Vatikan veröffentlicht Meditationstexte von Franziskaner Patton zum abendlichen Kreuzweg am römischen Kolosseum mit Leo XIV. - Reflexionen thematisieren menschliches Leid, Machtmissbrauch und enthalten Forderungen nach mehr Respekt vor der Menschenwürde
Vatikanstadt/Rom, 03.04.2026 (KAP) Papst Leo XIV. klagt an: Mord, Folter, Vertreibung, Menschenhandel und Armut. Die Texte zum diesjährigen Kreuzweg am römischen Kolosseum beschäftigen sich mit den vielen verschiedenen Formen des Leids, denen Menschen weltweit ausgesetzt sind. Am Karfreitag veröffentlichte der Vatikan die Meditationen zu den 14 Kreuzwegstationen, die am Abend vorgetragen werden. Verfasst hat sie heuer der Franziskaner Francesco Patton, der lange eine kirchliche Führungsposition im Nahen Osten innehatte. Bei seinem ersten Kolosseum-Kreuzweg als Papst wird Leo XIV. selbst über den gesamten Weg das Holzkreuz tragen. "Auch ich trage all dieses Leid im Gebet und möchte alle Menschen guten Willens einladen, gemeinsam diesen Weg zu gehen und zu suchen, wie auch wir Friedensbotschafter sein können", erklärte er.
Patton, von 2016 bis 2025 Oberer der Franziskaner im Heiligen Land und "Hüter der Heiligen Stätten" im Auftrag des Papstes, hat die Bibeltexte zum Leiden und Sterben Jesu für jede Kreuzwegstation mit Auszügen aus den Schriften seines Ordensgründers, des heiligen Franz von Assisi, ergänzt. Die folgenden Meditationen bauen Brücken in die heutige Zeit, erinnern an menschliches Leid, Machtmissbrauch und enthalten Forderungen nach mehr Respekt vor der Menschenwürde. "Hinter der Reflexion über die verzerrte Vorstellung von Macht und deren Missbrauch stehen internationale Ereignisse, die sich vor unser aller Augen abspielen", erklärte Patton gegenüber den Vatikan-Medien. Besonders stehe auch das Schicksal von Frauen im Fokus.
Die katholische Kirche begeht aktuell ein Jubiläumsjahr anlässlich des 800. Jahrestags des Todes des heiligen Franz von Assisi. Patton greift in seinen Reflexionen gleich in der Einleitung die Ermutigung des Heiligen Franziskus auf, im eigenen Leben "nicht nur intellektuell, sondern mit unserem ganzen Wesen" den Fußspuren Jesu zu folgen. "Der Kreuzweg ist nicht der Weg derer, die in einer steril frommen Welt und in abstrakter Andacht leben. Er wird vielmehr von denen praktiziert, die wissen, dass Glaube, Hoffnung und Liebe in der realen Welt konkrete Gestalt annehmen müssen, wo der Gläubige ständig herausgefordert ist und sich fortwährend die Vorgehensweise Jesu zu eigen machen muss."
Mächtige müssen Rechenschaft ablegen
Auch heute gebe es Menschen, "die glauben, absolute Macht zu haben, und meinen, diese nach Belieben gebrauchen und missbrauchen zu können", heißt es gleich zu Beginn an der ersten Station des Kreuzwegs. Jede Obrigkeit müsse vor Gott über die Art und Weise, wie sie die ihr übertragene Macht ausübt, Rechenschaft ablegen: die Macht zu richten, aber auch die Macht, einen Krieg zu beginnen oder zu beenden. Oder die Macht, die Wirtschaft zu nutzen, um Völker zu unterdrücken oder sie aus dem Elend zu befreien, die Macht, die Menschenwürde mit Füßen zu treten oder sie zu schützen.
In der vierten und der achten Station erinnern die Textpassagen an Mütter, die heute mitansehen müssten, wie ihre Kinder verhaftet, gefoltert, verurteilt und getötet werden. Seit Jahrhunderten weinten Frauen um sich selbst und um ihre Kinder, "die etwa während einer Demonstration abgeführt und inhaftiert werden, die deportiert werden aufgrund einer Politik, die kein Mitleid kennt, die auf verzweifelten Reisen der Hoffnung Schiffbruch erleiden, die in Kriegsgebieten niedergemetzelt werden, die in Vernichtungslagern ausgelöscht werden".
