Salzburger Theologe zum Tod von Jürgen Habermas über gemeinsame Anliegen und bleibende Differenzen zwischen Theologie und nachmetaphysischer Philosophie
Salzburg, 15.03.2026 (KAP) Jürgen Habermas, der am Samstag mit 96 Jahren verstorben ist, hat sich selbst in Anlehnung an Max Weber stets als "religiös unmusikalisch" bezeichnet und sich auch gegen jede theologische Vereinnahmung gewehrt; gleichwohl hat er sich gerade in den letzten Jahren immer wieder mit theologischen Autoren und der Frage befasst, ob die in religiöser Erfahrung geborgenen Gehalte nicht auch für eine prinzipiell säkulare Gesellschaft noch orientierende Kraft entfalten können. Dabei habe Habermas von der Theologie - freilich ohne dies dezidiert auszusprechen - "durchaus viel erwartet, vielleicht sogar zu viel", betonte der an der Universität Salzburger lehrende Theologe und Habermas-Kenner, Prof. Martin Dürnberger, im Gespräch mit der Nachrichtenagentur Kathpress (Sonntag).
Dürnberger verwies dazu etwa auf einen kurzen "Geburtstagsgruß", den Habermas im vergangenen Jahr an den kürzlich ebenfalls verstorbenen Frankfurter Religionsphilosophen Thomas Schmidt formuliert hatte. Darin verteidigte Habermas den in konkreter religiöser Erfahrung wurzelnden Dreiklang von Glaube, Liebe und Hoffnung gegen Konzepte einer inhaltlich unbestimmten Hoffnung. "Hier hat Habermas den Christen ins Stammbuch geschrieben, den Grund ihrer Hoffnung immer wieder neu zu aktualisieren und zu konkretisieren - denn Haltung ohne Inhalt wird zum bloßen Gestus", so Dürnberger.
Zugleich habe Habermas konsequent eingemahnt, dass diese theologischen Inhalte sich "diskursiv bewähren" und "säkular übersetzen" lassen müssten. In seinem späten Opus magnum "Auch eine Geschichte der Philosophie" (2019) habe er rekonstruiert, wie theologische Konzepte im Lauf der Geschichte neue Wege eröffnet und auch die Philosophie wegweisend inspiriert haben. Gerade hier habe Habermas im Blick auf die Herausforderungen von Gegenwart und Zukunft "viel von Theologie erwartet - vielleicht sogar zu viel. Es ist jedenfalls eine offene Frage, ob und wie sie diese Erwartungen einlösen kann."
Man könne darin eine Lernbereitschaft der säkularen Vernunft der Religion gegenüber sehen, allerdings auch eine gewisse funktionalistische Dienstbarmachung von Religion für soziale Problemlagen. Unabhängig davon bleibe Habermas ein inspirierender Denker für die Theologie, vor allem, wo er die Frage nach dem "unabgegoltenen Leid und himmelschreienden Ungerechtigkeiten" nicht nur in die Philosophie einspiele, sondern die Theologie als Ort der "prophetischen Benennung dessen, was fehlt" sieht, so Dürnberger abschließend
Salzburger Erzbischof kondoliert zum Tod des deutschen Sozialphilosophen und würdigt dessen Denken und Wirken: "Manches an ihm wird man in unseren säkularen Tagen als prophetisch erkennen"
2019 lud Jürgen Habermas zu einem Gespräch über sein damaliges neues Großwerk "Auch eine Geschichte der Philosophie" ein. Eine Erinnerung aus Anlass seines Todes am 14. März 2026 - Von Henning Klingen
Über ein halbes Jahrhundert lang war der Sozialphilosoph Jürgen Habermas Stichwortgeber für gesellschaftliche Diskurse. Dabei spielten immer wieder auch theologische Begriffe und Überlegungen eine Rolle. Eckpunkte einer politisch-theologischen Biografie - Von Henning Klingen
Einflussreicher Intellektueller im Alter von 96 Jahren gestorben - Deutscher Bischofskonferenz-Vorsitzender Wilmer kondoliert: "Die Weite seines Denkens und die visionäre Kraft Brücken zwischen der Philosophie und Religion zu bauen, werden bleiben"