Brasilianisch-österreichischer Bischof beklagt: Wirtschaftliche Interessen an Bodenschätzen und Ressourcen untergraben Schutzbestimmungen - Scharfe Kritik am Brasilianischen Kongress - Kräutler beklagt fehlende Reformen in der Kirche: "Wir wollten einfach, dass Frauen Zugang zur Heiligen Weihe haben"
Zürich, 27.03.2026 (KAP) Der aus Vorarlberg stammende Amazonas-Bischof Erwin Kräutler hat eindringlich vor einer Schwächung indigener Rechte in Brasilien gewarnt und zugleich ein Umdenken in der Kirche gefordert. Die in der Verfassung von 1988 verankerten Rechte indigener Völker seien zunehmend unter Druck, so der 86-Jährige im Schweizer Podcast "Laut + Leis". Wirtschaftliche Interessen an Bodenschätzen und Ressourcen führten zu politischen Vorstößen, Schutzbestimmungen aufzuweichen. Gleichzeitig sei der Regenwald nur noch "mehr oder weniger" zur Hälfte intakt, illegale Abholzung bleibe oft folgenlos. Kräutler hat am 22. März mit der ungarischen Theologin Rita Perintfalvi in Luzern den Herbert-Haag-Preis 2026 erhalten. Das Preisgeld von 10.000 Schweizer Franken fließe in soziale Projekte, so Kräutler.
Sein lebenslanges Engagement für die indigene Bevölkerung Brasiliens begründete Kräutler mit dem Ziel, "dass sie leben und überleben können". Sein Engagement sei aber immer mit Gefahren verbunden gewesen. "Es floss Blut, einige Brüder und Schwestern wurden brutal ermordet", erinnerte der emeritierte Bischof, der bereits mehrfach Opfer von Bedrohungen und Anschlägen wurde; seine Mitstreiterin, die Ordensfrau Dorothy Stang, wurde ermordet.
16 Jahre lang lebte er unter Polizeischutz, verzichtet inzwischen jedoch darauf. Frühere Gegner hätten ihre Haltung geändert, sagte er: "Menschen, die mich früher bedroht haben, klopfen mir heute auf die Schultern und sagen: Sie haben recht gehabt. Was Sie prophezeit haben, ist eingetroffen." Folglich habe er den Schutz aufgegeben: "Jetzt schützen mich auch meine einstigen Gegner."
"Früher hat man immer gesagt, ich bin für die Indios da, aber heute sagen wir, ich bin mit ihnen", so Kräutler. Dieses "Mit-Sein" sei mehr als ein Perspektivwechsel, sondern eine grundsätzliche Absage an paternalistische Modelle. Es gehe darum, "ihre Nöte und Sorgen, ihre Freuden und ihren Reichtum" zu teilen.
Theologisch plädiert Kräutler daher für eine konsequente Inkulturation. Christlicher Glaube dürfe indigenen Kulturen nicht übergestülpt werden. "Inkulturation verlangt, dass ich von ihren Erfahrungen und ihrer Kultur ausgehe", betonte er. Das Evangelium solle "bereichern und nicht ersetzen".
"Der jetzige Kongress ist eine Katastrophe"
Mit Blick auf die politische Lage warnte Kräutler vor verstärkten Angriffen auf die Rechte von Indigenen. Zwar seien die entsprechenden Verfassungsbestimmungen von 1988 weiterhin in Kraft und würden vom Obersten Gerichtshof verteidigt, doch versuchten Parlaments-Abgeordnete, diese "auszuhebeln oder wenigstens zu lockern". "Der jetzige Kongress ist eine Katastrophe. Wir hoffen, dass er heuer ein anderes Gesicht bekommt."
Es gehe dabei um den Zugang zu Bodenschätzen, Land und Naturreichtümern. "Da sind wir natürlich strikt dagegen, weil das ist der Untergang", so Kräutler. Hinter den Vorstößen stünden nicht nur einzelne Großgrundbesitzer, sondern politische Entscheidungsträger. Parallel dazu werde illegale Abholzung kaum geahndet; wertvolle Hölzer würden trotz bestehender Gesetze systematisch aus dem Regenwald geschlagen.
Kritik an Kirche: "Es geht um Berufung"
"Wir wollten einfach, dass Frauen Zugang zur Heiligen Weihe haben, weil die meisten unserer Kommunitäten von Frauen geleitet sind", sagte Kräutler, der sich kritisch zur Kirchenentwicklung seit der Amazonassynode äußerte. Damals beratene Reformvorschläge wie die Weihe von Frauen und ein optionaler Zölibat seien nicht umgesetzt worden.
Es gelte die seelsorgliche Versorgung aller Gemeinden sicherzustellen und letztlich auch um "priesterliche Berufung". Und: "Die kann eine Frau genauso erfahren und spüren wie ein Mann", betonte der Bischof im Podcast. In weiten Teilen Amazoniens gebe es Gemeinden, die nur selten oder gar keine Eucharistie feiern könnten, so Kräutler, der u. a. an der päpstlichen Enzyklika "Laudato si'" mitwirkte. Zwar habe Papst Franziskus die Bischöfe aufgefordert, "mutige Vorschläge" zu machen, doch sei es in der entscheidenden Phase zu einem Bruch gekommen.
"Da frage ich mich, wer ist verantwortlich für diesen Bruch?", so Kräutler, der vermutet, dass externer Druck eine Rolle gespielt habe.
Der gebürtige Vorarlberger gehört der Kongregation der Missionare vom Kostbaren Blut an und ist seit den 1960er Jahren in Brasilien tätig. Er war langjähriger Bischof der Diözese Xingu im Amazonasgebiet und engagierte sich als Präsident des Indianermissionsrates (CIMI) für die Rechte indigener Völker und den Umweltschutz. Kräutlers jüngstes Buch "Prophetische Kirche in Amazonien. Indigene Völker und Ökologie" ist seit kurzem in deutscher Übersetzung erhältlich (Edition Exodus, Luzern 2026).