westjordanland seien unmittelbar von den dramatischen Entwicklungen betroffen. In Beit Jala nahe Bethlehem schilderte Burghard Schunkert von der Organisation Lifegate Rehabilitation die angespannte Situation im Westjordanland: "Bei uns steht das öffentliche Leben still, denn wir befinden uns hier in der Region unter schwerem Raketenbeschuss. Die Menschen müssen fast stündlich in die Schutzräume. Verfügen sie über keine, dann suchen sie zumindest Schutz im Keller ihres Hauses."
Ein Kindergartenbetrieb im "Lifegate-Rehabilitationszentrum" sei aktuell nicht machbar, erzählt Schunkert. "Auf den Straßen ist es viel zu gefährlich. Der Weg zu uns wäre ein zu großes Risiko. Wir haben daher auf Online-Betreuung der Kinder umgestellt. Aufgrund vorangegangener kriegerischer Konflikte und der Corona-Pandemie haben wir damit schon Erfahrung."
Auch in Jerusalem sei die Lage angespannt. Pater Emanuele von den Salesianern Don Boscos berichtete von täglichen Alarmsirenen und Raketeneinschlägen. "Das Leben beschränkt sich auf das Nötigste. Schulen und die meisten Aktivitäten sind geschlossen." Die Menschen in Israel und dem Westjordanland leben in höchster Alarmbereitschaft. "Wir versuchen die Menschen weiter bestmöglich zu unterstützen. Vor allem beten wir, dass diese Situation endet, denn sie ist wirklich schrecklich."