Theologe: Religion spaltet Politik und stärkt Widerstand
07.04.202613:33
USA/Religion/Gesellschaft
Evangelischer Theologe Henze sieht christlichen Nationalismus als Gefahr für die Demokratie
München, 07.04.2026 (KAP/KNA) Laut Arnd Henze ist Religion sowohl eine Gefahr für die Demokratie als auch eine Chance für den Widerstand: "Religiöse Überladung und Überhöhung politischer Debatten" gefährde den säkularen Staat, sagte der evangelische Theologe und Publizist im Interview der "Süddeutschen Zeitung" (Montag). Als Beispiele nannte Henze Russland, die USA, den politischen Islam, sowie extremistische Bestrebungen im Judentum und im Hindu-Nationalismus
In der Verbindung eines theokratischen Herrschaftsanspruchs mit der geballten Macht des Weißen Hauses sei christlicher Nationalismus gefährlich, sagte Henze. So werde in US-amerikanischen christlich-nationalistischen Kreisen um Pete Hegseth darüber diskutiert, ob die Bibel nicht die Todesstrafe für Homosexualität fordere und ob das Frauenwahlrecht nicht wieder abgeschafft werden sollte.
Auf der anderen Seite habe sich die "Schockstarre" gelöst, in der gemäßigte christliche Gemeinden bisher angesichts der öffentlichen Präsenz der religiösen Rechten verharrt hätten: "Der öffentliche Raum gehört nicht mehr den Extremisten, sondern einer Zivilgesellschaft, in der Kirchengemeinden eine ganz wichtige Rolle spielen." Gerade angesichts der Einsätze der Einwanderungspolizei ICE sei das Verbindende die Einsicht: "Wir dürfen nicht zulassen, was unserem 'Neighbor' angetan wird." Das zeige auch das Paradoxe der christlichen Nationalisten: "Man propagiert alle möglichen göttlichen Ordnungen, aber das einzige biblische Gebot, das sich wie ein roter Faden durch die gesamte Bibel zieht, wird als 'woke' bekämpft: 'Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst'", so Henze.
Worst-Case-Szenario: Bürgerkrieg
Die amerikanische Maga-Bewegung sei eine Verbindung von Religion und Macht, sagte Henze: Wenn Macht in der Politik religiös überhöht und verabsolutiert werde, könne sie nicht mehr im demokratischen Sinne ausgeübt und begrenzt werden. Laut dem Theologen ist die Maga-Bewegung inzwischen tief zerstritten. Am Beispiel des Iran-Kriegs sehe man, dass sich christliche Zionisten, klassische Isolationisten und "Bread-and-Butter-Wähler, denen es nur ums Portemonnaie geht" nicht mehr auf einen gemeinsamen Kurs einigen könnten. "Das wissen die Maga-Akteure selbst sehr genau und deshalb werden sie sich wohl selbst freiwillig nie wieder einer Wahl aussetzen wollen", so Henze.
Das Worst-Case-Szenario sei, dass es in den USA schon im Herbst, aber spätestens 2028 keine freien Wahlen "sondern eine Art Pseudowahl wie in Russland" gebe: "Das wäre dann wohl der Point of no Return für die Vereinigten Staaten. Wenn es doch noch echte Wahlen gibt und die Demokraten bei den Midterms und zwei Jahre später bei den Präsidentschaftswahlen gewinnen, dann müssen wir tatsächlich damit rechnen, dass wir den Sturm aufs Kapitol in einer ganz anderen Größenordnung wieder erleben", sagte Henze.
Der Publizist warnte, Europa müsse darauf vorbereitet sein, dass die US-Regierung eine Internationale der Nationalisten anstrebe und Gesellschaften mit starken pluralen und demokratischen Strukturen gezielt ins Fadenkreuz nehme.