Medien-Talk: Kirche soll politisch sein, aber nicht parteipolitisch
09.04.202608:58
(zuletzt bearbeitet am 09.04.2026 um 13:13 Uhr)
Österreich/Kirche/Ökumene/Politik/Medien
Warnung vor politischer Instrumentalisierung der Religion bei Podiumsdiskussion
des katholischen Publizistenverbands mit Kirchenvertretern und Journalisten - Kirchen dürfen bei massiven Menschenrechtsverletzungen oder völkerrechtswidrigen Angriffskriegen nicht schweigen
Wien, 09.04.2026 (KAP) "Wie politisch kann, darf und muss Kirche sein?" - Unter diesem Titel diskutierten Vertreter der katholischen und der evangelischen Kirchen mit Journalisten im Rahmen einer Veranstaltung des katholischen Publizistenverbands am Mittwochabend in Wien und die Antwort lautete unisono: Kirche soll politisch sein, aber nicht parteipolitisch. Einig waren sich alle bei der von Udo Bachmair moderierten Diskussion, dass sich die Kirchen aktiv gegen die zunehmende Instrumentalisierung von Religion - Stichwort "christlicher Nationalismus" - durch politische Kräfte behaupten müssten. Massive Menschenrechtsverletzungen oder völkerrechtswidrige Angriffskriege bedürfen einer deutlichen Verurteilung aus christlicher Sicht - auch dieser grundsätzliche Zugang war unter den Diskutanten Konsens.
Als Vertreter der katholischen Kirche erinnerte Helmut Schüller, früherer Caritas-Präsident, Ex-Generalvikar der Erzdiözese Wien und Gründer der Pfarrer-Initiative, dass Gerechtigkeit nicht nur ein politischer, sondern auch christlicher Kernbegriff ist. "Gerechtigkeit ist die politische Seite der Liebe", zitierte Schüller aus dem Lehrschreiben "Deus caritas est" von Papst Benedikt XVI. (2005-2013). Freilich, je konkreter kirchliche Stellungnahmen zu Gerechtigkeitsthemen wären, desto größer sei auch der Widerspruch und die "tagespolitische Empörung" gewesen. "Vor allem vom jeweiligen Innen- oder Sozialminister und unabhängig vom politischen Couleur", so Schüller im Rückblick auf seine Zeit an der Spitze der Caritas. Ein spezifisches Problem bei Wortmeldungen der Caritas damals wie heute sei auch der Umstand der "journalistischen Verkürzung auf politische Sager".
Klare Stimme des Papstes
Als vorteilhaft für die katholische Kirche bewerte Schüller so wie die Mitdiskutanten die Tatsache, dass Katholiken mit dem Papst jemanden hätten, der verbindlich für das Ganze sprechen könne. Rudolf Mitlöhner, leitender "Kurier"-Redakteur, verwies in diesem Zusammenhang auf die ungewöhnlich klaren Worte von Papst Leo XIV. in den letzten Tagen gegen den Krieg im Nahen Osten.
Evangelische hätten eine vergleichbare Erwartung an ihre Bischöfin aufgrund einer andersgearteten Kirchenverfassung erst gar nicht, hielt der Pfarrer der lutherischen Stadtkirche in Wien, Johannes Modeß, fest. Auch der evangelisch-reformierte Pfarrer und frühere Landessuperintendent Thomas Hennefeld verwies auf ein anderes, synodaleres Kirchenverständnis. Umso mehr läge es an allen kirchlichen Amtsträgern und an den Kirchenmitgliedern, sich aus dem Glauben heraus politisch zu positionieren. "Unrecht zu benennen, ist Teil unserer evangelischen Identität", so Modeß. Das klare Wort oder die Verurteilung sei aber nur eine Option unter mehreren. "Oft kann das helfend-diakonale Handeln der Kirche mehr bewirken."
Begegnungsräume eröffnen
An die kommunikative Grenzen komme man als Kirchenvertreter bei komplexen Situationen wie dem Krieg in Gaza, führte Hennefeld weiter aus. Hier könne Kirche abseits von Worten etwas Wichtiges bewirken, wenn sie einen geschützten Raum für die Begegnung von Opfern beider Seiten bereitstellt. Aus seinem Engagement in Israel und Palästina wisse er, wie wichtig es sei, für die Friedensstifter und Brückenbauer beider Völker solche Begegnungsräume innerhalb der Kirchen zu schaffen, "um die Spirale der Gewalt zu durchbrechen", so Hennefeld.
Auch die evangelische Theologin und Psychotherapeutin Rotraud Perner warnte vor der tiefsitzenden Neigung, alles zu bewerten und zu verurteilen. Eine wichtige politische Aufgabe von Kirche bestünde darin, zuallererst unterschiedlichen Positionen in transparenter Weise Raum zu geben und damit Dialog zu ermöglichen. Die Kirche müsse "Menschen befähigen, Unterschiede auszuhalten".
Warnung vor "politischem Messianismus"
Doris Helmberger-Fleckl, Chefredakteurin der "Furche", konstatierte eine zunehmende Instrumentalisierung des Religiösen durch die Politik. Die Kirchen müssten sich gegen diese Übergriffigkeit und Gängelung aktiv zur Wehr setzen, vor allem dann, "wenn man Religion zum ab- und ausgrenzen verwendet". Es gelte, den im "Mariazeller Manifest" 1952 formulierten Grundsatz einer "freien Kirche in einer freien Gesellschaft" hochzuhalten. Ausdrücklich warnte die "Furche"-Chefredakteurin vor einem erstarkenden "politischen Messianismus und der Sehnsucht nach einem Heilsbringer".
"Christliche Begriffe dürfen nicht zu Kampfbegriffen zwecks Ausgrenzung und Vernichtung werden. Dagegen müssen die Kirchen auftreten", betonte auch Hennefeld. Als einen bis heute gültigen "Schatz" bezeichnete er das 2003 veröffentlichte "Sozialwort des Ökumenischen Rates der Kirchen in Österreich", das nach wie vor eine hilfreiche Orientierung in politischen Fragen sei.