Von Forschende ermittelte Fallzahlen haben sich etwa verdoppelt - Schwere Vorwürfe gegen 2002 verstorbenen früheren Erzbischof Kardinal Degenhardt
Paderborn, 12.03.2026 (KAP/KNA) In der deutschen Erzdiözese Paderborn hat es sehr viel mehr Fälle von sexuellem Missbrauch gegeben als bisher bekannt. Das zeigt eine Aufarbeitungsstudie, die Wissenschaftler der Universität Paderborn am Donnerstag vorgelegt haben. Darin ist von 210 Beschuldigten und 489 Betroffenen die Rede in den Jahren 1941 bis 2002.
Im Vorfeld der Präsentation wurden außerdem schwere Vorwürfe gegen den früheren Paderborner Erzbischof Kardinal Johannes Joachim Degenhardt (1926-2002) laut: Er soll nicht nur Missbrauch vertuscht haben, sondern selbst Täter gewesen sein. In der neuen Studie gibt es dazu aber keine konkreten Hinweise.
Laut dem Sprecher der Betroffenenvertretung in der Erzdiözese Paderborn, Reinhold Harnisch, liegt dem Gremium seit Ende 2025 ein Vorwurf eines Betroffenen gegen Degenhardt vor. Zum Zeitpunkt der mutmaßlichen Tat soll der Betroffene minderjährig gewesen sein. Der 2002 verstorbene Kardinal Degenhardt gilt nach Ansicht der Betroffenenvertretung als Beschuldigter. Sie gehe Hinweisen nach, ob und inwieweit es weitere Opfer und Täter gegeben habe.
Einordnung des Falls schwierig
Ob es sich hier um einen der drei Fälle handelt, die die Erzdiözese Paderborn im vergangenen Oktober aus Transparenzgründen selbst öffentlich gemacht hatte, konnte Harnisch nicht sagen. Aus Gründen des Persönlichkeitsrechts tausche die Betroffenenvertretung zunächst keine Daten mit der Erzdiözese aus. Auch die Erzdiözese Paderborn konnte diese Frage bisher nicht beantworten.
Die Erzdiözese hatte im vergangenen Herbst selbst die Missbrauchsvorwürfe gegen Degenhardt sowie gegen dessen Vorgänger, Kardinal Lorenz Jaeger, veröffentlicht. Diese Anschuldigungen seien jedoch teils unvollständig, widersprüchlich oder über Dritte eingebracht worden, so die Erzdiözese damals. Externe Gutachter hätten sie zudem als nicht plausibel bewertet.
Auch die Kirchenhistorikerin Nicole Priesching hat im Rahmen ihrer Studie diese Anschuldigungen untersucht. Eine Einordnung wollte sie jedoch am Donnerstag nicht vornehmen, da die Datenlage zu dünn sei: "Vor dem jetzigen Datenmaterial könnte ich eine Einschätzung nicht fällen."
Fallzahlen haben sich verdoppelt
Die Fallzahlen der Studie für die Erzdiözese Paderborn liegen in etwa doppelt so hoch wie die in einer deutschlandweiten Untersuchung von 2018 ermittelten Zahlen für die Erzdiözese. Priesching und ihr Team stießen auf 210 Hinweise auf beschuldigte Geistliche. Zudem seien mindestens 489 Kinder und Jugendliche sexuellen Übergriffen von Geistlichen ausgesetzt gewesen. Es handele sich hier aber lediglich um das Hellfeld, fügten die Forschenden hinzu.
Die sogenannte MHG-Studie hatte 2018 lediglich 111 Beschuldigte und 197 Betroffene in der Erzdiözese Paderborn identifiziert. Diese Zahlen beziehen sich auf den Zeitraum von 1946 bis 2014. Die aktuelle Studie umfasst die Amtszeiten der Erzbischöfe Jaeger und Degenhardt von 1941 bis 2002.
Studie: Erzbischöfe haben vertuscht
Priesching und ihr Team haben das Phänomen des sexuellen Missbrauchs in der Erzdiözese Paderborn fast sechs Jahre lang untersucht. Sie lasen Kirchenakten und interviewten Zeitzeugen.
Den beiden früheren Erzbischöfen Degenhardt und Jaeger warfen sie Vertuschung vor. Die Kardinäle hätten große Milde gegenüber beschuldigten Priestern gezeigt, auch wenn sie von deren Schuld überzeugt gewesen seien. Um die Betroffenen hätten sie sich nicht gekümmert.
Weitere Bischöfe unter Tatverdacht
Die Missbrauchsvorwürfe gegen Degenhardt sind nicht die ersten dieser Art. Ein Täter soll auch der Gründungsbischof der Diözese Essen, Kardinal Franz Hengsbach (1910-1991), gewesen sein. Gegen ihn liegen mehrere Vorwürfe wegen sexualisierter Gewalt vor. Sie beziehen sich zum einen auf seine Essener Amtszeit ab 1958, zum anderen auf die Zeit davor als Priester und Weihbischof in der Erzdiözese Paderborn. Eine soziologisch-historische Studie geht den Anschuldigungen nach.
Darüber hinaus wird auch dem früheren Hildesheimer Bischof Heinrich Maria Janssen (1907-1988) Missbrauch vorgeworfen. Zwei Gutachten konnten die Vorwürfe bisher aber weder erhärten noch entkräften.
2027 soll eine weitere Studie veröffentlicht werden zur Amtszeit des noch lebenden früheren Erzbischofs Hans-Josef Becker, der von 2002 bis 2022 an der Spitze der Erzdiözese Paderborn stand. Am Freitag will sich die Erzdiözese selbst zur Studie äußern. Der amtierende Paderborner Erzbischof Udo Markus Bentz saß bei der Vorstellung der Untersuchung am Donnerstag im Publikum.