Mullally wird als Erzbischöfin von Canterbury ins Amt eingeführt
23.03.202613:05
Großbritannien/Kirche/Anglikaner/Personalien
Als 106. Primas der anglikanischen Staatskirche von England schreibt die bisherige Bischöfin von London Geschichte - Prinz William und Prinzessin Catherine offizielle Vertreter von König Charles III. bei Gottesdienst am Mittwoch in Canterbury
Canterbury, 23.03.2026 (KAP/KNA) England hat nun erstmals offiziell eine anglikanische Erzbischöfin: Sarah Mullally (63), zuvor anglikanische Bischöfin von London und damit schon bisher höchstrangige weibliche Geistliche in der Geschichte der Church of England, wird am Mittwoch (25. März) offiziell in der Kathedrale von Canterbury als Erzbischöfin installiert. Mit dem feierlichen Gottesdienst ist Mullally Amtsübernahme dann vollständig abgeschlossen. Rechtlich ist sie bereits seit Ende Jänner als neues geistliches Oberhaupt der anglikanischen Staatskirche im Amt. Die 140 Kilometer lange Strecke von London in ihre neue Bischofsstadt hatte die Erzbischöfin in den vergangenen Tagen als Pilgerweg zu Fuß zurückgelegt. Als Nummer eins der Kirche von England folgt Mullally Erzbischof Justin Welby (70) nach.
"Unsere heutige Welt braucht die Liebe, die Heilung und die Hoffnung, die wir in Jesus Christus finden. Ich bete weiterhin dafür, dass wir unser Vertrauen in diese frohe Botschaft erneuern und uns erneut dazu verpflichten, die Freude des Evangeliums weiterzugeben", erklärte Mullally im Vorfeld der Amtseinführung. Nach Angaben der anglikanischen Kirche werden bei der Feier am Mittwoch mehr als 2.000 Gäste erwartet, darunter Prinz William und Prinzessin Catherine als offizielle Vertreter von König Charles III., Politiker wie Premierminister Keir Starmer und Oppositionsführerin Kemi Badenoch sowie zahlreiche Kirchenvertreter.
Schwur auf Evangeliar aus 6. Jahrhundert
Als neues geistliches Kirchenoberhaupt schwört Mullally in der von der BBC live übertragenen Zeremonie auf das sogenannte Augustinus-Evangeliar, eine illuminierte Prachtbibel aus Oberitalien aus dem 6. Jahrhundert. Dieses Buch brachte womöglich der heilige Augustinus von Canterbury (gest. 604/605), der römische Missionar der Angelsachsen und erste Erzbischof von Canterbury, 597 selbst nach England mit. Es gehört zu den ältesten erhaltenen lateinischen Evangeliaren der europäischen Buchkunst.
Danach wird die neue Erzbischöfin zum Bischofsstuhl von Canterbury geführt; sie nimmt Platz und ist damit offiziell Leiterin der südlichen Kirchenprovinz Englands. Anschließend wird sie zum zweiten Thron geleitet, dem Stuhl des heiligen Augustinus; dort setzt sie der Kathedraldekan als Primas von England (und damit Ehrenoberhaupt der anglikanischen Weltgemeinschaft) ein. Sie verliest das Evangelium und predigt erstmals vom Stuhl des heiligen Augustinus.
Mullally ist die erste Frau als Nachfolgerin des heiligen Augustinus von Canterbury, der um 597 von Papst Gregor I. nach England gesandt wurde, um die Angelsachsen zu missionieren. Er war der Gründer der englischen Kirche, die seit der Reformation im 16. Jahrhundert nicht mehr katholisch ist, sondern protestantisch wurde.
Schon bisher "The King's Bishop"
Die gelernte Krankenpflegerin Mullally wechselte 1999 für fünf Jahre als Leiterin Pflege ins britische Gesundheitsministerium. 2001 erhielt sie die Diakonenweihe und 2006 die Priesterweihe. Im Juli 2015 wurde sie vom anglikanischen Primas Welby zur Bischöfin geweiht; in Exeter war sie Englands zweite Diözesanbischöfin. Seit 1987 ist Mullally verheiratet; sie hat zwei Kinder.
Als Bischöfin von London war sie seit 2017 nicht nur die Nummer drei in der anglikanischen Hierarchie nach den Erzbischöfen von Canterbury und York. Als einer von fünf "Geistlichen Lords" ist der Bischof von London geborenes Mitglied des Oberhauses. Zudem ist er auch Dekan der - rechtlich eigenständigen - königlichen Kapellen, was ihm einen privilegierten Zugang zur Royal Family gibt. Wegen dieser Nähe wird er auch als "the King's Bishop" bezeichnet.
Einen Bericht über einen nicht vorschriftsgemäßen Umgang Mullallys mit einem Fall von sexuellem Fehlverhalten in ihrer Zeit als Dienstvorgesetzte in London verfolgte die Kirche von England nicht weiter. Zu Jahresbeginn wurde der Fall zu den Akten gelegt, zum Unmut von Opfervertretern.
Spaltung seit der Reformation
Die anglikanische Kirche entstand zur Zeit der Reformation in England. König Heinrich VIII. brach 1533 mit dem Papst, weil dieser sich weigerte, die Ehe des Königs zu annullieren. Als Oberhaupt einer neuen Staatskirche setzte sich Heinrich VIII. 1534 selbst ein. Weltweit zählt die anglikanische Kirche nach unterschiedlichen Angaben zwischen 77 und 85 Millionen Mitglieder.
Außerhalb Englands gibt es 42 anglikanische Kirchenprovinzen, darunter in den USA, Australien und in mehreren Ländern Afrikas, sowie fünf weitere Kirchen. Der englischen Mutterkirche steht der König als weltliches Oberhaupt vor. Geistliches Oberhaupt, Primas der Kirche von England sowie Ehrenoberhaupt der anglikanischen Weltgemeinschaft ist der Erzbischof von Canterbury. Canterbury hat jedoch als Primus inter pares (Erster unter Gleichen) keine Weisungsbefugnis für die Nationalkirchen.
Eine Gruppe konservativer Anglikaner hat nach der Ernennung einer Frau zum Ehrenoberhaupt mit der Kirche von England und damit auch mit der anglikanischen Weltgemeinschaft gebrochen. Beim jüngsten Treffen der bereits 2008 gegründeten Global Anglican Future Conference (Gafcon) im nigerianischen Abuja sollte ursprünglich sogar ein Alternativ-Oberhaupt gewählt werden. Auf diesen Schritt verzichteten die 460 versammelten konservativen Kirchenvertreter jedoch letztlich.
Im Oktober erfolgte Ernennung der ersten weiblichen Primas der anglikanischen Staatskirche bei Zeremonie in Londoner St. Paul's Cathedral feierlich bestätigt - Gottesdienst zur Amtseinführung in Canterbury am 25. März
Sarah Mullally wurde vorgeworfen, als Bischöfin von London eine Missbrauchsbeschwerde gegen einen Priester ihrer Diözese nicht ordnungsgemäß behandelt zu haben