Oberhaupt der Chaldäisch-katholischen Kirche ist eine wichtigsten christlichen Stimmen im Nahen Osten und hat auch enge Beziehungen zu Österreich - Sako: "Niemand hat mich zum Rücktritt gezwungen"
Vatikanstadt/Bagdad, 10.03.2026 (KAP) Der Patriarch von Bagdad, Kardinal Louis Raphaël Sako, geht in den Ruhestand. Der Papst nahm den Rücktritt des 77-Jährigen am Dienstag an, teilte der Vatikan mit. Der Iraker leitete seit 2013 als Patriarch die Chaldäisch-katholische Kirche, eine mit Rom verbundene Ostkirche, die weit zurück in die Anfänge des Christentums reicht. Sie hat rund eine halbe Million Mitglieder. Ihr Zentrum liegt im heutigen Irak, der Sitz des "Patriarchen von Babylon" ist die Hauptstadt Bagdad; ein großer Teil der Gläubigen lebt aber in den USA, Westeuropa und Australien. Wiederholt hatte Sako in der Vergangenheit betont, er erwäge, dem Papst mit 75 Jahren seinen Amtsverzicht anzubieten. Als Patriarch einer katholischen Ostkirche ist er anders als seine römisch-katholischen Amtsbrüder dazu nicht verpflichtet.
Im Nahen Osten gibt es bedeutende chaldäische Gemeinden im Irak, Syrien, dem Libanon und im Iran. Im Irak gehörten zuletzt rund zwei Drittel der Christen der chaldäischen Kirche an. Islamistischer Terror, eine instabile Sicherheitslage, wirtschaftliche Perspektivlosigkeit und Ressentiments in der muslimischen Mehrheitsgesellschaft machen den christlichen Gläubigen in der Region seit vielen Jahren zu schaffen.
Patriarch Sako setzte sich unermüdlich gegen die Abwanderung der Christen aus ihrer Heimat und für Religionsfreiheit sowie einen freien und demokratischen Irak mit gleichen Rechten für alle Bürgerinnen und Bürger ein. An die muslimischen Partner gerichtet, forderte er eine Modernisierung des Islam.
Erst am Wochenende hatte der Kardinal angesichts der Gewalt im Nahen Osten und der Golfregion vor einer weiteren Eskalation gewarnt. "Krieg ist keine Lösung, nur Diplomatie kann zur Lösung der Probleme beitragen", mahnte er in einem Radio-Vatikan-Interview. "Niemand weiß, wohin dieser Krieg führen wird. Und wir haben 2003 dasselbe Szenario erlebt", erklärte Sako und warnte vor "Chaos, Unruhen, Racheakten, Angriffen".
Das Chaldäer-Oberhaupt blickte mit großer Anspannung auf das Schicksal der christlichen Gemeinschaften, insbesondere in der Ninive-Ebene im Norden des Irak. Mitte der 2010er Jahre waren viele Ninive-Christen wegen der Verfolgung durch die Terrormiliz IS geflohen. "Wir Christen sind sehr besorgt, denn wenn sie beginnen, die Ninive-Ebene anzugreifen, wo 50.000 Christen leben, werden diese Menschen ihre Häuser verlassen und diesmal nicht mehr zurückkehren", sagte der Patriarch zu Radio Vatikan.
"Niemand hat mich zum Rücktritt gezwungen"
In einer persönlichen Stellungnahme, die auf der Website des Patriarchats veröffentlicht wurde, erklärte Sako am Dienstag, dass er in voller Freiheit seinen Rücktritt bei Papst Leo XIV. eingereicht habe, "um mich in Stille dem Gebet, dem Schreiben und einfachen Diensten widmen zu können". Schon vor zwei Jahren, als er 75 wurde, habe er über einen etwaigen Rücktritt nachgedacht und dies auch mit Papst Franziskus (2013-2025) besprochen. Dieser habe ihn jedoch zum Bleiben ermutigt.
Eingereicht habe er den Rücktritt nun an diesem Montag, er wurde von Papst Leo XIV. angenommen und auf Bitten Sakos am Dienstagmittag bekannt gegeben. Und der Patriarch fügte nochmals hinzu: "Um jeglichen Missverständnissen vorzubeugen, bestätige ich, dass mich niemand dazu gezwungen hat; vielmehr habe ich aus freiem Willen um meinen Rücktritt gebeten."
Er blicke auf 13 Jahre an der Spitze der Chaldäischen Kirche zurück, in denen er sich um die Einheit der Kirche, die Rechte der Christen und aller Iraker bemüht habe - in äußerst schwierigen Zeiten. Sein besonderer Dank gelte seiner Familie und all jenen, mit denen er als Priester in Mosul, als Bischof in Kirkuk und als Patriarch in Bagdad zusammenlebte. Zudem bitte er aufrichtig alle um Verzeihung, "die ich möglicherweise beleidigt habe".
