Soziologe Joas wünscht sich offenere Position der Kirche zur AfD
20.03.202610:14
(zuletzt bearbeitet am 20.03.2026 um 14:19 Uhr)
Deutschland/Kirche/Politik/AfD
Für deutsche Bischöfe AfD nicht wählbar für Christen - Soziologe Joas kritisiert Position, "die ganze AfD zu völkischen Nationalisten zu erklären" - ZdK-Präsidentin Stetter-Karp hält dagegen: "Starkes Zeichen der Bischöfe" - Katholikenkomitee warnt vor Rückzug aus Demokratie
Berlin, 20.03.2026 (KAP/KNA) Die katholische Kirche sollte nach Ansicht des Soziologen Hans Joas ihre Haltung zur AfD überdenken. Er stimme der Position, dass völkischer Nationalismus nicht mit dem Christentum vereinbar sei, hundertprozentig zu, sagte Joas am Donnerstag bei einer Veranstaltung zur politischen Gestaltungskraft der Religion in der Konrad-Adenauer-Stiftung in Berlin. Mitveranstalter war das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK).
"Aber die Frage ist, ob es wirklich berechtigt ist, die ganze AfD zu völkischen Nationalisten zu erklären", führte Joas weiter aus. Dies könne zudem bei einzelnen Wählern das Gefühl verstärken, politisch ausgeschlossen zu sein. Auch die jüngste Warnung der katholischen Kirche vor der AfD bei der Landtagswahl in Baden-Württemberg habe offenbar kaum einen Effekt gehabt, gab Joas zu bedenken.
Der Soziologe bezog sich auf eine im Februar 2024 veröffentlichte Erklärung der Deutschen Bischofskonferenz mit dem Titel "Völkischer Nationalismus und Christentum sind unvereinbar". Darin hatten die Bischöfe ausdrücklich die AfD genannt und somit erstmals eine im Bundestag vertretene Partei als nicht wählbar für Christen bezeichnet.
ZdK-Präsidentin Irme Stetter-Karp verteidigte die Erklärung und auch die Warnung zur Landtagswahl, gerade in Zeiten, in denen die AfD deutliche Zuwächse verzeichne. "Ich halte es für ein starkes Zeichen der Bischöfe."
Katholikenkomitee warnt vor Rückzug aus Demokratie
Mit Blick auf die Landtagswahl in Rheinland-Pfalz hat die Präsidentin des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Irme Stetter-Karp, "Mut zur Demokratie" und ein neues Miteinander gefordert. Sie beklagte am Freitag in Berlin, zu viele Menschen wählten "den Weg des Rückzugs aus demokratischen Räumen oder das radikale Nein zu einer offenen Gesellschaft".
Es sorge sie, dass es selbst etablierten Parteien schwerfalle, vor Ort ausreichend Kandidaten zu mobilisieren, sagte die Präsidentin des höchsten Gremiums des deutschen Laien-Katholizismus. "Christsein in einer vielfältigen Gesellschaft bedeutet, integrativ zu wirken, Bedürfnisse von Gruppen zu erkennen, die am Rande stehen, Lösungen für krisenhafte Entwicklungen zu suchen", so Stetter-Karp. Und weiter: "Wir wollen auch in Zukunft in einer Demokratie leben."
Sie betonte, die AfD sei für Christen nicht wählbar. Den Aufstieg der Partei nannte sie besorgniserregend. "Offensichtlich ist zu lange Zeit viel zu wenig darüber geredet worden, wie wir als Gesellschaft in Zukunft miteinander leben wollen. Fördern wir eine wertschätzende Streitkultur!", so Stetter-Karp. Das stärke die Demokratie auf allen Ebenen.
Entscheidend sei, nicht erst über die Menschenwürde anderer abzustimmen: "Wir sprechen sie allen zu - egal, woher der Mensch kommt und was ihn auszeichnet", stellt Stetter-Karp klar. "Eine Partei, die das infrage stellt, stellt unser Grundgesetz infrage."
Erzbischof: Kirche muss auch politisch sein
Je mehr sich Kirche ihrem Kerngeschäft widmet, desto politischer muss sie laut dem katholischen Bamberger Erzbischof Herwig Gössl sein. "Immer wieder heißt es, Kirche solle sich nur darauf konzentrieren, den Glauben zu verbreiten. Das ist natürlich auch der Kernauftrag. Doch schon in der Bibel geht es politisch zu", sagte er am Freitag bei der Veranstaltung zur Politischen Gestaltungskraft der Religion in der Konrad-Adenauer-Stiftung.
So sei etwa der Auftrag, den Mose von Gott erhalten habe, hochpolitisch: sein Volk aus der Sklaverei in Ägypten zu führen. Dazu habe auch das Leben von Jesus eine politische Dimension.
Wenn sich Kirche politisch äußere, sollte dies nach Ansicht Gössls aber mit einer klaren, gemeinsamen und einheitlichen Stimme geschehen. Als positives Beispiel nannte er in diesem Zusammenhang unter anderem die im Februar 2024 veröffentlichte Erklärung der Deutschen Bischofskonferenz mit dem Titel "Völkischer Nationalismus und Christentum sind unvereinbar". Darin hatten die Bischöfe ausdrücklich die AfD genannt und somit erstmals eine im Bundestag vertretene Partei als nicht wählbar für Christen bezeichnet.
Gössel beklagte auf der Veranstaltung zudem eine sinkende Bereitschaft, generell Kompromisse zu schließen und mit diesen zu leben. "Das ist aber keine kirchliche, sondern eine gesellschaftliche Schwierigkeit. Da ist die Kirche auch ein Kind ihrer Zeit."