Heiliges Land: Alle Menschen leiden unter dem Krieg
17.03.202610:37
Israel/Palästina/Kirche/Krieg/Soziales
Berichte des St. James Vikariat für Hebräisch-sprachige Katholiken in Israel, des Lateinischen Patriarchats und der Caritas-Jerusalem zeichnen dramatisches Bild der Lage für die Menschen vor Ort - Raketenteile gingen auf Jerusalemer Altstadt nieder
Jerusalem, 17.03.2026 (KAP) Der aktuelle Nahostkrieg hat auch auf das Heilige Land verheerende Auswirkungen. Aktuelle Berichte von vor Ort zeigen, dass alle Seiten betroffen sind. Besonders Kinder würden unter den häufigen Raketenalarmen leiden und müssten ihre Nächte oft in Schutzräumen verbringen, berichtete etwa das St. James Vikariat für die Hebräisch-sprachigen Katholiken in Israel. Die dramatischen Auswirkungen auf die Menschen im Westjordanland und in Gaza verdeutlichte ein Mitarbeiter des Lateinischen Patriarchats von Jerusalem gegenüber "Kirche in Not".
"Viele Kinder unserer Gemeinden schlafen in diesen Wochen nicht in ihren Betten, sondern auf Matratzen in Schutzräumen", berichtete Fr. Piotr Zelazko, Generalvikar des St. James Vikariats. "Krieg wird oft in strategischen Kategorien beschrieben. Für diese Kinder bedeutet er vor allem Angst, unterbrochenen Schlaf und ein Leben zwischen Sirenen und Schutzräumen."
Das St. James Vikariat des Lateinischen Patriarchats von Jerusalem begleitet Hebräisch-sprachige Katholikinnen und Katholiken in Israel pastoral. Die Gemeinden befinden sich in Jerusalem, Tel Aviv, Haifa, Tiberias und Be'er Scheva. Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf der Begleitung von Kindern und Jugendlichen sowie auf der Unterstützung von Familien.
Das kirchliche Leben sei derzeit stark eingeschränkt. Gottesdienste und pastorale Aktivitäten würden vielerorts nicht oder nur unter erschwerten Umständen stattfinden, hieß es. Geplante Initiativen müssten verschoben werden. Betroffen sind unter anderem mehrere bereits lange vorbereitete Initiativen des St. James Vikariats. Dazu zählt die geplante Erstaufführung eines Dokumentarfilms über die Situation von Familien ohne gesicherten Aufenthaltsstatus in Israel. Ebenfalls verschoben werden mussten ein Osterferienprogramm für Kinder aus diesen Familien, deren ohnehin schwierige Lebenssituation durch den Krieg zusätzlich belastet wird, sowie ein pastorales Wochenende für Eltern, die derzeit besonders auf Begleitung und Unterstützung angewiesen sind.
Besonders angespannt sei die Situation im Süden von Tel Aviv, wo zahlreiche Mitglieder des St. James Vikariats leben. Das Viertel sei geprägt von sozialen Herausforderungen und Drogenproblemen. Wiederholte Raketenalarme verschärften die Lage zusätzlich und würden die Menschen zwingen, Schutzräume aufzusuchen.
Die Folgen des Krieges zeigten sich auch in konkreten Einzelschicksalen. Eine Rakete, die die Stadt Be'er Scheva traf, beschädigte zahlreiche Wohnungen, darunter auch das Zuhause einer Familie aus der dortigen Gemeinde des St. James Vikariats. In einer anderen Familie habe ein Gemeindemitglied nach einem Raketenalarm auf dem Rückweg vom Schutzraum in seine Wohnung einen Schlaganfall erlitten und befinde sich derzeit im Krankenhaus.
"Die Christen beginnen, zu verzweifeln"
Der neue Nahostkrieg hat auch für die einheimische christliche Minderheit im Heiligen Land schwerwiegende Auswirkungen; noch mehr Christen als bisher würden über Auswanderung nachdenken, so George Akroush, Leiter des Büros für Projektentwicklung beim Lateinischen Patriarchat von Jerusalem, im Gespräch mit dem weltweiten päpstlichen Hilfswerk "Kirche in Not".
