Innsbrucker Bischof: "Die Rainer-Kreuze sind hoch energetische Verdichtungen von Wut und Zärtlichkeit, Gottesfurcht und Skepsis, Glaube und Zweifel" - Bis 7. Juni sind erstmals die wichtigsten Kreuzarbeiten Rainers im Wiener Stephansdom zu sehen
Wien, 12.03.2026 (KAP) Die Kreuzdarstellungen des 2025 verstorbenen österreichischen Künstlers Arnulf Rainer sind für den Innsbrucker Bischof Hermann Glettler Ausdruck eines intensiven Ringens um Glauben und Gotteserfahrung. "Er ist mit dem Kreuz nie fertig geworden, weder formal noch inhaltlich", sagte der für Kunst und Kultur in der Bischofskonferenz zuständige Bischof im Interview mit dem gemeinsamen Magazin der Kirchenzeitungen der Erzdiözesen Salzburg und Wien ("gott sei dank"/"Himmel & Erde"). Zeitgenössischer Kunst habe die Kraft, "uns aus kirchlichen Bubbles herauszureißen und sowohl die Schönheit als auch die Abgründigkeit des Lebens im Innenraum von Kirche präsent zu machen". Und: "Zum Glück lässt sich Kunst nicht domestizieren."
Hintergrund des Interviews ist eine große Ausstellung mit Kreuzarbeiten Rainers im Wiener Stephansdom. Bis 7. Juni sind erstmals die wichtigsten Kreuzarbeiten Rainers zu sehen; gezeigt werden sieben große Werke in Kreuzform auf Holz sowie 70 Kaltnadelradierungen aus den Jahren 1956 bis 2014.
"Die Rainer-Kreuze sind hoch energetische Verdichtungen von Wut und Zärtlichkeit, Gottesfurcht und Skepsis, Glaube und Zweifel", so Glettler. Der im Dezember verstorbene Künstler führe vor Augen, dass der Glaube an den Gekreuzigten "tatsächlich kein oberflächliches Wellness-Programm" sei. Die Werke könnten zurückführen zu einer ehrlichen Begegnung mit Jesus und seiner Botschaft "jenseits von Frömmelei".
Glettler zeigte sich fasziniert von der künstlerischen Auseinandersetzung Rainers mit dem Kreuzmotiv, das der Künstler seit den 1950er-Jahren beschäftigte. Zunächst in sogenannten "Kruzifikationen", später in gestischer Malerei, habe Rainer das Kreuz immer wieder übermalt und bearbeitet - "bis hin zu einer totalen Bildauslöschung". Für den Bischof sind die Rainer-Kreuze "kostbare Zeugnisse für das Beharrliche Dranbleiben an Gott - allen Enttäuschungen zum Trotz".
Besonders die Kreuz-Übermalungen deutete Glettler als Ausdruck existenzieller Glaubenserfahrung: Sie seien ein authentisches Ringen eines Künstlers, "der sich mit seinem permanenten Wegwischen, Durchstreichen, Auslöschen und immer wieder Übermalen den Nachterfahrungen des Glaubens gestellt hat". Rainer lehre damit, "alle Bilder unseres Glaubens in Frage zu stellen und zugleich von Neuem an ihre Bedeutung zu glauben - insofern ist er ein Bildzerstörer und Bildverehrer zugleich".
Die vom Wiener Domkapitel und der Sammlung Trenker getragene Schau war im Vorfeld Gegenstand öffentlicher Diskussionen über Fragen der Deutung der Werke und auch einer Verweigerung des Künstlers gegenüber der Ausstellung im Dom, die auch bei der Eröffnung mehrmals zur Sprache kamen. Die Ausstellung mit dem Titel "Das Kreuz als Zeichen, das bleibt" wurde am Vorabend des Aschermittwochs, im Stephansdom prominent - u.a. mit dem Wiener Erzbischof Josef Grünwidl, Bundeskanzler Christian Stocker, Dompfarrer Toni Faber sowie Sammler und Leihgeber Werner Trenker - eröffnet.
Kein Kirchenmaler
Arnulf Rainer, 1929 in Baden bei Wien geboren und am 18. Dezember 2025 im Alter von 96 Jahren verstorben, gilt als einer der bedeutendsten österreichischen Künstler nach 1945. Internationale Bekanntheit erlangte er vor allem durch seine Übermalungen und experimentellen grafischen Arbeiten, darunter auch die Kreuzdarstellungen. Rainer war mehrfach in kirchlichen Kontexten präsent, ohne sich als Kirchenmaler zu verstehen. Seine Arbeiten kreisen um Themen wie Auslöschung, Verdichtung und existenzielle Grenzerfahrung und wurden mit zahlreichen nationalen und internationalen Auszeichnungen gewürdigt.
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