Ungarn-Wahl: Verflechtung von Regierung und Kirchen im Blick
09.04.202612:54
Ungarn/Politik/Wahl/Religion/Kirche
CEU-Professorin Petö im ORF: Orbán-Regierung benutzt christliche Identität dazu, "zu bestimmen, wer ein guter und wer ein schlechter Staatsbürger ist" - Theologin Perintfalvi in "Furche": Kirchen in Ungarn haben "ihre Freiheit völlig verloren"
Wien, 09.04.2026 (KAP) Im Vorfeld der Parlamentswahl in Ungarn gibt es Kritik an einer engen Verflechtung zwischen der Regierung von Ministerpräsident Viktor Orbán und den Kirchen. Mit Geldern für Renovierung bzw. den Bau tausender Kirchen sowie finanziellen Zuwendungen für kirchliche Einrichtungen wie Altersheime, Spitäler oder Kindergärten binde die Orbán-Regierung jene Kirchen an sich, die sie für verlässlich halte, sagte die an der Central European University lehrende Historikerin Andrea Petö dem ORF. Orbán habe über die Jahre erkannt, dass er christliche Identität für politische Zwecke nutzen könne. "Kirchen werden als strategische Partner gesehen und die christliche Identität dazu benutzt zu bestimmen, wer ein guter und wer ein schlechter Staatsbürger ist", so Petö in der Ö1-Sendung "Im Fokus" (Mittwoch).
Ministerpräsident Orbán, der selbst der reformierten Kirche angehöre, setze viele symbolische Gesten in Richtung katholische Kirche, um deren Unterstützung zu sichern. Aber auch der Einfluss der russisch- und der serbisch-orthodoxen Kirche sowie jener der syrisch-orthodoxen Kirchen seien wichtig.
Noch deutlicher äußerte sich die katholische Theologin Rita Perintfalvi. Die Kirchen in Ungarn hätten "ihre Freiheit völlig verloren", sagte die bekannte Orbán-Kritikerin in der Wochenzeitung "Die Furche" (Donnerstag). Sie bezeichnete die Situation als "unhaltbar" - denn Orbán mache seine finanzielle Unterstützung der Kirchen davon abhängig, dass sie keinen Widerspruch zu seiner Politik äußerten. "Die Kirchen sind also finanziell völlig abhängig von ihm."
Es gebe in Ungarn eine starke Allianz zwischen christlichen Fundamentalisten und Rechtspopulisten. Allerdings sei die sichtbare Unterstützung der katholischen Kirche für Viktor Orbán und die Fidesz-KDNP-Parteikoalition vor der aktuellen Wahl geringer als noch 2022. Viele Priester und Bischöfe hätten gemerkt, dass Orban die Wahl wahrscheinlich verlieren werde. Nach Auffassung Perintfalvis bauten sie so vor für die Zeit danach: "Es ist also in erster Linie Opportunismus. Ich glaube, es gibt nur sehr wenige Kleriker, die den extrem schädlichen und gefährlichen Charakter des Orbán-Regimes wirklich erkannt haben", sagte die Theologin.
Perintfalvi sieht die am Sonntag anstehende Wahl als "allerletzte Chance für Ungarn, sich von Russland und Putin zu entfernen und sich zurück in Richtung Europäischer Union zu bewegen". Sie habe Hoffnung, "dass es dieses Mal klappen kann".
Anfeindungen ausgesetzt
Die Theologin, die Ende März auch mit dem Herbert-Haag-Preis für Freiheit in der Kirche ausgezeichnet wurde, ist als bekannte Kritikerin Orbáns Anfeindungen in Ungarn ausgesetzt. "Ich war Gegenstand einer organisierten Verleumdungskampagne vieler Orbán-naher, rechter Medien, vier rechtsextremer Nachrichtenportale und fast eines Dutzends von Orbán bezahlter Influencer", berichtete Perintfalvi. Diese hätten ihren Namen, ihre Persönlichkeit und ihre theologischen Qualitäten "mit einem extrem ekelhaften pornografischen Film" in Verbindung gebracht.