Akroush befand sich in München, als der Krieg gegen den Iran begann. Sämtliche Flüge nach Israel waren gestrichen. Der Mitarbeiter des Patriarchats musste daher eine 32-stündige Rückreise antreten, die ihn über Griechenland, Ägypten und schließlich auf dem Landweg nach Jerusalem führte. "Es war eine äußerst belastende und beängstigende Erfahrung", berichtete Akroush. Zu Hause erwartete ihn seine Familie, die bereits seit drei Tagen unter ständigem Luftalarm lebte. "Ich versuche, vor den Kindern stark zu wirken und meine Angst nicht zu zeigen. Aber das war die schlimmste Erfahrung meines Lebens. So etwas haben wir noch nie erlebt", stellte Akroush fest.
In Jerusalem und Umgebung bestehe ständig die Gefahr durch Raketen oder durch Trümmer abgefangener Geschosse. Splitter gingen zuletzt sogar über der Altstadt von Jerusalem nieder, wo sich zahlreiche Kirchen, Klöster und andere wichtige christliche Einrichtungen befinden, darunter auch der Sitz des Lateinischen Patriarchats. Im Norden würden die Regionen Haifa und Galiläa in Reichweite von Raketen pro-iranischer Milizen aus dem Südlibanon liegen. Besonders bitter sei, dass sich auf beiden Seiten der Grenze christliche Dörfer befinden, sagte Akroush.
Der Krieg hat auch massive wirtschaftliche Folgen. So wurden die Kontrollpunkte zwischen dem Westjordanland und Israel erneut geschlossen. "Vor den Anschlägen vom 7. Oktober 2023 hatten etwa 180 000 Menschen aus dem Westjordanland eine Arbeitserlaubnis in Israel. Danach sank diese Zahl auf 15 000. Jetzt haben auch diese Menschen ihre Arbeit verloren", erklärte Akroush.
Schwierige Situation in Gaza
Auch im Gazastreifen hat sich die Lage weiter verschärft. Seit Beginn des neuen Krieges seien alle humanitären Hilfslieferungen gestoppt worden. "Seit dem 7. März ist keine einzige Lieferung mehr nach Gaza gelangt - keine Medikamente, kein Krankenhausmaterial, nicht einmal Antibiotika", berichtete Akroush. Die Kirche bemühe sich weiterhin, das einzige christliche Krankenhaus dort zu unterstützen, doch derzeit seien die Kommunikationskanäle blockiert.
Trotz aller Schwierigkeiten setze die Kirche ihre Hilfe fort, so der Koordinator. Rund 200 Menschen leben weiterhin auf dem Gelände der katholischen Pfarrei in Gaza, darunter fast 50 Menschen mit Behinderung, die von den Missionarinnen der Nächstenliebe betreut werden.
Dass es in Gaza kaum noch Lebensmittel und Medikamente gibt, bestätigte am Montagabend auch der Pfarrer von Gaza, Gabriel Romanelli, in der ORF-Sendung "Religion aktuell". Die wenigen verfügbaren Güter seien inzwischen so teuer, dass sie nicht mehr leistbar sind. Ein Beispiel: Ein Liter Benzin kostet in Gaza derzeit umgerechnet 32 Dollar. Die Menschen in Gaza hätten Angst, dass sie aufgrund des Iran-Kriegs in Vergessenheit geraten, ergänzte Anton Asfar, Generalsekretär der Caritas Jerusalem.
Raketentrümmer auf Jerusalemer Altstadt und Knesset
In der Jerusalemer Altstadt sind am Montagnachmittag nahe der Grabeskirche Splitter und Reste von Abfangraketen niedergefallen. Das bestätigte die Jerusalemer Polizei. Ein rundes Rohrteil sei auf das Dach eines Gebäudes in griechisch-orthodoxem Besitz gefallen und abtransportiert worden, hieß es. Auch nahe dem Parlament, der Knesset, sollen Trümmerteile niedergegangen sein. Gegen 15 Uhr waren in Jerusalem bei einem Raketenalarm heftige Detonationen zu hören.
Während des jüngsten Raketenangriffs aus dem Iran habe die israelische Armee mehrere Abfangmanöver durchgeführt, so die Polizei. Danach habe man an verschiedenen Orten der Altstadt, darunter auf dem Tempelberg und auch im jüdischen Viertel, teilweise große Trümmerteile von Raketen und Abfangraketen gefunden. Die Orte seien abgesperrt; Sicherheitskräfte bemühten sich um eine Beseitigung der Gefahren.
Ähnliche Trümmerfunde waren in den vergangenen Tagen auch nahe dem Postamt in der Jerusalemer Altstadt gemeldet worden, ebenso am traditionell als "Hirtenfeld" bezeichneten Ort bei Beth Sahur nahe Bethlehem.