Deutscher Theologieprofessor warnt vor einer politisch gezielten Nutzung religiöser Motive - Gegen theologischen Aktivismus
Köln, 02.04.2026 (KAP/KNA) Der deutsche Theologe Michael Seewald sieht eine ambivalente Rolle von Religion in Politik und Gesellschaft. Religion könne sowohl verbindend als auch zerstörerisch wirken, sagte Seewald dem "Kölner Stadt-Anzeiger" (Donnerstag).
"Religionen können aus Fremden Freunde machen, sie können aber auch aus Freunden Feinde machen", sagte der Münchner Professor für Dogmatik. Ebenso könnten sie Demokratien stärken oder zur Legitimation von Diktaturen beitragen. Diese Ambivalenz sei kein äußerlicher Missbrauch, sondern liege in der Religion selbst begründet.
Warnung vor politischer Nutzung in den USA
Mit Blick auf aktuelle Entwicklungen, insbesondere in den USA, warnte Seewald vor einer politisch gezielten Nutzung religiöser Motive. Dort entstehe ein "Gemisch aus christlichen Versatzstücken", etwa durch die Kombination von Bibelzitaten und gesellschaftspolitischen Schlagworten. Dies erfordere Widerspruch - nicht nur politisch, sondern auch innerhalb der Kirchen.
Zugleich betonte Seewald die besondere Rolle der Theologie. Ihre Aufgabe sei es, Religion kritisch zu reflektieren und einzuordnen. "Aufgabe und Funktion der Theologie ist die Abkühlung von Religion - 'Cooling down' durch reflexive Distanz." Theologie müsse prüfen, ob religiöse Begründungen historisch tragfähig und gegenwärtig plausibel seien.
Gegen theologischen Aktivismus
Dabei komme es auf eine Balance an: Theologen sollten pointiert Stellung beziehen, zugleich aber Abstand zum politischen Aktivismus wahren. Eine "heiße" Theologie, die selbst in Aktivismus umschlage, sehe er kritisch, sagte Seewald.
Er hat zuletzt Dogmatik an der Universität Münster gelehrt. Ab dem Sommersemester 2026 hat er einen Lehrstuhl an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Der Theologe wurde 1987 in Saarbrücken geboren, studierte katholische Theologie, Politikwissenschaft und Philosophie in Tübingen, Pune in Indien sowie in Frankfurt am Main.