"Ein Bewusstsein von dem, was fehlt": Zum Tod von Jürgen Habermas
14.03.202617:21
Deutschland/Philosophie/Religion/Leute/Habermas
Über ein halbes Jahrhundert lang war der Sozialphilosoph Jürgen Habermas Stichwortgeber für gesellschaftliche Diskurse. Dabei spielten immer wieder auch theologische Begriffe und Überlegungen eine Rolle. Eckpunkte einer politisch-theologischen Biografie - Von Henning Klingen
Wien, 14.03.2026 (KAP) Selbst ein Philosoph kann mitunter schroff werden, wenn es um erahnte Übergänge zwischen Werk und Biografie geht. "Ich bin alt, aber nicht fromm geworden", schrieb Jürgen Habermas vor 16 Jahren in einem Interviewband aus Anlass seines damals 80. Geburtstages. Es darf vermutet werden, dass er diesem Grundsatz bis zuletzt, d.h. bis zu seinem Tod am 14. März in Starnberg im Alter von 96 Jahren, treu geblieben ist. Dass ihn jedoch religiöse, ja, theologische Fragen stets herausgefordert haben, zeigt u.a. sein Opus Magnum "Auch eine Geschichte der Philosophie" (2019), sowie zuletzt sein kurzer Geburtstagsgruß an den ebenfalls verstorbenen Religionsphilosophen Thomas Schmidt, in dem er den Wert religiöser Erfahrung gegen eine rein atheistische Regeneration von Hoffnung verteidigte.
Gewiss, er habe nie einen Hehl daraus gemacht, dass auch seine Begriffe von Verständigung und kommunikativem Handeln "vom christlichen Erbe zehren", wie er einmal in einem Interview zugestand. Dennoch beharre er auf einer "methodischen Differenz der Diskurse" in Religion und Philosophie, selbst dort, wo er sich mit seiner viel diskutierten Begriffsschöpfung der "postsäkularen Gesellschaft" oder der Forderung nach einer säkularen Übersetzung religiöser Begriffe weit aus dem Fenster nachmetaphysischen Denkens lehnte - etwa, als er mit dem damaligen Kardinal Joseph Ratzinger 2004 in der Katholischen Akademie in München über "vorpolitische moralische Grundlagen eines freiheitlichen Staates" diskutierte.
Dabei hat er - vielleicht auch in bewusster Abgrenzung gegenüber jeder theologischen Vereinnahmung - zuletzt immer wieder betont, dass sein Hauptinteresse nicht der Religion oder Theologie gilt, sondern der Klärung bzw. Ausleuchtung des dunklen Wurzelgrundes der abendländischen Philosophie. Schließlich habe die moderne Philosophie ihren Ausgang ja nicht bei Kant genommen, sondern viel früher. Und darin spielen Theologie und Religion, Mythos und Ritus eine erstaunlich große Rolle. Etwa, wenn er die Emanzipationsgeschichte der Philosophie als Geschichte nicht nur des Ringens beider Sphären beschreibt, sondern - so der Clou seines letzten Großwerkes - er in der Theologiegeschichte selber aufklärerische Diskuse, ja, Aspekte eines sich Bahn brechenden nachmetaphysischen Denkens ausmacht. Aus diesem Grund rekonstruierte er zuletzt mit großem persönlichen Genuss, wie er einräumte, das Denken des Thomas von Aquin ebenso wie jenes von Duns Scotus, Wilhelm von Ockham und Martin Luther.
Das beiderseits auf geneigte Äquidistanz beharrende Verhältnis zwischen Habermas und der Theologie reicht dabei nicht nur vordergründig zurück in die Zeit der ersten theologischen Befassungen mit Habermas durch Johann Baptist Metz (1928-2019) und Helmut Peukert (*1934), sondern es wurzelt letztlich in Habermas' persönlicher Auseinandersetzung mit seinem Lehrer Theodor W. Adorno und der frühen Frankfurter Schule.
Auschwitz als Zäsur
Begibt man sich nämlich auf die Suche nach möglichen Beweggründen und politisch-theologischen Kreuzungspunkten, so stößt man bei Habermas auf eine tiefe frühe Erschütterung in den unmittelbaren Nachkriegsjahren, die er selbst als Erfahrung einer "Zäsur" bezeichnet - als Zäsur, die eng mit dem Namen Auschwitz und mit den Enthüllungen rund um die Auschwitz-Prozesse (1963-65) verbunden war. Ohne diese persönliche Erschütterung, ohne das existenziell berührende Erschrecken vor der Dunkelheit des Zivilisationsbruchs, wäre er, wie er schreibt, "wohl kaum zur Philosophie und Gesellschaftstheorie gelangt". Nach Auschwitz habe "alles einen doppelten Boden bekommen" - alle guten Absichten, alle geschichtsphilosophische Kontinuität, auch die politisch von der Ära Adenauer zur Schau getragene bürgerliche Kontinuität habe auf einmal ihre Doppelbödigkeit - oder treffender: ihre Bodenlosigkeit gezeigt.
