IMABE-Direktorin Kummer sieht bei Tötung von Noelia Castillo "Ideologisierung" und warnt vor falschem Autonomieverständnis - Umgang mit Schwächsten auf dem Prüfstand
Wien, 09.04.2026 (KAP) Die Wiener Ethikerin Susanne Kummer sieht im vielbeachteten Sterbehilfe-Fall um die junge, psychisch schwer erkrankte Spanierin Noelia Castillo ein "systematisches Versagen" staatlicher und gesellschaftlicher Verantwortung. "Was bedeutet Autonomie, wenn die Bedingungen für echte Entscheidungsfreiheit fehlen?", hinterfragte die Direktorin des Instituts für Medizinische Anthropologie und Bioethik (IMABE) in einer Kathpress übermittelten Analyse das Vorgehen der spanischen Behörden.
Castillo erhielt am 26. März in Barcelona eine tödliche Injektion. Aufgewachsen unter schwierigen Verhältnissen, mit zeitweisen Aufenthalten im Jugendheim, litt sie von früh an unter schweren psychischen Belastungen, darunter eine Borderline-Erkrankung und mehrere Suizidversuche. Nach einer Gruppenvergewaltigung und einem weiteren Suizidversuch war die 25-Jährige zuletzt körperlich eingeschränkt in einem Pflegeheim untergebracht. 2024 stellte sie einen Antrag auf Sterbehilfe, der schließlich genehmigt wurde.
Rechtlich war der Fall umstritten: Ein Gericht stoppte das Verfahren zunächst mit Hinweis auf mögliche Behandlungschancen, die Entscheidung wurde später aufgehoben. Trotz des Widerstands ihres Vaters und eines Eilantrags beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte wurde die Tötung auf Kassenkosten durchgeführt. Die Staatsanwaltschaft bewertete den Wunsch als "fest, frei und autonom".
System des Versagens
IMABE-Direktorin Kummer hinterfragt in ihrer Analyse vor allem das Verständnis von Autonomie, welches den Sterbehilfe-Gesetzen Spaniens und vieler Länder zugrunde liege. Die Annahme, ein Sterbewunsch sei unter allen Umständen Ausdruck freier Entscheidung, greife zu kurz, vielmals sei dies eine "bloße juristische Konstruktion". Autonomie setze Bedingungen wie ausreichende Behandlung, Zeit, therapeutische Begleitung und Alternativen voraus, erst recht bei psychischen Erkrankungen und traumatischen Erfahrungen, bei denen die Entscheidungsfähigkeit häufig eingeschränkt oder instabil sei. Speziell Borderline-Patienten verfügten über ein Entscheidungsspektrum, das "normalerweise zwischen Schwarz und Dunkelgrau" liege, zitierte die Ethikerin den Psychiater Jose Miguel Gaona.
Die IMABE-Direktorin kritisiert die in der Sterbeurkunde vorgenommene offizielle Einordnung des Todes von Noelie Castillo als "natürlich". Dies sei der "Gipfel einer Ideologisierung, die sämtliche Spuren staatlicher und gesellschaftlicher Verantwortung verwischen soll". Tatsächlich handle es sich nicht um ein individuelles Einzelschicksal, sondern um das Ergebnis struktureller Defizite im Umgang mit vulnerablen Patientinnen und Patienten. "Das ist kein Erfolg der Menschlichkeit. Hier hat Versagen System. Und dieses Versagen wird durch sprachliche Manipulation auch noch gedeckt", so Kummer.
Versagt hätten sowohl die Familie als auch die Verwaltung und das Gesundheitswesen, verwies Kummer auf die Einschätzung des spanischen Rechtspsychologen Jose Manuel Aguilar. Die befassten Gremien seien in hohem Maß "ideologisch voreingenommen" gewesen und hätten einen "Grabenkampf" geführt, der individuelle Bedürfnisse der Patientin hinter politisches Kalkül gestellt habe.
Verantwortung der Gesellschaft
Kummer verweist zudem auf die hohe Ambivalenz von Sterbewünschen, die aus der Suizidforschung bekannt sei. "Der geäußerte Wunsch nach einem vorzeitigen Tod ist vielfach ein Hilfeschrei zum Leben", so die Ethikerin. Eine Praxis, die diesen Wunsch bestätige und technisch ermögliche, widerspreche grundlegenden Erkenntnissen der Medizin und Psychologie. Der Staat agiere "heuchlerisch", wenn er sich als "Garant des Lebens" bezeichne und dabei statt Lebensbeistand den Tod garantiere.
Abschließend fordert die Ethikerin eine differenziertere Debatte über Sterbehilfe, die stärker die konkreten Lebensumstände Betroffener in den Blick nimmt. "Das Natürlichste wäre es, einer traumatisierten und schwer belasteten jungen Frau im Leben zu helfen, statt einen 'natürlichen Tod' zu organisieren", so Kummer. Der Fall Noelia zeige somit, dass es nicht nur um individuelle Entscheidungen gehe, sondern um die Verantwortung einer Gesellschaft im Umgang mit den Schwächsten.