Schweizer Jesuit erhält renommierte Buber-Rosenzweig-Medaille - Rutishauser: Auch neue Formen des Antisemitismus mit Bildung und Aufklärung bekämpfen
Bonn, 06.03.2026 (KAP/KNA) Der jüdisch-christliche Dialog ist nach Worten des Judaisten Christian Rutishauser im Umbruch. "Das Massaker der Hamas vom 7. Oktober, der Gaza-Krieg und nun der offene Krieg mit dem Iran haben zu einem unerwartet offenen Antisemitismus geführt", sagte der diesjährige Träger der Buber-Rosenzweig-Medaille der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) am Freitag. Der Schweizer Jesuit erhält die vom Deutschen Koordinierungsrat der Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit verliehene Medaille am Sonntag in Köln für Verdienste um den christlich-jüdischen Dialog.
Eine breite Bevölkerung habe erst jetzt das Phänomen des linken Antisemitismus in Form von Antizionismus wahrgenommen. Die Aufarbeitung und Erinnerungskultur in Bezug zur Schoah würden vom postkolonialen Diskurs verdrängt, "der in Israel nur Europas Kolonialismus sieht", so Rutishauser. "Für den Dialog bedeutet das, sich einerseits mit neuen Mitteln dem 'Nie wieder!' zu verschreiben und den neuen Formen des Antisemitismus zu begegnen. Andererseits muss er sich neu mit Israel und Palästina auseinandersetzen."
Nach Abkühlung "fruchtbare Gespräche"
Im konkreten Dialog zwischen Vatikan und jüdischen Institutionen hätten der Terrorangriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 und die Folgen zu Abkühlung und Irritationen geführt, sagte Rutishauser. "Die Dialoggrundlage ist aber so gut, dass gerade in den letzten Monaten sehr fruchtbare Gespräche in Jerusalem und Rom geführt worden sind." Zudem hätten Veranstaltungen anlässlich des 60. Jahrestages der Konzilserklärung "Nostra aetate" im vergangenen Jahr gezeigt, dass Papst Leo XIV. das Erbe des Zweiten Vatikanischen Konzils mit "ganzem Herzen" weitertrage und sich gegen Antisemitismus wende.
Eine Trennung von Religion und Politik könne für den Nahen Osten nicht so wie im Westen angewendet werden. "Gesellschaftlich, kulturell funktionieren jüdisches wie muslimisches Selbstverständnis nicht wie das Christentum", so Rutishauser. Auch im Westen sei die Religion im öffentlichen Leben zurück. "Das Verhältnis von Religion und Politik muss neu bedacht werden, vor allem auch wie Religion im öffentlichen Raum und der Zivilgesellschaft sich zeigt."
Das Christentum habe sich verändert: "Die Kirchen haben an gesellschaftlichem Einfluss eingebüßt, wachsen aber weltweit in Asien und Afrika, wo die Gläubigen keinen Kontakt mit Juden und Jüdinnen haben." Für junge Leute in Europa sei die Schoah Geschichte geworden. Heute stelle sich daher die Frage, wie die Errungenschaften des Dialogs vermittelt werden könnten. Das jüdisch-christliche Verhältnis betreffe alle Bereiche der Theologie und des Christseins - daran müsse etwa in der Ausbildung und in der Liturgie gearbeitet werden.
Antisemitismus "greift tief in die Psyche"
Antisemitismus greift nach Worten von Rutishauser "tief in die Psyche und Identitätsbildung der Menschen". Bildung und Aufklärung seien und blieben in der Bekämpfung von Antisemitismus zentral.
Die Kirche treffe die Herzen der Menschen in der Liturgie, beim Beten, in der spirituellen Anweisung. "Hier hat sie noch kaum begonnen, regressive und potenziell antisemitismusanfällige Formen wahrzunehmen. Es braucht eine Schulung der Innerlichkeit, die nicht im Religiös-Sentimentalen stecken bleibt, sondern eine innere Freiheit und emotionale Angstfreiheit erzeugt", forderte Rutishauser.
Antisemitismusprävention sei dann am Werk, wenn Menschen zu Persönlichkeiten erzogen würden, "die ihre Schuldhaftigkeit, ihre Ängste und ihre dunklen Seiten nicht abspalten müssen", so der Judaist. Hier könne die Kirche einen besonderen Beitrag leisten.