Opferschutzanwältin List: Missbrauchsaufarbeitung ist "Erfolgsmodell"
12.03.202612:24
Österreich/Kirche/Politik/Missbrauch/Gericht
Vorsitzende der "Unabhängigen Opferschutzkommission" im Interview mit Wiener "Sonntag" über positive Entwicklung im Bereich der Opferschutzbestimmungen und der Missbrauchsprävention
Wien, 12.03.2026 (KAP) Die Arbeit der "Unabhängigen Opferschutzkommission" (UOK) sei ein "Erfolgsmodell in der Aufarbeitung von historischen und gegenwärtigen Missbrauchsfällen, das weltweit keinen Vergleich scheuen muss". Das hat die Leiterin der Kommission, Caroline List, im Interview mit der Wiener Kirchenzeitung "Der Sonntag" betont. Wobei sie den Begriff "Erfolg" im Blick auf das schwierige Thema unter Anführungszeichen setzen wolle. Seit 2010 gab es in der UOK über 3.500 positive Entscheidungen zu finanzieller und psychologischer Hilfe für Betroffene physischer, psychischer und sexueller Gewalt - in Höhe von mehr als 38 Millionen Euro. Die katholische Kirche hat alle Entscheidungen der UOK umgesetzt.
List ist seit 2017 Präsidentin des Landesgerichts für Strafsachen in Graz. 1993 war sie dort die erste Richterin für Strafsachen. 2000 übernahm sie am Straflandesgericht die Leitung der Abteilung für sexuellen Missbrauch. Im gleichen Jahr war sie auch bei der Gründung des Vereins Interdisziplinäres Forum gegen Sexuellen Missbrauch beteiligt und drei Jahre lang war sie stellvertretende Obfrau des Vereins Hilfe für Eltern und Kinder im Kinderschutzzentrum Graz.
"Es hat zu Beginn meiner Tätigkeit überhaupt keine Opferschutzbestimmungen gegeben und es war eine wirklich dunkle Zeit für Menschen, die als Opfer zu Gericht gekommen sind", sagte sie rückblickend auf ihre Zeit als Richterin. Es habe sich niemand darum gekümmert, wie es den Menschen gehe, die vor Gericht zum wiederholten Mal ihre Leidensgeschichte erzählen müssen, "dann auch noch von scharfen Staatsanwälten und noch schärferen Verteidigern ausgefragt werden, ob sie hier wohl die Wahrheit sagen". Dass auch niemand daran gedacht habe, dass es für eine Frau unangenehm sein könnte, von Männern befragt zu werden, war für sie Anreiz, ihre Arbeit dem Opferschutz zu widmen.
Es komme nicht mehr so vor, "dass Verbrechen und Vergehen im Dunklen bleiben, wie das früher war, weil man sich auch der schweren Folgen für die Opfer bewusst geworden ist", erklärte List. Insgesamt würden heute mehr Fälle zur Anzeige gebracht. Damit einhergegangen seien auch die Entwicklung von Opferschutzbestimmungen und der Aufbau von Spezialabteilungen.
"Menschliche Abgründe"
Die Unabhängige Opferschutzanwaltschaft wurde 2010 unter der Leitung von Waltraud Klasnic von der österreichischen Bischofskonferenz und der Ordenskonferenz eingesetzt. List war von Anfang an als Mitglied dabei. Seit 1. Jänner 2026 hat sie den Vorsitz über die Kommission übernommen.
Am Beginn der Tätigkeit der UOK sei es hauptsächlich darum gegangen, anzuerkennen, welches Leid einer Person widerfahren ist. "Als dann bekannt wurde, dass auch finanzielle Hilfen geleistet werden mussten, wurde das natürlich immer wichtiger. Aber damit ist das Leid nicht aufzuwiegen", so Opferschutzanwältin List. Sie habe mit der Zeit gelernt, "mit diesen menschlichen Abgründen" umzugehen, doch abgrenzen könne man sich vor all dem natürlich nicht.
Ein Schwerpunkt der ehrenamtlichen Arbeit der UOK ist neben der Unterstützung von Betroffenen auch die Prävention. Mitglieder der UOK sind neben Caroline List der Gerichtspsychiater Reinhard Haller, die klinische Psychologin Ulla Konrad und der frühere Wiener Stadtschulratspräsident Kurt Scholz; weiters Eva Marek, Vizepräsidentin des Obersten Gerichtshofs, der Psychiater Friedrich Rous und Bettina Schrittwieser von der Arbeiterkammer Steiermark.
Sexueller, spiritueller und physischer Missbrauch sei überall möglich, "aber besonders gut ist er möglich in geschlossenen Systemen", so List. Geschlossene Systeme seien beispielsweise Heime. "Dort ist es besonders häufig vorgekommen. Und möglich ist das, weil jeder Mensch gute und böse Seiten in sich vereinigt und es einfach Menschen gibt, die oftmals auch selber Gewalt erlebt haben und diese Gewalt dann in irgendeiner Form weitergeben." Oftmals gebe es eine sexuelle Ausrichtung, die nicht natürlich sei , oder ein Klima von Gewalt, das sich unter gewissen Bedingungen ausgebreitet habe, so List: "Sehr oft waren es gewalttätige Leitungen, unter denen sich dann auch ein solches Klima besonders entwickelt hat."
Liebe und Vergebung
Kraft für ihre Arbeit schöpft List in ihrem Glauben. Der sonntägliche Besuch der Messe und das Singen im Chor würden ihr Halt geben, sagte List, die in einer katholischen Familie aufgewachsen ist. "Ich glaube, dass ich alles das, was mir im Leben schon so passiert ist, so nicht hätte tragen können, wenn ich diese Wurzeln nicht hätte." Für den Umgang mit Schicksalsschlägen ziehe sie die Evangelien heran, wenngleich es eine große Herausforderung sei, das Leben so auszurichten, wie Jesus das vorgegeben habe. List: "Ich könnte mir eigentlich keine besseren Lebensregeln vorstellen als die, die in den Evangelien stehen. Es ist eine Religion der Liebe und der Vergebung. Und das sind Dinge, die zum Leben so wichtig sind. Es kann kein Leben ohne Liebe und Vergebung geben."