Rätseln über Waffenarsenal und Kampfkraft der Hisbollah - Von Johannes Schidelko
Jerusalem, 09.03.2026 (KAP/KNA) Der Libanon ist rasch zur zweiten Front Israels im Iran-Krieg geworden. Einen Tag nach dem Tod des iranischen Revolutionsführers Ayatollah Ali Chamenei stieg die mit dem Mullah-Regime eng verknüpfte schiitische Hisbollah an Israels Nordgrenze in das Kampfgeschehen ein - und zwar mit einem Raketenarsenal und einer Feuerkraft, die man nach dem angeblich vernichtenden Schlag Israels im Herbst 2024 nicht erwartet hatte. Damit ist die Grenze zum Libanon seit einer Woche wieder zur Kriegszone geworden, und die Region nördlich des Sees Genezareth mit seinen sonst viel besuchten christlichen Stätten zum Unruhegebiet.
Abgesehen von den ersten beiden Kriegstagen hat es freilich rund um die biblischen Orte wie Kapernaum, den Berg der Seligpreisungen und das von deutschen Benediktinern geleitete Kloster Tabgha seltener Alarm gegeben als etwa in den Küstenmetropolen Tel Aviv und Haifa. Aber wie nahe auch hier der Krieg ist, zeigte eine Raketenexplosion bei der gerade 20 Kilometer entfernten Stadt Safed, sagte Sharbel Yacoub, der seit einem Jahr das moderne Pilgerhaus in Tabgha leitet.
Abreisen und Stornierungen
Jetzt steht das idyllisch am See gelegene Haus leer, das bei christlichen Pilgern und inzwischen auch bei Israelis beliebt ist. Die letzten Gäste sind abgereist, etliche Gruppen haben storniert, berichtet Sharbel. Ob zu Ostern Gäste kommen, hänge ganz von der weiteren Entwicklung ab.
Sharbel, ein engagierter maronitischer Christ, ist noch in weiterer Hinsicht betroffen. Kriegsbedingt kann er seine Kirche nicht mehr zum Gottesdienst erreichen. Seine Familie stammt aus dem zu trauriger Berühmtheit gelangten Ort Baram, direkt an der Grenze zum Libanon. In den Kriegswirren 1948 verließen die maronitischen Bewohner - alles israelische Staatsbürger - auf Geheiß ihrer Armee den Ort: mit der schriftlichen Zusage, bald wieder zurückkehren zu können.
Darauf warten sie bis heute - trotz gerichtlicher Bestätigung. Von dem zerstörten Ort ist nur die Kirche erhalten geblieben, wo Sharbel Gemeinderatsmitglied und Subdiakon ist. Jeden Samstag treffen sich bis heute die Nachfahren der Baram-Familien hier zum Gottesdienst. Aber jetzt kommt am letzten Checkpoint niemand mehr weiter.
Menschenleeres Kloster
Auch im Benediktinerkloster Tabgha unweit des Gästehauses herrscht heute Ruhe und Stille. Zu normalen Zeiten ist der Parkplatz voll mit Bussen; bis zu 5.000 Menschen besuchen täglich die Brotvermehrungskirche mit ihren 1.500 Jahren alten Mosaiken, im Zentrum der Brotkorb mit den zwei Fischen. Auch hier herrscht derzeit gähnende Leere.
Der Parkplatz ist verriegelt, die Kirche geschlossen, der Parkwächter kann nicht zu seiner Arbeit kommen. Es gibt so gut wie keine Pilger und Besucher, sagt Pater Elias. Ebenso seien das Gelände von Kapernaum und die Kirche auf dem Berg der Seligpreisungen geschlossen, wo Jesus nach der Tradition die Ideale von Frieden, Nächstenliebe und Versöhnung predigte.
Im Kloster von Tabgha sind die Mönche derzeit mit den philippinischen Ordensfrauen aus dem benachbarten Kloster, ihren Volontären und einigen gestrandeten Gästen unter sich. Die kleine Gemeinschaft arrangiert sich mit der Lage, feiert gemeinsam Gottesdienste, geht bei Alarm in den Bunker, sitzt zum Mittagessen zusammen, so Pater Elias.
Unter der aktuellen Situation leidet auch seine Aufgabe als deutscher Auslandsseelsorger in Tel Aviv/Jaffa, wo er normalerweise an zwei Samstagen im Monat im Franziskanerkloster Sankt Peter Gottesdienst feiert. Die Messen wurden abgesagt, zumal die Menschen wegen des häufigen Alarms keine größeren Strecken in einer fremden Gegend zurücklegen wollen.
Warum ist die Hisbollah so stark?
Unterdessen diskutieren und rätseln nicht nur libanesische Medien, warum sich die angeblich so sehr geschwächte Hisbollah als so starker Gegner erweist. Die Führungsriege der Organisation, einschließlich Generalsekretär Hassan Nasrallah, wurde ausgeschaltet. Die Nachschubwege aus Syrien wurden abgeschnitten, ihre Waffendepots in Beirut wie im Südlibanon zerstört, die Milizen angeblich aus der Grenznähe zu Israel vertrieben. Laut Waffenstillstand vom November 2024 sollten sie ihre Waffen niederlegen und der libanesischen Armee dieses Monopol überlassen.
Von einer Schwächung ist nun jedoch nichts zu spüren. War es Fehleinschätzung, Täuschung oder Leichtsinn? War der damalige Sieg doch nicht so überwältigend, wie er von Israel dargestellt wurde? Irrten die Botschafter der fünf Kontrollmächte, die sich zufrieden über die Umsetzung des Waffenstillstands äußerten?
Vielleicht, so vermutet die Zeitung "L'Orient le Jour", taugen die verbliebenen Ressourcen der Hisbollah wirklich nur für einen eingeschränkten Einsatz. Das könnte auch erklären, warum Israel diesmal nicht die Gemeinden samt zigtausend Bürgern aus seiner nördlichen Grenzregion evakuiert hat, weil man das Ausmaß der durch die Hisbollah verursachten Schäden für begrenzt hält.
Interimsleiter des Österreichischen Pilgerhospizes, Maier: Gefühl relativer Sicherheit in Jerusalemer Altstadt - Hoffnung auf rasche Deeskalation des Konflikts zwischen Israel, USA und Iran