Kameruns Präsident Biya ist fast fünfmal so alt wie der Bevölkerungsdurchschnitt - Weiter entfernt von den Einwohnern ist wohl kaum ein anderer Staatschef - Trotzdem hält er sich an der Macht - Hintergrundbericht von Katrin Gänsler
Douala/Yaoundé, 08.04.2026 (KAP/KNA) Ein Vormittag in Douala, der Wirtschaftsmetropole von Kamerun in Zentralafrika. Händler verwandeln allmorgendlich das Stadtzentrum in einen riesigen Freiluftmarkt. Sie verkaufen alles: von Obst über Schuhe und Souvenirs für Touristen bis zu kleinen gebrauchten Elektrogeräten. Autofahrer quälen sich durch die engen Straßen. Die Fünf-Millionen-Stadt am Golf von Guinea ist dynamisch, ständig in Bewegung - und vor allem ist sie jung.
Das spiegeln Einwohnerzahlen, die aber allesamt nur geschätzt sind. Das Durchschnittsalter der Bevölkerung von gut 30 Millionen liegt bei gerade einmal 19,4 Jahren. Laut Weltbank machen die 18- bis 35-Jährigen 57 Prozent der Erwerbsbevölkerung aus. Douala ist keine Ausnahme, im Gegenteil. Lebendige Zentren sind seit jeher Anziehungsmagnet für die ländlichere Bevölkerung. Man erhofft sich eine bessere Infrastruktur, etwas mehr Komfort, vor allem aber bezahlte Arbeit.
In Kamerun kommt die anglophone Krise im Südwesten hinzu, die vor nunmehr fast zehn Jahren begann. Nach Informationen des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen gibt es aktuell mehr als 400.000 Binnenvertriebene. Ein Teil von ihnen ist ebenfalls nach Douala gegangen.
Viel ungenutztes Potenzial
Der große Anteil der jungen Bevölkerung sollte viel Potenzial bieten - für Ideen, Jungunternehmertum, Wandel. Doch der Schein trügt. Mit dem inzwischen 93-jährigen Paul Biya hat Kamerun den ältesten Staatschef der Welt. Biya ist seit 1982 an der Macht und wurde nach der Präsidentschaftswahl im Oktober 2025 wie erwartet erneut zum Sieger erklärt. Im Ranking der Dienstjahre belegt er Platz zwei hinter Teodoro Obiang Nguema Mbasogo aus dem Nachbarland Äquatorialguinea. Der regiert bereits seit 1979.
Somit hält sich in Kamerun seit Jahrzehnten eine kleine Elite an der Macht. Christian Klatt, der in der Hauptstadt Yaoundé das Länderbüro der deutschen SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) leitet, nennt verschiedene Widersprüche. "Das Land zeichnet sich durch extreme Stabilität und Stillstand aus." Vieles sei in Bewegung, und gleichzeitig gar nichts. "Man kann es mit einem zugefrorenen Teich vergleichen", sagt Klatt. Unter der Wasseroberfläche bewege sich viel; es gebe den Wunsch nach Veränderung. "Aber nichts kommt durch die zugefrorene Decke des Teiches - die obere Schicht des Regimes - nach oben."
Weder Trinkwasser, noch Toiletten
Dabei steht Kamerun vor enormen Herausforderungen. Bis heute hat gut ein Viertel der Bevölkerung keinen Zugang zu Strom. In Douala hat nicht einmal jeder zweite Haushalt (42 Prozent) zuverlässigen Zugang zu Trinkwasser - was bedeutet: einen Wasserhahn im Umfeld von 500 Metern. Auch um Sanitäranlagen ist es schlecht bestellt. In Städten kann gut jeder Zweite (58 Prozent) Toiletten nutzen, auf dem Land nicht einmal jeder dritte Kameruner (29 Prozent). Die Liste lässt sich fortsetzen.
Das alles, obwohl Kamerun, das von 1884 bis 1916 deutsche Kolonie war, über fruchtbares Ackerland und zahlreiche Bodenschätze verfügt. Dazu gehören große Kobaltvorkommen und Bauxit, aus dem Aluminium gewonnen wird. Trotzdem bleibt das Land Rohstoffexporteur. Ohne den Hafen von Douala, den größten in Zentralafrika, wäre es nicht überlebensfähig.
Steigend ist auch die Armut. UN-Angaben zufolge lebten im Jahr 2014 37,5 Prozent der Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze; 2022 waren es 37,7 Prozent. Allerdings: Die Bevölkerung wächst jährlich um etwa 2,6 Prozent, weshalb die Zahl der von Armut betroffenen Menschen innerhalb von acht Jahren um etwa zwei Millionen zugenommen hat.
Mangelhafte Industrialisierung lähmt
Gerade für junge Menschen gibt es viel zu tun, sollte man meinen. Doch ihnen sind vielfach die Hände gebunden. Dabei sind sie so gut ausgebildet wie keine Generation vor ihnen. Doch es fehlt an Industrialisierung und damit Arbeitsplätzen.
Die Konsequenzen sind längst nicht nur schwierige Alltagsbedingungen, sagt Philippe Leumbou Ngako von Codas Caritas, dem Diözesankomitee für soziale Aktivitäten der Erzdiözese Douala. Er leitet den Projektbereich berufliche Bildung. "Jungen Menschen fehlt eine Beschäftigung. Die Gefahr besteht, dass sie sich kriminellen Gruppen anschließen." Die wenigen Jobs werden hingegen in kleinen Netzwerken vergeben. Vetternwirtschaft wie Korruption sind alltäglich. Im Korruptionswahrnehmungsindex von Transparency International belegt Kamerun Platz 142 von 182.
