Erzdiözese Krakau sieht Umgang Wojtylas mit Missbrauch differenziert
25.03.202613:30
Polen/Kirche/Missbrauch/Geschichte/Aufarbeitung
Sprecher: Späterer Papst ging als Erzbischof in den 1970ern gegen Täter vor und beachtete staatliche Gesetze und das Kirchenrecht, er kümmerte sich aber nicht um Missbrauchsbetroffene
Krakau, 25.03.2026 (KAP) Die südpolnische Erzdiözese Krakau betrachtet den Umgang ihres ehemaligen Bischofs Karol Wojtyla, des späteren Papstes Johannes Paul II. (1978-2005), mit Betroffenen von sexuellem Missbrauch inzwischen kritisch. "Er hat sich nicht um die Geschädigten gekümmert", sagte Diözesansprecher Piotr Studnicki laut Katholischer Nachrichten-Agentur (KNA; Mittwoch) dem Wochenmagazin "Tygodnik Powszechny". Karol Wojtyla habe damals nicht erkannt, "wie wichtig es ist, die Perspektive der Missbrauchsbetroffenen einzunehmen, sich mit ihnen zu treffen und ihnen zuzuhören".
Wojtyla war von 1964 bis zu seiner Papstwahl 1978 Erzbischof von Krakau. Damals ging der 2014 heiliggesprochene Papst laut dem Diözesansprecher allerdings gegen jene Priester vor, die Kindern Leid zugefügt hatten. Studnicki betonte, Kardinal Wojtyla habe in diesen Fällen die damaligen staatlichen Gesetze und das Kirchenrecht beachtet.
Wenn man Wojtylas Reaktionen aber aus heutiger Sicht beurteile, "können wir enttäuscht sein, dass er keine Maßnahmen ergriffen hat, die uns heute selbstverständlich erscheinen", erklärte er. Obwohl der heutige Heilige von der moralischen Verwerflichkeit von Pädophilie überzeugt gewesen sei, "blieb er nicht frei von Fehlern".
"Rzeczpospolita": Missbrauchsfälle nicht vertuscht
Zuletzt hatte eine Recherche der Zeitung "Rzeczpospolita" ergeben, dass Wojtyla in seiner Zeit als Erzbischof von Krakau Missbrauchsfälle nicht vertuschte, sondern Maßnahmen gegen Täter ergriff. Die Zeitung konnte in den vergangenen Wochen Dokumente aus dem Archiv der Erzdiözese auswerten, nachdem der neue Krakauer Erzbischof Kardinal Grzegorz Rys das Archiv für solche Untersuchungen geöffnet hatte.
"Die Forschungsergebnisse zeigen, dass wir keine Scheu davor haben sollten, kirchliche Archive für Forschungszwecke zu öffnen. Keine noch so schwierige und schmerzhafte Geschichte ist so beängstigend wie verschlossene Archive", sagte Diözesansprecher Studnicki laut OSV News.
Enthüllungsbuch und TV-Doku
2023 hatten in einem Enthüllungsbuch und einer TV-Dokumentation erhobene Vorwürfe der Missbrauchsvertuschung gegen Karol Wojtyla auch international für Schlagzeilen gesorgt. Diese beriefen sich auf Dokumente der ehemaligen kommunistischen Geheimpolizei SB, einzelne Dokumente der Kirche und Gespräche mit ehemaligen Kirchen-Angestellten sowie Betroffenen von sexualisierter Gewalt.
Für die damals genannten Fälle konnten "Rzeczpospolita"-Journalisten im Diözesanarchiv nach eigenen Angaben nun keine Belege für eine Vertuschung durch den damaligen Erzbischof finden. Viel mehr habe Wojtyla verglichen mit anderen Kirchenspitzen, die zwischen 1944 und 1989 mit Fällen von Pädophilie befasst gewesen seien, vorbildlich agiert.
Die Polnische Bischofskonferenz verteidigt Johannes Paul II. seit Jahren gegen Vorwürfe, er habe Missbrauchsfälle vertuscht. In Polen gilt der einstige Papst bis heute als Nationalheld. Er hatte maßgeblich zum Fall des kommunistischen Regimes in Warschau und in anderen Ländern des Ostblocks beigetragen.
Bischofskonferenz-Vorsitzender Gadecki: Bei Anschuldigungen gegen Karol Wojtyla zum Umgang mit Missbrauchsfällen werden Geheimdienst-Unterlagen "unkritisch als glaubwürdige Quellen" betrachtet - Ehemaliger Papstsekretär Kardinal Dziwisz warnt vor einer "Selbstvernichtung"
Polnischer Erzbischof Jedraszewski nennt Vorwurf der Missbrauchsvertuschung eine "Operation zur Zerstörung der leuchtenden Erinnerung" an den früheren Papst
Staatliches "Institut des nationalen Gedenkens" verfügt über Akten des früheren kommunistischen Geheimdiensts - Laut Zeitung "Rzeczpospolita" will die Vatikanbotschaft in Polen, dass die Erzdiözese Krakau Kirchenakten zu Karol Wojtyla sichtet
Polnischer Journalist: Kardinal Wojtyla soll Priester der Erzdiözese Krakau, über deren Taten er informiert war, in andere Gemeinden versetzt haben - Ein Priester wurde in die Erzdiözese Wien geschickt, ohne Erzbischof Kardinal König über die Hintergründe zu informieren