"Das war für mich persönlich sehr traumatisch", sagte die Theologin im "Furche"-Gespräch. Umso mehr habe sie sich über die große öffentliche Unterstützung durch Politiker, Künstler, Schriftsteller und Menschenrechtsaktivisten gefreut.
In Kirchen engagierte Christen, die gleichzeitig die Regierung ablehnen, hätten "wirklich Schwierigkeiten" in Ungarn, "weil die kirchlichen Hierarchien besonders bei den katholischen und der reformierten Kirche sehr stark regierungsnah sind", sagte auch der Ungarn-Experte Péter Techet vom Institut für den Donauraum und Mitteleuropa (IDM) in Wien im ORF-Radio. Dennoch gebe es immer wieder kritische Stimmen, besonders unter den katholischen oder reformierten Intellektuellen.
Magyar und die Kirchen
Im Wahl-Wettstreit mit Ministerpräsident Orbán und dessen Fidesz-KDNP-Parteikoalition liegt die oppositionelle Tisza-Partei unter Péter Magyar derzeit in den meisten Umfragen voran. Der Zuspruch für Magyar habe neben einer für viele Menschen schwierigen wirtschaftlichen Lage im Land damit zu tun, dass auch der Tisza-Chef kein klassischer links-liberaler Kandidat sei, sondern ebenfalls dem eher rechten Lager zuzuordnen, erklärte die Theologin Pertinfalvi in der "Furche": "Das macht es für viele Menschen leichter, ihn zu wählen."
Zum Thema Staat und Kirche habe sich Magyar öffentlich nicht wirklich geäußert, wohl auch, um vonseiten der Regierung nicht als kirchenfeindlich abgestempelt zu werden, so Perintfalvi. Grundsätzlich aber wolle Magyar das Verhältnis zwischen Kirche und Politik verändern, zeigte sie sich überzeugt. Die aktuelle Situation sei "unhaltbar".
Im 240-seitigen Wahlprogramm von Tisza wird kritisch angemerkt, dass die Partnerschaft zwischen Staat und Kirchen in den vergangenen Jahren von einer "politischen und wirtschaftlichen Verflechtung" abgelöst worden sei. Das System der Kirchenfinanzierung will die Oppositionspartei aufrechterhalten, jedoch ohne einzelne Glaubensgemeinschaften zu bevorzugen. Magyar betone in seiner Religionspolitik den säkularen Staat, sagte IDM-Ungarnexperte Techet im ORF-Interview. "Aber er will nicht die finanziellen Hilfen für die Kirchen reduzieren. "
Der aus dem katholischen Bürgertum stammende Tizsa-Parteichef, Absolvent des Piaristengymnasiums in Budapest, bezeichne sich immer als Christ, benutze das Christentum in seiner Rhetorik aber nicht so stark kulturchristlich aufgeladen wie Orbàn, erklärte Techet. Allerdings habe Magyar im Wahlkampf öffentlich immer wieder darauf hingewiesen, dass er im Vergleich zu Orbán, der am Beginn seiner Politkarriere in den 1990er Jahren auch antiklerikal eingestellt gewesen sei, eine viel glaubwürdigere Geschichte hinsichtlich seines religiösen Hintergrunds hätte.
Über die Zeit nach der Wahl erklärte Techet, dass für einen umfassenden Systemwechsel auf legalem Wege eine Zweidrittelmehrheit von Tisza im Parlament erforderlich wäre. In so einem Fall könne das auf institutioneller Ebene schnell gehen, indem Gesetze wieder geändert und Führungspersonal ausgetauscht werde. Für viel schwieriger hält der Experte eine Kursänderung in der Wirtschaft, wo die aktuelle Regierung und regierungsnahe Oligarchen fest verankert seien.
"Und noch schwieriger ist bei der Gesellschaft", fügte Techet hinzu. Diese sei über Jahre hinweg von einer "christlich-nationalistischen, xenophoben, anti-europäischen und antiwestlichen Propaganda bombardiert" worden. Hier brauche es wohl Bildungsarbeit über Jahrzehnte hinweg.
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