Den Stillstand erlebt auch die Zivilgesellschaft. Dabei gebe es dort Dynamik und Willen zur Veränderung, sagt Klatt, "aber sie ist in diesem System gefangen". Ein Beispiel dafür war die Präsidentschaftswahl im Oktober 2025. Mit Issa Tchiroma Bakary war zwar ein langjähriger Biya-Vertrauter bekanntester Oppositionskandidat. Doch zumindest in Städten wie Douala und Yaoundé gingen zahlreiche Menschen für ihn auf die Straßen. Das Ergebnis der Proteste: Mindestens 48 Menschen kamen ums Leben.
Kritiker werden systematisch unterdrückt
Von einem neuen Aufbegehren gegen die alte Elite ist das Land ein halbes Jahr nach dem Urnengang weit entfernt. Unterdrückung hat System. Menschenrechtsorganisationen zufolge wurden mehr als 2.000 Personen rund um den Wahltag verhaftet. Issa Tchiroma Bakary musste ins gambische Exil fliehen, wo er sich seitdem aufhält. Nach der Wahl 2018 mit Oppositionsführer Maurice Kamto, der sich wie Issa Tchiroma Bakary zunächst zum Sieger erklärte, verhielt es sich ähnlich. Kamto wurde verhaftet, dann zwar wieder freigelassen, aber ohne ein politisches Comeback: Seine Kandidatur für 2025 wurde abgelehnt.
Wenn die Zivilgesellschaft, laut Klatt keine homogene Gruppe, nicht genügend Druck auf die Regierung aufbauen kann, können zumindest die Diaspora weltweit über Kamerun sprechen. "Wenn sich niemand für Kamerun interessiert, wird die Situation nicht besser werden", sagt Klatt.
Zwar geht die internationale Gemeinschaft zunehmend auf Distanz zu Kameruns Führung. Nach der Bekanntgabe der Wahlergebnisse sagte die EU, man nehme diese zur Kenntnis. Und forderte gute Regierungsführung, Demokratie, Achtung der Menschenrechte sowie Rechtsstaatlichkeit ein. Gleichzeitig bringt der Stillstand Stabilität in zwei Regionen - Kamerun gilt als Schnittstelle zwischen West- und Zentralafrika -, die zunehmend instabil und von mannigfaltigen Krisen gezeichnet sind.
Spekulationen über die Zeit nach Biya
Trotz des Stillstands ist Kameruns Zivilgesellschaft gefragt, wenn es darum geht, einen Wandel vorzubereiten. Wer Biya einmal beerben soll, darüber wird spekuliert. Doch mehr als Gerüchte dringen nicht nach draußen. Klar ist aber: Irgendwann wird auch ein Biya, der sich viel am Genfer See in der Schweiz aufhält, sterben. Die wenigen aktuellen Fernsehaufnahmen zeigen längst einen alten, gebrechlichen Mann, der zögernd und langsam spricht. Ob ein Wechsel mehr politische Beteiligung, bessere Jobperspektiven für junge Menschen und Demokratisierung bringt? Eine Garantie dafür gibt es nicht. Vielmehr sind es Hoffnungen.
Für den Wandel braucht es nach Einschätzung des Vorsitzenden der Kamerunischen Bischofskonferenz, Andrew Nkea, noch etwas anderes. "Kameruns größte Herausforderung ist die der nationalen Einheit", sagt Nkea im Februar im Gespräch mit der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA).
Es gebe viele Einzelmeinungen, ethnische Gruppen, bewaffnete Fraktionen. "Das bedroht unsere nationale Einheit und sorgt dafür, dass sich Menschen nicht als Kameruner fühlen. Sie haben den Eindruck, nicht fair behandelt zu werden." Das führe zu Spannungen und Wut.
Der lange Schatten der Geschichte
Nkea spielt damit auf die anglophone Krise an, deren Ursachen Jahrzehnte alt sind. Nachdem das deutsche Kaiserreich seine Kolonie Kamerun verloren hatte, wurde diese französisches wie britisches Mandatsgebiet und nach der Unabhängigkeit 1960 beziehungsweise 1961 vereint. Ein Gemeinschaftsgefühl entwickelte sich nicht. Menschen im anglophonen Teil - auch Nkea, der Erzbischof von Bamenda ist, stammt aus diesem - fühlen sich systematisch benachteiligt, bis ab 2016 ein offener Konflikt unvermeidbar wurde.
Lange lieferten sich Separatistengruppen Kämpfe mit kamerunischen Soldaten. Heute nutzen vor allem kriminelle Banden die unsichere Lage in der Region aus. Dennoch geht niemand mehr davon aus, dass der Staat an einer Befriedung interessiert ist. So spielt etwa die geringe Wahlbeteiligung - aus Protest wie aus organisatorischen Gründen - in den Regionen Nordwest und Südwest der Regierung in die Hände.
Allein Sicherheit und Stabilität könnten dazu führen, dass sich ein starker Oppositionskandidat etabliert. Und der könnte dann auch noch gewählt werde. Zu öffentlichen Debatten oder gar neuerlichen Dialogversuchen führt das schon lange nicht mehr. Der Konflikt belastet die Bevölkerung und steht gleichzeitig still. Auch diese Herausforderung gilt es für Kamerun zu lösen.