Moraltheologe sieht Reformbedarf nach "Amoris laetitia"
08.04.202612:53
Deutschland/Vatikan/Kirche/Theologie/Gesellschaft
Potenzial des vor zehn Jahren erschienenen Papst-Schreibens für Bonner Theologen Sautermeister "bis heute noch nicht ausgeschöpft"
Bonn, 08.04.2026 (KAP/KNA) Zehn Jahre nach "Amoris laetitia" sieht der deutsche Moraltheologe Jochen Sautermeister Fortschritte in der katholischen Kirche, aber auch weiteren Reformbedarf. Das Schreiben von Papst Franziskus habe neue Perspektiven eröffnet. Sein Potenzial sei jedoch "bis heute noch nicht ausgeschöpft", sagte Sautermeister dem Portal "katholisch.de" am Mittwoch.
Zentral sei ein Perspektivwechsel: "nicht bewerten und verurteilen, sondern die Menschen in ihren konkreten Lebenssituationen wahrnehmen". Menschen sollten begleitet, unterschieden und einbezogen werden. Ziel sei, dass "niemand durch das Handeln der Kirche ausgeschlossen wird", so Sautermeister.
Grundlegender Perspektivwechsel
Die Öffnung für wiederverheiratete Geschiedene beim Kommunionempfang stehe exemplarisch dafür. Die Eucharistie sei "Nahrung für die Schwachen" und ein "großzügiges Heilmittel", nicht "Belohnung für die Vollkommenen". Wer diese Öffnung kritisiere, habe "diesen grundlegenden Perspektivwechsel nicht vollzogen".
Zugleich bleibe der Text begrenzt, resümiert der Bonner Moraltheologe. "Amoris laetitia" könne "die drängenden Fragen und Problemkreise in der Weltkirche nicht vollständig abbilden". Konfliktthemen wie Homosexualität und Polygamie kämen kaum vor. "'Amoris laetitia' will den pastoralen Stil der Evangelisierung für Ehe und Familie grundsätzlich entfalten, aber weder die Lehre noch das Kirchenrecht ändern." Insofern sei das Schreiben ein Text, der einen Prozess fördern wolle, aber nicht alles erfasse, so Sautermeister weiter.
Anerkennung von Humanwissenschaften
Dabei sei eine Weiterentwicklung unter Umständen geboten - "etwa im Blick auf die Anerkennung von Erkenntnissen aus den Human- und Sozialwissenschaften", so der Theologe. Für die Zukunft fordert er daher konkrete Schritte. Neben pastoralen Ansätzen brauche es Veränderungen bei kirchlichen Normen. Die Kirche müsse sich auf einen "permanenten Prozess" einlassen und werde "nicht stehen bleiben können".
Zugleich plädiert Sautermeister für mehr Verantwortung vor Ort. Fragen sollten stärker in den Ortskirchen geklärt werden, orientiert an den jeweiligen Lebensrealitäten. Als Beispiele nannte Sautermeister den Umgang mit gleichgeschlechtlichen Partnerschaften in der katholischen Kirche, die Vielfalt sexueller Identitäten, soziale Herausforderungen für Familien sowie den Umgang mit dem Scheitern von Beziehungen.
Kardinal im Kathpress-Interview über die zentralen Aussagen des Schreibens von Papst Franziskus, das vor zehn Jahren erschien und u.a. neue Perspektiven für den Umgang mit geschiedenen Wiederverheirateten in der katholischen Kirche eröffnete - Papst Leo XIV. will mit Vorsitzenden aller Bischofskonferenzen im Oktober über Fragen rund um Ehe und Familie beraten