Theologin Paganini sieht Auseinandersetzung um Menschenbild aber Schnittmengen bei Technikethik und KI-Debatte
Innsbruck, 19.03.2026 (KAP) Die vatikanische Kritik an Transhumanismus und Posthumanismus ist nach Einschätzung der Theologin und Philosophin Claudia Paganini "nicht zwingend als technikfeindlich" zu verstehen. Das Anfang März veröffentlichte Dokument "Quo vadis humanitas?" der Internationalen Theologenkommission ziele auf Grundsatzfragen ab und richte sie sich vielmehr gegen transhumanistische Ansätze, die den Menschen als "optimierbares System" begreifen und Selbstoptimierung als "conditio humana" deuten. Dem halte die christliche Tradition "die Geschöpflichkeit, Verletzlichkeit, Endlichkeit und relationale Würde des Menschen" entgegen.
Konfliktpunkte sieht die Expertin speziell beim Körperverständnis. In transhumanistischen Visionen erscheine dieses oft "als formbares biologisches Material, das man optimieren oder beliebig umbauen kann". Das vatikanische Dokument betone hingegen, dass der Körper "Teil der personalen Identität und nicht bloß Rohstoff technischer Gestaltung ist".
"In diesem Sinn muss man die Kritik des Vatikans nicht zwingend als technikfeindlich verstehen, sondern als Kritik an einem bestimmten Menschenbild", erklärt Paganini gegenüber der Nachrichtenagentur Kathpress. Und weiter: "Im Zentrum steht die Vorstellung, dass der Mensch seine Existenz - einschließlich seiner leiblichen Begrenztheit - als göttliche Gabe empfängt und nicht oder zumindest nicht vollständig als Projekt eigener technischer Gestaltung verstehen sollte."
Streben nach Unendlichkeit
Einen weiteren Spannungsbereich ortet Paganini beim Umgang mit Endlichkeit und Leiden. Transhumanistische Programme zielten häufig darauf ab, "Alter, Schmerz oder sogar den Tod technisch zu überwinden". Die christliche Tradition verstehe diese Dimensionen dagegen "nicht als bloße Defekte, sondern als Teil einer existenziellen Wirklichkeit, die auch spirituelle Bedeutung haben kann".
Ob der Vatikan dabei zu vorsichtig argumentiere, bewertet Paganini differenziert und meint, es "hängt vom Blickwinkel ab". Aus ethischer Sicht sei es "durchaus sinnvoll, eine Debatte anzustoßen". Zugleich plädiert sie dafür, "in der Be- und damit auch Abwertung zurückhaltend zu sein" und zunächst zu verstehen, "welche Bedürfnisse Menschen realisieren, wenn sie in der Technik ein Heilsversprechen sehen".
Neben allen offenen oder gar kritischen Punkten gäbe es aber noch genug Anknüpfungspunkte zwischen Technikentwicklung und christlicher Ethik, so die Medienexpertin. Viele Innovationen etwa in Medizin, Rehabilitation oder assistiver Technik zielten darauf ab, "menschliches Leiden zu lindern oder Teilhabe zu ermöglichen" und seien damit "mit einer christlichen Ethik der Fürsorge und der Solidarität sehr gut vereinbar".
Auch die aktuelle Diskussion über Künstliche Intelligenz, Verantwortung und Machtkonzentration biete Anknüpfungspunkte. "Wenn das vatikanische Dokument vor einer möglichen Kontrolle durch mächtige Technologien warnt, berührt es Fragen, die auch in der Technikethik breit diskutiert werden: Wer kontrolliert diese Systeme, wem dienen sie und wie schützen wir menschliche Würde und Freiheit?", führt Paganini aus. Auch gläubige Menschen seien dazu aufgefordert, sich in all diese Debatten stärker einzubringen, plädiert die Expertin für Künstliche Intelligenz.
"Quo vadis humanitas?"
Die acht Autorinnen und Autoren von "Quo vadis humanitas?" - das von Papst Leo XIV. gebilligt worden war - stellen darin fest, dass die Idee einer Überwindung der Grenzen der menschlichen Natur durch Technik und Medizin derzeit in der Gesellschaft sehr einflussreich sei. Sie unterscheiden zwischen einem optimistischen Transhumanismus, der eine Perfektionierung des Menschen anstrebt, und der eher pessimistischen Idee des Posthumanismus. Ihr zufolge werde die Menschheit bald eine überholte Gattung sein, an deren Stelle technische Geschöpfe oder eine alles regierende Künstliche Intelligenz träten.
Beiden Strömungen sei gemeinsam, dass sie Widersprüche und Begrenztheiten der menschlichen Existenz nicht akzeptierten. Die Transhumanisten versuchten, sie auf technologisch-medizinischem Weg zu überwinden, die Posthumanisten verabsolutierten die Mängel des Menschseins und sähen die Menschheit deshalb als überholt an.
Im Gegensatz zu diesen Ideen strebe das christliche Denken eine Synthese der tiefen Spannungen an, die das menschliche Leben ausmachten. Statt sie technisch zu überwinden oder zu ersetzen, würden sie für Christen im Sterben und in der Auferstehung Jesu aufgehoben.
"Quo vadis humanitas" ist als Text der beratenden Internationalen Theologenkommission noch nicht Teil des kirchlichen Lehramts. Häufig greifen aber spätere lehramtliche Texte wie Enzykliken auf Voten dieser Kommission zurück. Bei der Veröffentlichung lag das Dokument zunächst nur in italienischer Fassung öffentlich vor.