Dormitio-Abt Schnabel kritisiert im Radio Vatikan-Interview Weichzeichen des Krieges - "Manchen Menschen würde ich gerne persönlich noch mal ein Aschenkreuz spenden"
Jerusalem/Vatikanstadt, 04.03.2026 (KAP) "Krieg ist wirklich dreckig!" - Mit diesen deutlichen Worten hat sich der Jerusalemer Abt Nikodemus Schnabel im interview mit Radio Vatikan zu Wort gemeldet. Es rege ihn auf, so der Abt, dass Krieg "so weichgezeichnet" wird. "Wer vergessen wird, sind eben die Menschen, die genauso eine menschliche Biografie haben, die genauso nach dem Bild Gottes geschaffen sind, um die eben kein großes Tamtam gemacht wird und die jetzt mit ihrem Leben bezahlen."
In weiten Teilen des Nahen Ostens würden die Menschen jetzt leiden. Der Krieg zerstöre Leben und mache die Welt keineswegs besser. Schnabel: "Ich fremdle sehr stark, wenn Leute jetzt jubeln oder die Nachrichten sozusagen rauschartig verfolgen: Das ist kein Fußballspiel, das ist kein Sportmatch, wo zwei Nationen gegeneinander antreten, sondern Krieg ist wirklich dreckig!"
Schnabel berichtete, dass die Mönche der deutschsprachigen Benediktinerabtei Dormitio in Jerusalem vom Ausbruch des Irankriegs völlig überrascht wurden. Die Gemeinschaft habe sich am vergangenen Samstag im Priorat Tabgha am See Genezareth bei einer Kapitelsitzung befunden. "Während der Sitzung gab es Raketenalarm, und wir sind in den Luftschutzbunker gegangen." Zwei Stunden im Bunker: nicht nur die Mönche, sondern auch Mitarbeiter, Volontäre aus den USA und Hongkong, philippinische Schwestern, ein palästinensischer Busfahrer und eine französische Pilgergruppe, die gerade den Ort der wundersamen Brotvermehrung besuchte, waren dort versammelt. Insgesamt etwa 60 Personen.
Abt Schnabel: "Der Bunker ist zwar wirklich sehr, sehr sicher, und wir haben auch die Fenster richtig zugeriegelt, aber trotzdem konnte man die Abschüsse hören, und außerdem hat die Erde auch leicht gebebt. Also, man hat schon mitbekommen, was um einen herum geschieht. Wir haben dort im Bunker in verschiedenen Sprachen gesungen und gebetet, auch für die Menschen im Iran."
Noch am Samstag seien die meisten Mönche nach Jerusalem zurückgekehrt. "In Jerusalem ist natürlich unser theologisches Studienjahr präsent, ergänzt durch Studierende der muslimischen islamischen Theologie. Das heißt tatsächlich: In Jerusalem harren wir aus als eine interreligiöse Gemeinschaft von christlichen und islamischen Theologie-Studierenden aus Deutschland."
Er wolle auch unter den neuerlich erschwerten Umständen in Jerusalem bleiben und durchhalten im Gebet. Auch die "Kraft der Psalmen" sei jetzt wieder ganz anders spürbar, "wo menschliche Worte versagen". "Wir haben alle unsere Gebete in unsere Krypta verlegt. Die Unterkirche, dort, wo der Sterbeort Mariens verortet wird, ist sehr gut geschützt. Während der sonntäglichen Eucharistiefeier haben wir mitbekommen, wie die ballistischen Raketen in der Nähe von Jerusalem eingeschlagen sind; man merkt dann schon, wie klein das Land ist."
"Krieg reißt einem die Maske runter"
Als Seelsorger fühlt sich der Abt der Dormitio-Abtei jetzt "sehr stark gefordert". "Krieg reißt einem die Maske runter, man steht sehr nackt da, und alle Schutzpanzer, die man sich im Alltag anlegt, die splittern. Dann steht man da - in seiner Sehnsuchthaftigkeit, in seinen Ängsten, in seinen Sorgen. Da merke ich dann, dass unsere Hauptberufung jetzt darin besteht, als Mönche da zu sein, zuzuhören, Trost zu spenden, mit den Menschen zu beten."
Bei den Fürbitten am Sonntag hätten die Mönche der Dormitio-Abtei bewusst alle Betroffenen mit ins Gebet genommen - auch die "Täter" und die Machthaber. "Manchen Menschen würde ich gerne persönlich noch mal ein Aschenkreuz spenden, mit den gut biblischen Worten aus dem dritten Kapitel der Genesis: 'Gedenke, Mensch, dass du Staub bist und zum Staub zurückkehren wirst'. Weil manche das gerade in meinen Augen vergessen, diese Realität, dass sie sterbliche Wesen sind mit einem Ablaufdatum."
Am Dienstag sei die Polizei in der Dormitio-Abtei erschienen und habe die Schließung angeordnet, berichtete Schnabel weiter: "Wir dürfen nicht weiter offen sein - was ich hart finde, denn es gibt ja immer noch Pilgergruppen im Land, die jetzt nicht rauskommen. Und wir waren dankbar, dass unsere Kirche offen war, unsere Cafeteria, unser Laden - dass wir als Mönche da waren." Die Dormitio-Abtei sei wie "eine Arche, ein Schutzkasten in diesem Ozean von Leid". Jetzt müsse man geschlossen halten und könne für die Menschen nur noch beten. "Es schmerzt mich, dass wir nicht länger dieser Ort sein können, wo Menschen wissen: Hier können sie beten, durchschnaufen, hier sind sie auch sicher", so Schnabel.