Staats- und Parteichef Xi verschärft Kontrolle von Religionsgemeinschaften - Auch Anwälte von Inhaftierten im Visier der kommunistischen Behörden - Hintergrundbericht von Andreas Landwehr
Peking, 03.04.2026 (KAP/KNA) Nach dem Schlag gegen eine der größten Hauskirchen in China üben die Behörden massiv Druck auf die Anwälte der inhaftierten Kirchenführer aus: Die Juristen sollen deren Verteidigung aufgeben. Der Gründer der Zionskirche, "Ezra" Jin Mingri, sowie 17 weitere Mitglieder warten in Haft auf ihren Prozess. Ihnen wird wegen Online-Predigten und Videoschalten eine "illegale Nutzung von Informationsnetzwerken" vorgeworfen. Familien befürchten, dass noch weitere Anklagen wie Betrug erhoben und mehrjährige Haftstrafen verhängt werden.
Die Zionskirche war bisher eine der am schnellsten wachsenden unregistrierten protestantischen Glaubensgemeinschaften in China. Sie zählt zu den sogenannten Hauskirchen, weil sich die Gläubigen nicht in Kirchengebäuden, sondern in Privathäusern treffen.
Der 56 Jahre alte Gründer Jin sitzt in der Haftanstalt Nummer Zwei in Beihai in der Region Guangxi in Südchina. "Er scheint mental in guter Verfassung zu sein, da er in Haft eine Bibel bekommen konnte und viel in den Briefen des Apostels Paulus liest", berichtet seine in den USA lebende Tochter Grace Jin der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) vom jüngsten Besuch seines Anwalts vor etwa zwei Wochen.
Gesundheit in Gefahr
"Der Anwalt sagte aber, dass er viel dünner und mangelernährt aussieht", erzählt die Tochter. "Das ist beunruhigend." Ihr Vater leide unter Diabetes, ohne die Medikamente zu bekommen, die sein Arzt immer verschrieben habe. Er habe hohen Blutzucker, Bluthochdruck und einen hohen Cholesterinspiegel. Seine Zelle sei mit rund 30 Inhaftierten überfüllt. Alle müssten auf dem Boden schlafen.
"Fast alle Anwälte sind unter Druck gesetzt worden, die Fälle aufzugeben", so Grace Jin. Mindestens sechs hätten vorübergehend ihre Zulassung verloren. Einer habe die Lizenz permanent abgeben müssen. Der Anwalt ihres Vaters, Zhang Kai, darf ihn nach den Worten der Tochter nicht mehr vertreten. Viele der Fälle seien von dessen Anwaltsfirma übernommen worden. Andere Juristen trauten sich nicht, Kirchenmitglieder zu verteidigen. Hätten sich die Behörden zunächst Mühe gegeben, sich an die Regeln zu halten, zeigten sie jetzt "einschüchterndes, hartes Vorgehen". Die Lage bezeichnet Jin als wirklich beängstigend.
Keine gerechten Verfahren möglich
In einem Offenen Brief äußerten sich Familienangehörige zutiefst geschockt und protestierten gegen die systematische Unterdrückung, der das Verteidigerteam ausgesetzt sei. "Eine derartige kollektive Verfolgung von Anwälten ist nicht nur eine Verletzung ihres gesetzlich verankerten Rechts zur Berufsausübung, sondern auch eine eklatante Verletzung des Rechts der Bürger auf ein gerechtes Verfahren", heißt es in dem Schreiben, das die US-Organisation ChinaAid veröffentlichte.
"Der Fall der Zionskirche zeigt klar, dass die kommunistischen Behörden systematisch die letzten Schutzmechanismen der Religionsfreiheit und des Rechtsstaats abbauen", meint Bob Fu von der Organisation, die sich für Religionsfreiheit in China einsetzt. Der landesweit koordinierte Schlag gegen die schätzungsweise 10.000 Menschen zählende Hauskirche erfolgte im Oktober. Das harte Vorgehen folgte kurz nach dem Aufruf von Staats- und Parteichef Xi Jinping, die "Sinisierung der Religionen" in China noch zu beschleunigen.
Verfolgung im Internet
Der Vorwurf, illegal Informationsnetze genutzt zu haben, bezieht sich auf eine erst im Monat zuvor erlassene Vorschrift. Demnach dürfen Priester und Pastoren nicht eigenständig online predigen, unterrichten oder Messen abhalten, sondern ausschließlich in staatlich zugelassenen Internetforen. Die Behörden hatten schon 2018 die Räumlichkeiten der Zionskirche in der Etage eines Bürohochhauses geschlossen, wo bis dahin sonntags rund 1.500 Menschen zusammengekommen waren. Danach verlagerte die Hauskirche ihre Aktivitäten erfolgreich online.
Die verschärften Maßnahmen in den vergangenen Monaten zielten auch auf andere, unregistrierte Glaubensgemeinschaften. Wie die Katholiken müssen sich die Protestanten in China in staatlichen "patriotischen" Vereinigungen organisieren. Die offizielle katholische Kirche Chinas erkennt den Papst nicht als absolute Autorität an. Der Vatikan suchte in der Vergangenheit einen diplomatischen Ausgleich mit Peking zu finden, insbesondere zur Frage der Bischofsernennungen. Offiziell ist von 38 Millionen Christen in China die Rede. Aber ausländische Schätzungen gehen von 60 bis 100 Millionen aus, davon Millionen im Untergrund.