Gleichzeitig wird betont, wie Frauen in aller Welt in der konkreten Nachfolge Christi leben: "Wo Leid oder Not herrscht, sind die Frauen zur Stelle: in Krankenhäusern und Altenheimen, in therapeutischen Gemeinschaften und Aufnahmeeinrichtungen, in Heimen mit besonders schutzbedürftigen Minderjährigen, in den entlegensten Außenposten der Mission, wo sie Schulen und Krankenstationen aufbauen, in Kriegs- und Konfliktgebieten, wo sie Verwundeten helfen und Überlebenden Trost spenden."
Menschenwürde auch nach dem Tod
Patton klagt die Verwüstung der Kriege an, Massaker und Völkermorde, den Zynismus herrischer Menschen und Gleichgültigkeit. Er verurteilt den fehlenden Respekt vor der Menschenwürde von autoritären Regimen, die Gefangene zwängen, halbnackt in einer kahlen Zelle oder auf einem Hof auszuharren; von Folterern, Vergewaltigern und Missbrauchstätern, aber auch von der Unterhaltungsindustrie, "wenn sie Nacktheit zur Schau stellt, um ein paar Zuschauer mehr zu gewinnen".
Dass die menschliche Würde auch nach dem Tod fortbestehe, wird in der 13. Kreuzwegstation betont: "Es sollte niemals Leichname geben, die nicht herausgegeben und nicht beerdigt werden", fordert er. "Die Mütter, Verwandten und Freunde von Verurteilten sollten niemals gezwungen sein, sich vor der Obrigkeit zu demütigen, um die geschundenen Überreste eines Angehörigen zurückzuerhalten." Ein Leichnam dürfe niemals verhöhnt, versteckt, vernichtet, nicht zurückgegeben werden oder ohne reguläre Bestattung verbleiben. Dies gelte ebenso für "Verbrecher".
An anderen Stellen der Meditationen wird aufgerufen zum Gebet für jeden vorverurteilten Menschen, für Arme, für Frauen, die als Opfer von Menschenhandel versklavt wurden, und für Kinder, die ihrer Kindheit beraubt wurden. Es wird um Respekt, Mitleid, Mitgefühl, ein neues Gefühl für Scham gebeten, und um die Kraft, die Würde jedes Menschen zu verteidigen: "Erinnere uns daran, Herr, dass sich jedes Mal, wenn wir die Würde anderer nicht anerkennen, unsere eigene Würde trübt, und dass wir jedes Mal, wenn wir unmenschliches Verhalten gegenüber einem Menschen billigen oder praktizieren, selbst weniger menschlich werden", heißt es.
Papst-Kreuzweg beginnt um 21.15 Uhr
Der Kreuzweg am Kolosseum beginnt am Freitagabend um 21.15 Uhr. Er kann auch live über die Vatikanmedien oder etwa im BR Fernsehen mitgefeiert werden. Der Kreuzweg gehört zu den stimmungsvollsten Momenten der Osterfeierlichkeiten in Rom. Das alte Amphitheater wird dabei mit Fackeln und Kerzen erleuchtet.
Licht spielt auch in der Osternacht im Petersdom am Samstagabend (21 Uhr) eine große Rolle. Ist die Basilika zunächst in Dunkelheit gehüllt, erhellt nach und nach das unter den Teilnehmern weitergegebene Licht der Osterkerze den barocken Kirchenraum.
Am Sonntag folgt schließlich um 10.15 Uhr die feierliche Ostermesse auf dem mit Blumen geschmückten Petersplatz. Anschließend spricht Leo XIV. zu Mittag den Segen "Urbi et orbi" (Der Stadt und dem Erdkreis). Traditionell geht er bei seiner Ansprache auf Konflikte und Krisen weltweit ein. Ostermesse und "Urbi et orbi" überträgt ORF 2 am Sonntag live ab 9.55 Uhr aus Rom.