Studie "Was glaubt Österreich?" zeigt starke Säkularisierung, neue spirituelle Suchbewegungen und wachsende Spannungen in der pluralen Gesellschaft
Wien, 04.04.2026 (KAP) Die Wiener Pastoraltheologin Regina Polak sieht Österreich in einem tiefgreifenden religiösen Wandel: Glaube sei heute "stark individualisiert und von kirchlicher Bindung entkoppelt", sagte sie am Samstag im Ö1-Radio. Grundlage ist die von ihr verantwortete Studie "Was glaubt Österreich?", die einen massiven Rückgang klassischer Gottesvorstellungen bei gleichzeitiger diffuser, aber anhaltender religiöser Offenheit dokumentiert. Anders als früher seien die 14- bis 25-Jährigen derzeit die Altersgruppe mit der höchsten Zustimmung zu religiöser Praxis und Glauben an Gott.
Während Österreich vor wenigen Jahrzehnten noch als "kulturkatholisches Land" gegolten habe, zeige sich heute eine "stark säkularisierte und religiös pluralisierte Gesellschaft". Laut der Studie glauben nur noch 22 Prozent der Bevölkerung an Gott, verbreiteter seien Vorstellungen von Schicksal oder einer universellen Kraft. Spiritualität spiele weiterhin eine Rolle, werde jedoch stärker individuell zusammengesetzt und an persönliche Bedürfnisse angepasst.
Zugleich bleibe die Gottesfrage präsent, werde aber zunehmend in alternative Begriffe übersetzt, wie "unendliche Liebe", "innerster Kern" oder "Universum". Viele Menschen "scheuen das Wort Gott", meinte Polak. Vor allem Frauen würden althergebrachte Gottes-Begriffe wie "Herr" ablehnen.
Bauchgefühl statt Autoritäten
Auffällig sei eine "diffus religiös freundliche Stimmung", die aus einer kulturell geprägten Religiosität hervorgehe. Religion werde zudem eher akzeptiert, "wenn sie dem Individuum etwas nützt". Auch Maßstäbe für richtig und falsch seien jedoch kaum mehr religiös begründet: "An erster Stelle steht das Bauchgefühl", erklärte Polak, das ersetze aber traditionelle Autoritäten, so die Religionssoziologin.
Besonders dynamisch entwickelt sich die Religiosität unter Jugendlichen. Trotz geringer religiöser Sozialisation - nur etwa ein Fünftel hatte in der Kindheit Kontakt zu Religion - zeigen junge Menschen laut Studie steigende religiöse Praxis, etwa Meditation oder Teilnahme an religiösen Formaten. Gleichzeitig nehme die Bindung an institutionelle Gemeinschaften ab, während individuelle Praxisformen an Bedeutung gewinnen, erklärte die Pastoraltheologin. Als bemerkenswertes Phänomen betrachtete Polak auch den Anstieg von Erwachsenentaufen bei jungen Menschen.
Die Studie zeigt auch ambivalente Tendenzen: So gebe es wachsende Vorbehalte gegenüber anderen Religionen. "Pluralitätsfreundliche Einstellungen sind nicht mehr selbstverständlich", warnte Polak. Antisemitische und antimuslimische Ressentiments seien "in der Mitte der Gesellschaft angekommen".
Die Studie "Was glaubt Österreich?" ist Teil eines gleichnamigen Kooperationsprojekts der ORF-Abteilung "Religion und Ethik multimedial" mit dem Forschungszentrum "Religion and Transformation in Contemporary Society" der Uni Wien. Im April und Mai 2024 wurden dafür 2.160 repräsentativ ausgewählte Personen mit Wohnsitz in Österreich zwischen 14 und 75 Jahren zu ihren Glaubens- und Wertvorstellungen befragt. Eine vertiefende qualitative Auswertung wurde durch ein Oversampling der 14- bis 25-Jährigen ermöglicht, darunter katholische, orthodoxe und muslimische Jugendliche.