Über 33 Millionen Sudanesen auf humanitäre Hilfe angewiesen, fast 10 Millionen innerhalb des Landes auf der Flucht - Caritas-Vizepräsident Bodmann: "Skandal der Unsichtbarkeit"
Wien, 13.04.2026 (KAP) Mehr als 1.000 Tage nach Beginn des Krieges im Sudan spitzt sich die Lage dramatisch zu. Bei einem Presse-Hintergrundgespräch der Caritas Österreich am Montag zeichneten Expertinnen und Experten ein alarmierendes Bild: 33,7 Millionen Menschen - rund zwei Drittel der Bevölkerung von insgesamt 52 Millionen - sind auf humanitäre Hilfe angewiesen. Damit handelt es sich um die größte humanitäre Krise weltweit. Wahrgenommen werde dies jedoch weder in den westlichen Medien noch in denen der unmittelbaren Nachbarstaaten bei dem zugleich "vergessensten Krieg der Gegenwart", so der Tenor der Helfer und Fachleute.
Caritas-Vizepräsident Alexander Bodmann sprach von einem "Skandal der Unsichtbarkeit". Trotz der Dimension des Leids fehle es an internationaler Aufmerksamkeit und politischem Willen. "Sudan ist nicht vergessen, weil wir nichts wissen, sondern weil wir zu wenig hinschauen", so Bodmann. Besonders dramatisch sei die Vertreibung: Rund 9,5 Millionen Menschen sind innerhalb des Landes auf der Flucht, weitere 3,4 Millionen haben Zuflucht in Nachbarstaaten gesucht. Die Mehrheit sind Frauen und Kinder, die häufig extremer Gewalt ausgesetzt sind.
Parallel dazu entwickelt sich die schlimmste Hungerkrise der Welt. Anders als bei klassischen Hungersnöten ist diese nicht primär Folge von Naturkatastrophen, sondern Ergebnis gezielter Kriegsführung. Bewaffnete Akteure blockieren Hilfslieferungen, zerstören Märkte und nutzen Hunger systematisch als Waffe. Über 21 Millionen Menschen leiden unter akuter Ernährungsunsicherheit, hunderttausende befinden sich bereits in einer katastrophalen Versorgungslage.
Europa muss handeln
Gleichzeitig warnte Bodmann vor einem massiven Rückgang internationaler Hilfsgelder. Der humanitäre Hilfsplan für den Sudan war im Vorjahr nur zu rund einem Drittel finanziert, für 2026 fehlen weiterhin große Teile der benötigten Mittel. Weltweit würden Budgets gekürzt - auch in Europa. "Wenn wir jetzt nicht handeln, wird aus dieser Krise eine dauerhafte Katastrophe", so Bodmann.
Jüngsten UNO-Angaben (Stand: Februar 2026) zufolge haben bislang nur rund 2,6 Millionen Menschen im Sudan humanitäre Hilfe erhalten, darunter 2,7 Millionen mit Nahrungsmittelhilfe, während gleichzeitig etwa 8 Millionen Kinder keinen Zugang zu Bildung haben. 37 Prozent der Gesundheitseinrichtungen sind außer Betrieb, Krankheiten wie Cholera und Masern breiten sich aus. Von den benötigten 2,9 Milliarden US-Dollar an Hilfsgeldern sind lediglich rund 436 Millionen finanziert.
Die Caritas fordert von der internationalen Gemeinschaft ein entschiedeneres Vorgehen: mehr humanitäre Mittel, politischen Druck für einen Waffenstillstand und die konsequente Verfolgung von Verstößen gegen das Völkerrecht. Zudem müsse der Sudan stärker auf die außenpolitische Agenda Europas rücken. "Humanitäre Hilfe lindert Leid, beendet aber keinen Krieg", so Bodmann. Ohne politische Initiative drohe eine weitere Eskalation, mit Folgen weit über die Region hinaus.
Krieg um Ressourcen und Macht
Der Sudan-Analyst John Ashworth bezeichnete den Konflikt als "ökonomischen Krieg" um Ressourcen und Macht. Die Wurzeln reichen Jahrzehnte zurück: Militärische Strukturen kontrollieren große Teile der Wirtschaft, während rivalisierende Machtzentren - darunter auch ehemals staatlich geförderte Milizen - heute gegeneinander kämpfen. Eine rasche politische Lösung sei nicht in Sicht, da beide Konfliktparteien weiterhin an einen militärischen Sieg glauben. Internationale Akteure verschärften die Lage zusätzlich, etwa durch wirtschaftliche Interessen an Rohstoffen oder geopolitische Ambitionen.
Der Krieg sei kein klassischer Bürgerkrieg mit politischen Lagern, sondern ein "nihilistischer Konflikt", in dem staatliche Strukturen weitgehend zerfallen sind, so Ashworth. Hoffnung sehe er vorrangig in der Zivilgesellschaft: Lokale Initiativen organisieren Gemeinschaftsküchen, medizinische Versorgung und Informationsnetzwerke. "Diese zivilen Strukturen sind das Rückgrat des Überlebens - und möglicherweise die Grundlage für künftigen Frieden", so der Experte.
Den derzeitigen Afrika-Besuch des Papstes, der zuletzt am Sonntag öffentlich auf den Sudan hingewiesen hatte, bezeichnete Ashworth als eine Chance für mehr internationale Wahrnehmung des kriegsgeplagten Landes. Sein klares Eintreten gegen Gewalt und für Dialog könne ein wichtiges Signal setzen "in einer Zeit, in der sich die Menschheit immer mehr an Gewalt als Mittel zur Durchsetzung von Interessen gewöhnt". Zeichen in Richtung Religionsdialog könnten im Sudan, wo Islam und Christentum traditionell eng miteinander verbunden sind, diese "Ressource für Frieden" sowie die lokalen Kräfte stärken, so Ashworth.
Besonders Frauen und Kinder leiden
Wie dramatisch die Lage vor Ort insbesondere für Frauen und Kinder ist, schilderte Mary Wamuyu, Sudan-Länderdirektorin des irischen Caritas-Hilfswerks Trocaire. Viele Familien lebten in provisorischen Lagern, ohne Einkommen oder Perspektive. "Die Frauen sitzen oft stundenlang an Wasserstellen oder suchen verzweifelt nach Nahrung. Viele brechen im Gespräch in Tränen aus", sagte Wamuyu gegenüber Kathpress. Hunger sei allgegenwärtig, Märkte zerstört, die Preise explodierten. Gleichzeitig seien Frauen besonders von Gewalt betroffen, viele hätten Angehörige verloren oder seien auf der Flucht getrennt worden.
Auch Wamuyu hob die Widerstandskraft der Bevölkerung hervor. Lokale Gemeinschaften organisieren sich selbst, bilden Spargruppen, teilen Ressourcen und entwickeln eigene Lösungen. Besonders Frauen spielten eine zentrale Rolle, nicht nur beim Überleben, sondern besonders auch in den lokalen Friedensinitiativen. "Sie wollen nicht nur Hilfe empfangen, sondern als Partner gesehen werden", so die Helferin. Eine nachhaltige Lösung müsse daher auf lokaler Ebene ansetzen und diese Strukturen fördern - "und sie in Friedensgespräche einbinden", so Wamuyu.
(Caritas-Spendenkonto: IBAN: IBAN AT23 2011 1000 0123 4560, Kennwort: Nothilfe im Sudan, oder Online-Spende auf www.caritas.at/sudan)