Bischof Scheuer: "Der Mensch braucht Bräuche wie das tägliche Brot"
04.04.202610:49
Österreich/Kirche/Brauchtum/Ostern/Religion
Linzer Diözesanbischof: "Es wäre aber fatal, wenn mit Bräuchen und Trachten auch die Liebe zum Leben, der gute Stolz auf die Heimat, die Zusammengehörigkeit und die innere Verbundenheit weggeworfen würden"
Linz, 04.04.2026 (KAP) Ratschen, Palmbuschen, Osterlamm und Speisenweihe: Osterbrauchtum dürfe weder "zum bloßen Ritual erstarren" noch "reine Folklore" oder "kommerziell orientierte Aufführungen für Gäste" sein, sondern sei Ausdruck von Glauben, Gemeinschaft und Hoffnung. "Wir brauchen Bräuche! Der Mensch braucht Bräuche wie das tägliche Brot", betonte der Linzer Bischof Manfred Scheuer in einem Gastkommentar in den "Oberösterreichischen Nachrichten" (OÖN, Ausgabe 4. April).
Brauchtum wie das Ratschen habe tiefere Bedeutung, so der stellvertretende Vorsitzende der österreichischen Bischofskonferenz: Kinder ersetzen dabei das Schweigen der Glocken zwischen Gründonnerstag und Osternacht durch "wachrüttelndes Geknatter". Dieses unterbreche das Gewohnte und mache bewusst, dass das Leben nicht nur von "Wohlwollen und Wertschätzung", sondern auch von "Zwietracht, Neid und Unversöhnlichkeit" geprägt sei.
Ein Verlust dieser Traditionen hätte laut Scheuer gravierende Folgen: "Es wäre aber fatal, wenn mit den Bräuchen und Trachten auch die Liebe zum Leben, der gute Stolz auf die Heimat, die Zusammengehörigkeit und die innere Verbundenheit - sowie auch die Tradition des Glaubens und des Betens - weggeworfen würden." Dies bedeute "einen großen Verlust an Menschlichkeit, eine Verarmung unserer Beziehungen und eine Schwächung des christlichen Glaubens".
Brauchtum haben Erinnerungsfunktion
Gerade in einer säkularer werdenden Gesellschaft erfüllten Bräuche eine wichtige Erinnerungsfunktion. Sie machten deutlich, "dass es ein Miteinander braucht, dass wir angewiesen sind aufeinander". Das Ratschen wecke zudem die Vorfreude auf die Rückkehr der Glocken und "stärkt die Hoffnung auf den Wandel hin zum Guten". Im Kern verweise dies auf die christliche Hoffnung: "Das Leben wird die Oberhand gewinnen." Es brauche daher "in dieser Welt einfach Menschen, die sich weigern, nicht zu hoffen".
Brauchtum als Nahrung
Scheuer verwies auf eine aktuelle Jugendstudie, laut der das Interesse an Brauchtum und volkskulturellem Leben steigt. Auch die sprachliche Wurzel von "Brauch" - "Nahrung aufnehmen, verwenden, genießen" - unterstreiche dessen existenzielle Bedeutung. Der Linzer Diözesanbischof erinnerte zudem an eine globale Perspektive: Es solle "nachdenklich machen", dass Österreich im internationalen Zufriedenheitsindex weit vorne liege, während in anderen Regionen "das Völkerrecht mit Füßen getreten" werde und Menschen "dem Terror von Waffengewalt und Kriegstreiberei ausgeliefert" seien. Bräuche übersetzten die Glaubensbotschaft in den Alltag und hielten zentrale Inhalte lebendig.