Im Konflikt um den Iran werden die Bruchlinien zwischen den beiden großen islamischen Konfessionen, Sunniten und Schiiten, offenbar - Aber das ist nicht das einzige Beispiel für den Einfluss des Faktors Religion - Hintergrundbericht von Joachim Heinz
Bonn, 04.03.2026 (KAP/KNA) Der König ist tot, es lebe der König. Nach diesem Muster scheint die Führung im Iran zu verfahren. Kurz nach Beginn der US-Militärschläge am Wochenende gegen die Islamische Republik war klar: Ajatollah Ali Chamenei, politisches und religiöses Oberhaupt, gehörte zu den ersten Toten der Offensive. Nach jüngsten Medienberichten könnte ihm nun sein Sohn nachfolgen, Mojtaba Chamenei. Ein Gremium aus 88 Geistlichen sei damit betraut, den Nachfolger zu bestimmen; hieß es. Die Mitglieder: fast ausnahmslos streng Konservative.
Die Mullahs versuchen offenbar, weiter die Zügel in der Hand zu behalten. Seit 1979, als der damalige Revolutionsführer Ajatollah Chomeini das Regime des letzten Schahs Mohammad Reza Pahlavi stürzte, bestimmt eine strenge Lesart des schiitischen Islams das öffentliche Leben. Das stößt nach Ansicht vieler Experten auf wachsenden Widerstand. Aus Protest gegen einen "Missbrauch der Religion durch den Staat", sei die iranische Gesellschaft zunehmend säkular geworden, sagte etwa die Konfliktforscherin Sara Bazoobandi am Mittwoch der deutschen Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA).
Weitere Brutalisierung des Regimes?
Der Iran-Kenner und Theologe Klaus von Stosch nennt Zahlen. "Das Regime stützt sich noch auf vielleicht 20 Prozent der Bevölkerung, die von ihm profitieren, gewaltbereit sind und von denen viele nichts zu verlieren haben", so von Stosch. Weitere 20 Prozent wünschten sich Reformen in dem "Gottesstaat" oder eine islamisch geprägte Demokratie.
Ob das aber ausreicht für einen echten Machtwechsel? Falls es überhaupt dazu komme, seien eine Diktatur unter Führung der Revolutionsgarden oder sogar ein Bürgerkrieg wahrscheinlich, meint von Stosch. Er rechne zunächst mit einer weiteren Brutalisierung des Regimes. "Mittelfristig könnten die Revolutionsgarden den Einfluss des schiitischen Klerus zurückdrängen. Für den Moment hat die Geistlichkeit aber durch den 'Märtyrertod' Chameneis an Prestige gewonnen", sagte der Professor für katholische Systematische Theologie an der Universität Bonn der KNA.
Im Libanon wächst die Wut
Inzwischen sind in den Konflikt im Nahen Osten laut UN-Angaben 14 Staaten involviert. Der schiitisch geprägte Iran versucht, mit Angriffen auf die sunnitisch geprägten Golfstaaten die Region zu destabilisieren. Zu denen, die aufseiten des Iran stehen, gehört die im Libanon aktive Hisbollah-Miliz, die aktuell von Israel attackiert wird. In dem von Dauerkrisen zermürbten Staat am Mittelmeer ist die Wut groß auf die Hisbollah, "die offenbar blind ergeben die Befehle der iranischen Mullahs befolgte und Israel angriff", so der Nahost-Beauftragte des kirchlichen Hilfswerks Misereor, Frank Wiegandt. Das habe der israelischen Armee den Vorwand gegeben, sofort zurückzuschlagen.
Zugleich, betont der Vertreter des Hilfswerks in einem KNA-Interview, gebe es viel Solidarität. "Libanesische Christen und Muslime sammeln Spenden und helfen ihren Landsleuten, die getroffen wurden oder flüchten mussten." Es würden - auch über Partnerorganisationen von Misereor - Unterkünfte, Nahrungsmittel, Hygieneartikel sowie psychosoziale Betreuung für die geflüchteten Menschen angeboten.
Trennung von Religion und Staat im Iran?
Wie aber kann es nun im Iran weitergehen? Schriftsteller Navid Kermani klingt ernüchtert. "Wenn man schon militärische Mittel einsetzt, dann sollten sie nicht einfach nur das Regime enthaupten", sagte Kermani im WDR. Die USA hätten jedoch keine auf Nachhaltigkeit angelegte Strategie. Stattdessen würden sich wohl fürs Erste die Hardliner durchsetzen.
Allerdings gibt es auch noch einen anderen Namen, der immer wieder fällt, wenn von der Zukunft des Iran die Rede ist. Schah-Sohn Reza Pahlavi. Der habe an Zustimmung gewonnen, weil er verspreche, Politik und Religion zu trennen sowie Religionsfreiheit zu garantieren, analysiert Wissenschaftlerin Bazoobandi, die am German Institute for Global and Area Studies (GIGA) in Hamburg sowie am Institut für Sicherheitspolitik an der Universität Kiel (ISPK) lehrt und forscht.
Der Faktor Religion spielt aber nicht nur aufseiten des Islam eine Rolle. Medienberichten zufolge rüsten auch Kommandeure der US-Streitkräfte rhetorisch auf. Ihre Deutung: US-Präsident Donald Trump sei von Jesus gesalbt worden - und die Kämpfe seien Teil eines göttlichen Plans.
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