Armenien: Eklat bei Paschinjan-Besuch bei Palmsonntagsmesse
31.03.202612:30
Armenien/Kirche/Politik/Konflikte
Auftritt des armenischen Ministerpräsidenten in Jerewan bei Gottesdienst führte zu Tumult und drei Festnahmen
Jerewan, 31.03.2026 (KAP) In der armenischen Hauptstadt Jerewan ist es am Sonntag zu einem Eklat gekommen, als der armenische Ministerpräsident Nikol Paschinjan den Palmsonntagsgottesdienst in der St. Anna Kirche besuchte. Nach einem Zwischenfall wurden laut übereinstimmenden armenischen Medienberichten drei Personen festgenommen. Der Vorfall ist in Zusammenhang mit dem seit Monaten eskalierenden Konflikt zwischen Paschinjan und der armenisch-apostolischen Kirchenleitung sowie den im Juni anstehenden Parlamentswahlen zu sehen.
Laut Medienberichten betrat der Ministerpräsident nach Gottesdienstbeginn die Kirche, seine Leibwächter bahnten ihm in der überfüllten Kirche den Weg nach vorn in Richtung Altar. Noch vor dem Ende des Gottesdienstes ging es dann wieder in die Gegenrichtung - mit entsprechendem Gedränge, was bei zumindest einigen Gottesdienstbesuchern für Unmut sorgte. Nachdem sich ein Mann weigerte, für den Politiker und seine Leibwächter Platz zu machen, soll es zu einem handgreiflichen Zwischenfall gekommen sein. Schließlich wurden drei Personen verhaftet, denen nun eine Anklage wegen Rowdytums und Einmischung in die politischen Aktivitäten eines Amtsträgers droht. Das Strafausmaß beträgt bis zu fünf Jahre Haft.
Stimmungsmache gegen Katholikos Karekin II.
Die genauen Umstände der Festnahmen sind unklar. Medienberichten zufolge handelt es sich bei zwei der Festgenommenen um 18-jährige Zwillingsbrüder sowie beim dritten um den regierungskritischen politischen Aktivisten Gevorg Gevorgyan, der an dem Gottesdienst teilnahm. Wenig später verbreiteten regierungsnahe Medien Fotos von ihm, die ihn mit Erzbischof Bagrat Galstanjan im Jahr 2024 zeigen, der seit Sommer 2025 in Haft ist.
Der Zwischenfall in der Kirche wurde von der Regierung jedenfalls sofort aufgegriffen, um weiter Stimmung gegen Katholikos Karekin II., Oberhaupt der Armenisch-apostolischen Kirche zu machen. Parlamentspräsident Alen Simonyan und Paschinjans Stabschef Arayik Harutyunyan fuhren schwere Geschütze gegen die Kirche auf. So habe Karekin II. etwa die Kirche in eine "Sekte politischer Außenseiter" verwandelt, gegen die vorgegangen werden müsse.
Während die Gewalt in der Kirche von allen Seiten einhellig verurteilt wurde, werfen Kritiker des Ministerpräsidenten diesem vor, mit seinem Auftreten absichtlich provoziert zu haben. Die Geistlichen der Anna-Kirche verurteilten am Montag in einer Erklärung den Vorfall. Jegliche Gewalttaten in einer Kirche seien verwerflich und inakzeptabel, hieß es in der Erklärung. Die Kirche sei ungeachtet politischer Ansichten das Haus Gottes, wo Menschen sich in Liebe und Mitgefühl zum Gebet versammeln.
Die Geistlichen entschuldigten sich bei den Gläubigen, die Zeugen "dieses bedauerlichen und unangenehmen Vorfalls wurden" und appellierten an die Gemeindemitglieder, jegliche Versuche zu unterlassen, politische Konflikte in die Kirche hineinzutragen.
Konflikt zwischen Regierung und Kirche
Seit Monaten tobt in Armenien ein heftiger Konflikt zwischen der Kirchenleitung und der Regierung, personifiziert in den Personen des Kirchenoberhaupts Katholikos Karekin II. und Ministerpräsident Nikol Paschinjan. Die armenischen Behörden gehen seit Monaten mit harter Hand gegen die Kirche vor. Einige in Armenien wirkende Bischöfe befinden sich schon seit Monaten in Haft, gegen andere, inklusive Katholikos Karekin II., wurden Verfahren eingeleitet; verbunden mit Ausreiseverboten. Karekin II. durfte weder im Februar zur armenischen Bischofsversammlung nach St. Pölten reisen, noch vor gut einer Woche am Begräbnis für den georgischen Patriarchen Ilia II. in Tiflis teilnehmen.
Die armenische Kirchenleitung wehrt sich vor allem durch die Absetzung von Bischöfen und weiteren Geistlichen, die gemeinsam mit der Regierung gegen Karekin II. auftreten.
Karekin II. ist bereits seit vielen Jahren mit dem Kurs des Regierungschefs unzufrieden; vor allem im Blick auf Berg-Karabach (Artsach). Der Katholikos machte Paschinjan für die Vertreibung von mehr als 100.000 Armeniern aus Berg-Karabach nach dem verlorenen Krieg gegen Aserbaidschan im Herbst 2023 mitverantwortlich. Paschinjan wiederum wirft dem Kirchenoberhaupt ebenfalls Landesverrat, zu enge Beziehungen zu Russland sowie die ungerechtfertigte Einmischung in die Politik vor.
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