Sarah Mullally als Erzbischöfin von Canterbury ins Amt eingeführt
25.03.202618:10
Großbritannien/Kirche/Anglikaner
64-Jährige schreibt als 106. Primas der anglikanischen Staatskirche von England Geschichte
Canterbury, 25.03.2026 (KAP/KNA) Sarah Mullally ist am Mittwoch offiziell in das Amt der anglikanischen Erzbischöfin von Canterbury eingeführt worden. Als erste Frau in diesem Amt verwies sie in ihrer Predigt auf Frauen in der Bibel, die sich mit Gottvertrauen auf eine unsichere Zukunft eingelassen hätten. Zugleich erinnerte sie an die Opfer kirchlichen Versagens. Ihnen besonders müsse Wahrheit und Gerechtigkeit gewährt werden. In ihrer recht persönlich gehaltenen Ansprache ermutigte sie Gläubige dazu, sich persönlich Gott anzuvertrauen.
Die bisherige Bischöfin von London hatte die 140 Kilometer aus der Hauptstadt in ihre neue Bischofsstadt in den vergangenen Tagen als Pilgerweg zu Fuß zurückgelegt. Als Nummer eins und Primas der anglikanischen Staatskirche von England folgt sie Erzbischof Justin Welby (70) nach. Der Gottesdienst am Mittwoch, mit dem die Amtsübernahme Mullallys nun vollständig abgeschlossen ist, fand genau einen Tag vor dem 64. Geburtstag der Erzbischöfin statt.
Schreiben von König Charles III.
Mullally ist als 106. Erzbischof von Canterbury die erste Frau als Nachfolgerin des heiligen Augustinus von Canterbury, der um 597 von Papst Gregor I. nach England gesandt wurde, um die Angelsachsen zu missionieren. Er war der Gründer der englischen Kirche, die seit der Reformation im 16. Jahrhundert nicht mehr katholisch ist, sondern protestantisch wurde.
Gemäß dem Anklopfritual von Canterbury musste die neue Erzbischöfin zunächst vor dem Westportal der Kathedrale warten. Der Kathedraldekan verlas drinnen in Anwesenheit von Thronfolger Prinz William und seiner Frau Prinzessin Catherine einen Brief von König Charles III., dem weltlichen Oberhaupt der anglikanischen Staatskirche. Das Schreiben gestattete der Kathedralgemeinde, die Erzbischöfin am Portal in Empfang zu nehmen und zu begrüßen.
Schwur auf Bibel des 6. Jahrhunderts
Am Altar leistete Mullally einen Treueid auf die Gesetze der Kirche von England und einen weiteren auf den König. In Anwesenheit von Vertretern anderer Kirchen unterzeichnete die Erzbischöfin zudem eine ökumenische Verpflichtung der Kirchen in Großbritannien.
Die gelernte Krankenpflegerin Mullally wechselte 1999 für fünf Jahre als Leiterin Pflege ins britische Gesundheitsministerium. 2001 erhielt sie die Diakonenweihe und 2006 die Priesterweihe. Im Juli 2015 wurde sie vom anglikanischen Primas Welby zur Bischöfin geweiht; in Exeter war sie Englands zweite Diözesanbischöfin. Seit 1987 ist Mullally verheiratet; sie hat zwei Kinder.
"The King's Bishop"
Als Bischöfin von London war Mullally seit 2017 nicht nur die Nummer drei in der anglikanischen Hierarchie nach den Erzbischöfen von Canterbury und York. Als einer von fünf "Geistlichen Lords" ist der Bischof von London geborenes Mitglied des Oberhauses. Zudem ist er auch Dekan der - rechtlich eigenständigen - königlichen Kapellen, was ihm einen privilegierten Zugang zur Royal Family gibt. Wegen dieser Nähe wird er auch als "the King's Bishop" bezeichnet.
Einen Bericht über einen nicht vorschriftsgemäßen Umgang Mullallys mit einem Fall von sexuellem Fehlverhalten in ihrer Zeit als Dienstvorgesetzte in London verfolgte die Kirche von England nicht weiter. Zu Jahresbeginn wurde der Fall zu den Akten gelegt, zum Unmut von Opfervertretern.
Spaltung seit der Reformation
Die anglikanische Kirche entstand zur Zeit der Reformation in England. König Heinrich VIII. brach 1533 mit dem Papst, weil dieser sich weigerte, die Ehe des Königs zu annullieren. Als Oberhaupt einer neuen Staatskirche setzte sich Heinrich VIII. 1534 selbst ein. Weltweit zählt die anglikanische Kirche nach unterschiedlichen Angaben zwischen 77 und 85 Millionen Mitglieder.
Außerhalb Englands gibt es 42 anglikanische Kirchenprovinzen, darunter in den USA, Australien und in mehreren Ländern Afrikas, sowie fünf weitere Kirchen. Der englischen Mutterkirche steht der König als weltliches Oberhaupt vor. Geistliches Oberhaupt, Primas der Kirche von England sowie Ehrenoberhaupt der anglikanischen Weltgemeinschaft ist der Erzbischof von Canterbury.
Konservative gegen Frau an der Spitze
Eine Gruppe konservativer Anglikaner hat nach der Ernennung einer Frau zum Ehrenoberhaupt mit der Kirche von England und damit auch mit der anglikanischen Weltgemeinschaft gebrochen. Beim jüngsten Treffen der bereits 2008 gegründeten Global Anglican Future Conference (Gafcon) im nigerianischen Abuja sollte ursprünglich sogar ein Alternativ-Oberhaupt gewählt werden. Auf diesen Schritt verzichteten die 460 versammelten konservativen Kirchenvertreter jedoch letztlich.
Prinz von Wales vertritt bei Feier seinen Vater König Charles III., der das Oberhaupt der anglikanischen Kirche von England ist, und bekennt sich zugleich zum Glauben
Als 106. Primas der anglikanischen Staatskirche von England schreibt die bisherige Bischöfin von London Geschichte - Prinz William und Prinzessin Catherine offizielle Vertreter von König Charles III. bei Gottesdienst am Mittwoch in Canterbury