Tschechiens Politik gespalten nach Verfassungsurteil zum Konkordat
02.04.202612:37
Tschechien/Politik/Justiz/Staat/Kirche
Staatspräsident Pavel sieht sich bestätigt, Ministerpräsident Babis mit abwartender Haltung, Ex-Premier Fiala enttäuscht
Prag/Brünn, 02.04.2026 (KAP) In Tschechien hat das Urteil des Verfassungsgerichts zum Konkordat mit dem Vatikan eine breite politische Debatte ausgelöst und die Konfliktlinien zwischen Regierung, Opposition und ideologischen Lagern deutlich sichtbar gemacht. Die Höchstrichter hatten am Mittwoch wesentliche Teile des noch nicht in Kraft getretenen Grundlagenvertrags für verfassungswidrig erklärt - insbesondere mit Blick auf den Schutz des Beichtgeheimnisses und den Zugang zu kirchlichen Archiven. Das Gericht stellte klar, dass der Vertrag "in dieser Form nicht in Kraft treten" könne.
Staatspräsident Petr Pavel sieht sich indirekt bestätigt: Seine zuvor verweigerte Unterschrift unter das Konkordat erscheint im Nachhinein politisch gerechtfertigt. Weitere offizielle Stellungnahmen betonen vor allem den Respekt vor dem Gericht und die Notwendigkeit weiterer Verhandlungen. Aus dem Lager der aktuellen Regierung kamen zurückhaltende Signale. Ministerpräsident Andrej Babis ließ erkennen, dass man das Urteil akzeptieren werde und nun nach einer tragfähigen Lösung suchen müsse. Babis führt in Prag eine seit Ende 2025 amtierende Drei-Parteien-Koalition. Ihr gehört auch die rechtspopulistische Partei Freiheit und direkte Demokratie (SPD) an, deren Vorsitzender Tomio Okamura den Grundlagenvertrag mit dem Heiligen Stuhl grundsätzlich ablehnt.
Der Vertrag sollte in insgesamt 16 Artikeln den rechtlichen Status und die Tätigkeitsfelder der katholischen Kirche in Tschechien regeln. Präsident Pavel hatte vor einem Jahr die für ein In-Kraft-Treten notwendige Unterzeichnung des Ratifizierungsdokuments verweigert, nachdem sich Kritiker des Grundlagenvertrags das Verfassungsgericht angerufen hatten. Zuvor hatten beide Parlamentskammern den mit dem Heiligen Stuhl ausverhandelten und vom damaligen Ministerpräsidenten Petr Fiala und dem vatikanischen Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin im Oktober 2024 unterzeichneten Vertrag bereits gebilligt.
Ex-Premier Fiala enttäuscht
Im konservativen Lager, insbesondere im Umfeld der oppositionellen bürgerlichen Partei ODS, gab es deutlich kritische Stimmen zur Entscheidung der Höchstrichter. Ex-Regierungschef Petr Fiala betonte: "Ich respektiere das Urteil, aber es freut mich nicht. Wir wollten klare Regeln und einen europäischen Rechtsstandard." ODS-Fraktionschef Marek Benda erklärte: "Es tut mir leid, dass das Verfassungsgericht eine zu positivistische Auslegung der Verfassung gewählt hat. In unserem Land ist diese Auslegung wirklich ahistorisch."
Auch christdemokratische Stimmen warnen vor den Folgen für die Religionspolitik, da das Konkordat Rechtssicherheit schaffen sollte und nun eine wichtige Gelegenheit verloren gegangen sei, die Beziehungen zum Vatikan stabil zu regeln.
Ganz anders bewerten liberale und progressive Parteien die Entscheidung. Sie sehen im Höchstrichterentscheid ein klares Signal für die Trennung von Staat und Kirche. Der frühere Piratenchef Ivan Barto begrüßte die Entscheidung. "Das Beichtgeheimnis bei geplanten oder laufenden Straftaten war der größte Skandal der katholischen Lobby." Er sei gläubig, "aber ich bin überzeugt, dass Tschechien ein säkularer Staat ist und bleiben muss", fügte er hinzu.
Verfassungsgerichtshof in Prag erklärt Passagen zu Beichtgeheimnis und Zugang zu Kirchenarchiven für nicht verfassungsgemäß, weil sie der Kirche eine Sonderstellung geben