Vorurteile und Unwissen führen zu vielfältigen Hürden für Menschen im Autismus-Spektrum und schränken Chancen und Lebensqualität von Autistinnen und Autisten massiv ein
Wien, 02.04.2026 (KAP) Die evangelische Diakonie fordert eine nationale Autismus-Strategie nach internationalem Vorbild, um Vorurteile, Unverständnis und Versorgungslücken zu überwinden. "Vorurteile gegenüber Menschen im Autismus-Spektrum halten sich hartnäckig. Sie führen zu groben Mängeln bei der Diagnostik und schränken Chancen und Lebensqualität von Autistinnen und Autisten massiv ein", so Diakoniedirektorin Maria Katharina Moser am Donnerstag bei einem Pressegespräch in Wien.
Diagnosestellen seien überlaufen, "man wartet monatelang auf einen Termin". Auf einen Therapieplatz müssten Kinder bis zu zwei Jahre warten. Auch Wartezeiten auf Kindergarten- oder Wohnplatz würden viele Monate bis Jahre betragen. Die Engpässe setzten sich in der Schule und am Arbeitsmarkt fort. "Das muss ein Weckruf sein", mahnte die Diakoniedirektorin. - Die Diakonie machte die Problematik anlässlich des Welt-Autismus-Tags (2. April) zum öffentlichen Thema.
Bei dem Pressegespräch kamen auch Betroffene zu Wort: Felix Zych vom Verein "im spektrum - Verein zur Sensibilisierung für das Autismus-Spektrum" berichtete von seinen Erfahrungen mit Behörden und Diagnosen: "Mir wurde die erhöhte Familienbeihilfe immer genehmigt, bis vor ein bis zwei Jahren. Dann hieß es plötzlich, ich bräuchte Nachweise, dass ich aktuell in Therapie bin, oder einen aktuellen fachärztlichen Befund, dass ich noch immer autistisch sei. Das ist schon sehr befremdlich, wo doch jeder weiß, dass Autismus nicht weggeht", so Zych, der seine Autismusdiagnose mit elf Jahren bekam und heute Student ist.
Eine aktuelle Studie der Arbeiterkammer OÖ von behördlichen Begutachtungsverfahren, die Basis für die Zuerkennung von Sozialleistungen sind, zeigt laut Diakonie fachliche Inkompetenzen, respektlosen Umgang und Unterstellungen auf. Zahlreiche Betroffene meldeten sich im Anschluss zu Wort und schilderten ihre Erfahrungen mit Demütigung und Diskriminierung.
Diakoniedirektorin Moser bekräftigte deshalb am Donnerstag die Forderung nach einer unabhängigen Begutachtungsstelle. Gutachter müssten zudem umgehend geschult werden, "sowohl zu aktuellem Fachwissen, insbesondere zu Autismus, als auch zu einer respektvollen, zugewandten Kommunikation".
Autismus verstehen
Um Prüfungen ablegen zu können, sei für ihn in seiner Schulzeit wichtig gewesen, "in einem eigenen Raum, abgeschirmt von den Reizen anderer Mitschüler, zum Beispiel dem Kugelschreiberklicken, schreiben zu können", berichtete Felix Zych. Jetzt, an der Uni, sei "der normale Lehrbetrieb eine Herausforderung", da er mit großen Hörsälen und Menschengruppen ein Problem habe. Dies führe leicht zu Stress, Überforderung und Erschöpfung. Das heißt, so Zych, "für mich ist es enorm hilfreich, wenn Lehrveranstaltungen gestreamt und im besten Fall auch aufgezeichnet werden, sodass ich diesen Reizen und dem damit verbundenen Stress entkommen kann". Leider stoße er immer wieder auf Unverständnis bei Lehrenden.
Auch Linda Zehetner braucht ausreichend Ruhe - und Struktur. Die Frau im Autismus-Spektrum, die nicht verbal kommuniziert, arbeitet in der Tageswerkstätte Erle der Diakonie in Gallneukirchen. "Linda ist sehr gern aktiv und versieht gerne auch körperlich anstrengende Tätigkeiten am Areal unserer Einrichtung Erle, wie etwa das Füttern der Tiere im Streichelzoo", berichtete ihr Betreuer Roland Atzlesberger. Wichtig für Linda Zehetner sei, dass Spannung und Entspannung in einem guten Gleichgewicht sind, darauf achte er als Betreuer.
Autismus hat sehr unterschiedliche Ausprägungen, man spricht vom Autismus-Spektrum. Rund ein Prozent der Menschen sind in diesem Autismus-Spektrum, in Österreich rund 87.000 Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Im Umgang mit ihnen gebe es laufend falsche Zuschreibungen und wenig Wissen, berichtete Zych, der mit dem Verein "im spektrum" bei verschiedenen Veranstaltungen über Autismus informiert.
Diakonie ortet mangelhafte Unterstützung
Mangelndes Verständnis führe "zu mangelnder Unterstützung und struktureller Ausgrenzung im Bildungsbereich und am Arbeitsmarkt", kritisierte Diakoniedirektorin Moser: "Autistische Kinder bekommen oft erst im letzten verpflichtenden Kindergartenjahr einen Kindergartenplatz oder werden sogar von dieser Pflicht 'befreit' und kommen erstmals in der Volksschule mit einer Bildungseinrichtung in Berührung." Dort gebe es dann zu wenig Schulassistenz, die Vergabepraxis von Fördermitteln sei von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich. Und immer noch ende das Recht auf Bildung mit der Schulpflicht. Moser: "Der Rechtsanspruch auf ein 11. und 12. Schuljahr für Schülerinnen und Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf muss endlich kommen."
Um sich nicht in unkoordinierten Einzelmaßnahmen und im föderalistischen Pingpong zwischen Bund und Ländern zu verlieren, brauche es eine "nationale Strategie für ein autismus-gerechtes Zusammenleben", so Moser. Ziel müsse sein, "dass autistische Menschen in allen Lebensbereichen gleichberechtigt teilhaben können - sozial, wirtschaftlich, gesundheitlich".
Die nationale Strategie müsse "sicherstellen, dass Wissen über Autismus und eine respektvolle Haltung in Bevölkerung, Institutionen und sozialstaatlichen Systemen ankommt, und einen Aktionsplan mit konkreten Maßnahmen, die mit einem Zeitrahmen und Zuständigkeiten hinterlegt sind, beinhalten", sagte die Diakoniedirektorin. Vorbilder gebe es genug, etwa England, Irland, Frankreich, Spanien, Malta, Polen, Kanada, die USA oder Australien.