Er hoffe, dass in diesen schwierigen Zeiten die Leitung der Chaldäisch-katholischen Kirche einem Patriarchen anvertraut wird, "der über fundierte theologische Kenntnisse, Mut und Weisheit verfügt - jemandem, der an Erneuerung, Offenheit und Dialog glaubt und zudem Humor besitzt". Er werde den neuen Patriarchen respektieren und sich niemals in seine Arbeit einmischen, so Sako. Nachsatz: "Ich bin zuversichtlich, dass Gott sich um seine Kirche kümmern wird."
Etwas seltsam mutet der Abschluss der Erklärung des Patriarchen an, wo er wörtlich schreibt: "Aus meinen Gehältern während meiner 52-jährigen Priestertätigkeit besitze ich etwa 40 Millionen irakische Dinar (ca. 26.000 Euro, Anm.), 5.000 US-Dollar und 5.000 Euro, zusätzlich zu meinem Anteil am Verkauf meines Elternhauses in Mosul. Ich besitze weder ein Haus noch ein Auto, mein wahrer Reichtum aber sind mein hingebungsvoller Dienst und die 45 Bücher und zahlreichen Artikel, die ich veröffentlicht habe."
Enge Beziehungen zu Österreich
Sako wirkte ab 1986 in Mossul als Gemeindepfarrer und leitete seit 1997 das Priesterseminar in Bagdad, bis er 2002 zum Erzbischof von Kirkuk gewählt wurde. Bei seiner Wahl zum Patriarchen im Jahr 2013 wählte er den Namen Louis Raphael I. 2018 erhob ihn Papst Franziskus zum Kardinal, gleich in den höchsten Rang eines Kardinalbischofs, wie es für die Patriarchen der mit Rom verbundenen Ostkirchen üblich ist. Seit 2022 ist Sako zudem Mitglied des vatikanischen Wirtschaftsrates.
Patriarch Sako hat seit vielen Jahren enge Beziehungen zu Österreich, insbesondere zum Linzer Hilfswerk "Initiative Christlicher Orient" (ICO). Er ist aber auch Träger des "Kardinal-König-Ehrenpreises". Dieser wurde Sako von der Kardinal-König-Stiftung "in Würdigung seines Einsatzes für die Bürgerrechte der Christen im Nahen Osten und für Versöhnung und Dialog" zuerkannt.
Die Chaldäisch-katholische Kirche
Die Chaldäisch-katholische Kirche ist im 16. Jahrhundert aus der Assyrischen Kirche des Ostens hervorgegangen. In der Kirche wird der ostsyrische Ritus verwendet. Liturgiesprache ist grundsätzlich Syrisch (Aramäisch), oft aber auch in Kombination mit Arabisch. Wegen der Union mit der römisch-katholischen Kirche haben auch lateinische Elemente Eingang in die Liturgie gefunden.
Seit dem 13. Jahrhundert gab es Kontakte zwischen der katholischen Kirche und der Assyrischen Kirche, als Dominikaner und Franziskaner in Mesopotamien missionierten. Einige assyrische Bischöfe gingen auch damals schon Unionen mit Rom ein, die aber immer nur lokal und zeitlich begrenzt waren.
Union seit dem 16. Jahrhundert
Im 15. Jahrhundert setzte sich in der assyrischen Kirche die Tradition durch, dass das Amt des Katholikos (Oberhaupt) vom Onkel auf den ältesten Neffen vererbt wird. Dies war ein ständiger Grund für Zwist und Ärgernisse. 1552 wählten unzufriedene Bischöfe den Mönch Yuhannan Sulaqa zum Gegenpatriarchen. Dieser suchte die Nähe zu Rom und wurde schließlich von Papst Julius III. zum "Patriarchen der Chaldäer" ordiniert. 1830 bestätigte Pius VIII. das Chaldäische Patriarchat.
Auch für die Chaldäer war der Genozid im Osmanischen Reich (1915/18) eine Katastrophe. Zigtausende Gläubige wurden ermordet, noch mehr vertrieben. Bis heute steht die chaldäische Kirche für eine besonders leidgeprüfte Kirche. Die Kriege im Irak und in Syrien haben auch in den vergangenen Jahrzehnten Zehntausende Chaldäer zu Flüchtlingen und Migranten gemacht.
Christliche Kirchenführer rufen zu Frieden und Rückkehr zur Diplomatie auf - Warnungen vor weiterer Eskalation im Nahen Osten - Chaldäer-Patriarch Sako: Wenn Christen erneut fliehen müssen, werden sie nicht zurückkehren