Vorsitzende der Österreichischen Ordenskonferenz in Kathpress-Interview über klischeehafte Bilder von Ordensfrauen in der Öffentlichkeit, Zukunftsmodell Orden und stereotype Erwartungen
Wien, 04.03.2026 (KAP) "Nur darauf reduziert zu werden, finde ich fast schon beleidigend": Die neue Vorsitzende der Österreichischen Ordenskonferenz, Sr. Franziska Madl, sieht Frauen in kirchlichen Leitungspositionen weiterhin mit stereotypen Erwartungen konfrontiert. Dass sie als erste Frau an der Spitze der Ordenskonferenz immer wieder auf ihr Geschlecht angesprochen werde, empfinde sie als ermüdend, sagte die Dominikanerin im Gespräch mit der Nachrichtenagentur Kathpress anlässlich des Internationalen Frauentags (8. März). "Wahrscheinlich ist es nervig, weil es immer dieselbe Frage ist", so Madl. Denn: "Männer werden so nicht gefragt."
Ihre Wahl im Herbst 2025 habe sie selbst weniger außergewöhnlich erlebt, als dies medial dargestellt worden sei. Dass sie als erste Frau in dieser Funktion vielfach als historischer Moment wahrgenommen werde, akzeptiere sie, "für mich war es mehr oder weniger der nächste logische Schritt" sowie Folge ihrer langjährigen Tätigkeit und Expertise in der Ordenskonferenz, so die Priorin der Dominikanerinnen Wien-Hacking.
Zugleich ortet die Ordensfrau eine Diskrepanz zwischen der Selbstwahrnehmung der Ordensfrauen und der Außenwahrnehmung durch die Öffentlichkeit. "Was mir jeden Tag begegnet, sind alte Klischees", so Madl. Nicht selten werde sie als Ordensfrau zunächst als eine Art Kuriosum wahrgenommen: "Wir sind immer noch so seltsame, exotische Wesen." Dazu zähle auch die Verwunderung darüber, dass Ordensfrauen akademisch ausgebildet seien oder Leitungsfunktionen innehätten.
Das verzerrte, klischeehafte Bild von Ordensfrauen in der Öffentlichkeit erklärte Madl mit dem fehlenden Kontakt vieler Menschen mit Ordensfrauen wie -männern - "was zu gegenseitiger Fremdheit führen kann". Generell wünsche sich die Theologin und Psychotherapeutin mehr Offenheit und Interesse an ihrer Lebensrealität. Und: "Mit uns kann man über alles reden", so die Ordensvorsitzende.
Zukunftsmodell Orden
Ordensgemeinschaften könnten ein Modell für gelingendes Zusammenleben sein, zeigt sich Madl überzeugt. In Klöstern lebten oft mehrere Generationen unter einem Dach, getragen von gemeinsamen Regeln und einer spirituellen Ausrichtung. "Menschen brauchen Regeln, damit Zusammenleben funktioniert", sagte die Ordensfrau zu dieser Lebensform, die auch Gelübde vorsieht. Und weiter: "99,9 Prozent der Ordensgemeinschaften sind ein gutes Beispiel dafür, wie mehrere Generationen zusammenleben. Und dass jeder den Raum hat, in seinem Tempo etwas beizutragen."
Gleichzeitig müssten sich Orden mit schrumpfenden Mitgliederzahlen, Überalterung und Schließungen auseinandersetzen. Entscheidend sei, dabei weder Mut noch Demut zu verlieren. "Was haben wir zu verlieren?", so Madl mit Blick auf die teils jahrhundertelange Tradition vieler Gemeinschaften. Selbst wenn ein Kloster oder ein Standort ende, könne man diesen Schritt "in dieser Haltung" gehen. "Wir folgen unserer Berufung und dann ist das, was jetzt dran ist, möglicherweise in unserer religiösen Interpretation der Wille Gottes."
Veränderungen oder "Schrumpfungsprozesse" könnten zwar schmerzhaft sein und hätten mit Abschied und Ängsten zu tun, Orden würden sich aber zumeist in einer Form innerer Sicherheit wiegen. Schon jetzt gäbe es viele positive Beispiele für Transformationsprozesse von Ordensgemeinschaften oder von Orden geführten Bildungshäusern, betonte die Vorsitzende der Ordenskonferenz. Die Zukunft des Ordenslebens hänge nicht von großen Zahlen ab. "Um präsent zu sein, genügt eine Person." Auch das Alter sei kein Hindernis: "Man muss ja nicht jung und fit sein, um seine geistliche Berufung sinnvoll zu leben."
Kritisch äußert sich Madl über Versuche, christliche Symbolik parteipolitisch zu vereinnahmen. "Überall, wo es parteipolitisch wird, wird das Christentum meiner Meinung nach verraten." In gesellschaftlichen Debatten beobachte sie zunehmend, dass religiöse Begriffe oder Traditionen als politische Marker eingesetzt würden. Dabei werde Christentum rasch entlang eines Links-Rechts-Schemas eingeordnet, was seiner eigentlichen Botschaft nicht gerecht werde. Glaube lasse sich nicht auf politische Lager reduzieren, betonte die Ordensfrau. Gerade in polarisierten Zeiten müsse das Christentum vielmehr eine kritische wie verbindende Stimme bleiben.
Erste Frau an Spitze von Österreichs Orden
Madl, geboren 1980, wurde im November 2025 als erste Frau zur Vorsitzenden der Österreichischen Ordenskonferenz gewählt, die 191 katholische Männer- und Frauenorden mit insgesamt 3.802 Mitgliedern vertritt. Die aus der Wachau stammende Theologin, Religionspädagogin und Psychotherapeutin ist Priorin der Dominikanerinnen in Wien-Hacking und war schon davor als stellvertretende Vorsitzende im Vorstand. Sie folgte in ihrer neuen Funktion auf den emeritierten Salzburger Erzabt Korbinian Birnbacher. Madls Stellvertreter ist Propst Anton Höslinger (55) vom Stift Klosterneuburg. (Infos: www.ordensgemeinschaften.at)