Klimaforscherin in Interview mit Wiener Kirchenzeitung: "Kein Zufall, dass alle Religionen der Welt Genügsamkeit als eine Tugend predigen"
Wien, 09.04.2026 (KAP) Als zu stark angstgetrieben bewertet die Meteorologin und Klimaforscherin Helga Kromp-Kolb den bisherigen Umgang mit der Klimakrise: "Wir haben zu lange nur Angst geschürt. Aber wir haben viel zu wenig darauf hingewiesen, was wir gewinnen können, was wir durch Klimaschutz gewinnen können", sagte die emeritierte Boku-Professorin im Interview mit der Wiener Kirchenzeitung "Der Sonntag" (aktuelle Ausgabe). Sie plädierte für ein umfassenderes Verständnis von Klimapolitik, das über technische Lösungen hinausgeht. Positiv hebt sie dabei die UN-Nachhaltigkeitsziele sowie die Enzyklika "Laudato si'" von Papst Franziskus hervor, da dort ökologische, soziale und wirtschaftliche Fragen gemeinsam gedacht würden.
"Wir brauchen weniger Energieverbrauch. Wir brauchen wieder Genügsamkeit, also Suffizienz, und wir brauchen Effizienz. Darüber wird aber kaum geredet", so Kromp-Kolb. Der Fokus auf immer neue Energiequellen greife zu kurz, solange der Verbrauch weiter steige. Kritisch sehe sie etwa die Mobilität: "Da fahren zwei Tonnen herum, um irgendwelche 70 Kilogramm zu transportieren." Nötig sei Genügsamkeit, also Suffizienz, sowie Effizienz. "Ich glaube, es ist kein Zufall, dass alle Religionen der Welt Genügsamkeit als eine Tugend predigen. Und das Bewusstsein dafür haben wir völlig verloren", so die Klimaforscherin weiter.
Auch gesellschaftlich forderte Kromp-Kolb ein Umdenken hin zu einem "guten Leben" innerhalb ökologischer Grenzen. Konsum allein mache nicht glücklich, entscheidend seien Lebensqualität und Verantwortung gegenüber künftigen Generationen. "Das ist nicht der große Fernsehschirm und das ist auch nicht jedes Jahr ein neues Handy. Das ist nicht das, was uns glücklich macht. Diese Überlegung, was wir eigentlich für ein gutes Leben brauchen, die müsste wieder viel stärker in den Vordergrund rücken und dann kommt man auch mit viel weniger Energie aus", so die Expertin.
Nötig sei auch "ein Gefühl des Füreinander-Verantwortung-Tragens", auch außerhalb der Familie. Und weiter: "Wie übergeben wir unsere Welt der nächsten und der übernächsten Generation? Wenn man da mehr darüber nachdenken würde, dann könnte man nicht den Raubbau betreiben, wie wir es derzeit tun."
In der Begriffsdiskussion unterschied die Wissenschafterin zwischen "Klimawandel" als physikalischem Prozess und "Krise" oder "Katastrophe", sobald Menschen konkret betroffen seien. Für viele sei die Klimakrise aber bereits Realität, betonte sie mit Verweis auf Extremwetterereignisse auch in Österreich. Die ehemalige Universitätsprofessorin spricht am 22. April im Rahmen der "Theologischen Kursen" zum Thema "Für Pessimismus ist es zu spät. Was angesichts des Klimakollapses zu tun ist." (Link: https://www.theologischekurse.at/veranstaltungen/26944/fuer-pessimismus-ist-es-zu-spaet)