Damit konnte Habermas an dunkel schimmernde theologische Motive in der frühen Frankfurter Schule anknüpfen - Motive, die sich nicht allein im berühmten Diktum Max Horkheimers, die Kritische Theorie wisse, "dass es keinen Gott gibt, und doch glaubt sie an ihn" erschöpfen, sondern die tief in die Mechanik der Frankfurter Sozialphilosophie eingebaut waren. So liest man ebenfalls bei Horkheimer den Satz: "Der Gedanke, dass die Gebete der Verfolgten in höchster Not, dass die der Unschuldigen, die ohne Aufklärung ihrer Sache sterben müssen ..., und dass die Nacht, die kein menschliches Licht erhellt, auch von keinem göttlichen durchdrungen wird, ist ungeheuerlich."
Es ist dies - wie Habermas schreibt - der "Glutkern, der sich an der Frage der Theodizee immer wieder entzündet", der das in Kommunikations- und Handlungstheorie heruntergebremste und abgekühlte Erschrecken vor den Auswüchsen einer in ihre abgrundtiefe Gewalt abgesunkenen Aufklärung stets aufs Neue anfacht oder doch zumindest als schmerzenden Stachel der Vergesellschaftung in Erinnerung hält. Es ist dies freilich auch ein Glutkern, der den "äußersten Punkt der Verzweiflung" berührt, wie es der Erziehungswissenschaftler Helmut Peukert formuliert; ein Punkt also, an den letztlich keine Theorie sprachlicher Verständigung mehr tröstend rühren kann, wo Kommunikation nicht in Argumente und Diskurse mündet, sondern in einen Schrei.
Habermas selbst wusste um diesen Punkt - und versuchte ihn in bewährter Manier kommunikativ einzuholen, etwa als er 2007 in einem Beitrag für die "Neue Zürcher Zeitung" formulierte: "Gleichwohl verfehlt die praktische Vernunft ihre eigene Bestimmung, wenn sie nicht mehr die Kraft hat, in profanen Gemütern ein Bewusstsein für die weltweit verletzte Solidarität, ein Bewusstsein von dem, was fehlt, von dem, was zum Himmel schreit, zu wecken und wachzuhalten."
Religion muss gelebte Praxis bleiben
Vor diesem Hintergrund formulierte Habermas schließlich auch sein Abschlussplädoyer in seinem letzten Werk "Auch eine Geschichte der Philosophie", demnach die säkulare Moderne sich zwar "aus guten Gründen vom Transzendenten abgewendet" habe - die Vernunft jedoch "mit dem Verschwinden jeden Gedankens, der das in der Welt Seiende im Ganzen transzendiert, selber verkümmern" würde. Von der Philosophie erwartet Habermas daher eine gewisse Offenheit für "unabgegoltene semantische Gehalte" - doch auch der Theologie, genauer: der gelebten, in Riten sich manifestierenden Religion schrieb der Philosoph etwas ins Stammbuch: Denn eine Befruchtung von nachmetaphysischem Denken und religiösem Bewusstsein könne nur so lange gelingen, "solange sich dieses in der liturgischen Praxis einer Gemeinde von Gläubigen verkörpert und damit als eine gegenwärtige Gestalt des Geistes behauptet."
Nur solange sich religiöse Erfahrung und theologisches Nachdenken noch auf "diese Praxis der Vergegenwärtigung einer starken Transzendenz stützen kann, bleibt sie ein Pfahl im Fleisch einer Moderne" und hält sie die Frage für die säkulare Vernunft offen, "ob es unabgegoltene semantische Gehalte gibt, die noch einer Übersetzung 'ins Profane' harren". Oder wie Habermas dies in einem Interview 2019 ausführte: "Das nachmetaphysische Denken kann sich aus guten Gründen nicht mehr auf eine transzendente Macht beziehen; aber schon der triviale Impuls, sich mit dem schwer Erträglichen in der Welt nicht abzufinden, nötigt uns zur wechselseitigen Zumutung eines autonomen Urteilens und Handelns, das die Welt im Ganzen gleichsam von innen her transzendiert." Angesichts dieser - und nur dieser - Position kann man vielleicht unterstellen, dass Habermas in seinen späten Jahren ein wenig "fromm" geworden ist.
Salzburger Erzbischof kondoliert zum Tod des deutschen Sozialphilosophen und würdigt dessen Denken und Wirken: "Manches an ihm wird man in unseren säkularen Tagen als prophetisch erkennen"
2019 lud Jürgen Habermas zu einem Gespräch über sein damaliges neues Großwerk "Auch eine Geschichte der Philosophie" ein. Eine Erinnerung aus Anlass seines Todes am 14. März 2026 - Von Henning Klingen
Einflussreicher Intellektueller im Alter von 96 Jahren gestorben - Deutscher Bischofskonferenz-Vorsitzender Wilmer kondoliert: "Die Weite seines Denkens und die visionäre Kraft Brücken zwischen der Philosophie und Religion zu bauen, werden bleiben"