Theologe Paganini: Grassierender Antisemitismus heute ist nicht Ausdruck einer "neuen Judenfeindschaft", sondern macht alte Mechanismen sichtbar, die fortwirken
Aachen/Wien, 14.04.2026 (KAP) Der heute grassierende Antisemitismus greift auch weiterhin auf Aspekte des christlichen Antisemitismus zurück. Dabei wirkten christliche antisemitische Stereotype "nicht mehr primär als Theologie, sondern als kulturelle Tiefenstruktur und kulturelles Reservoir von Deutungsmustern, die in neuen Kontexten oft unreflektiert wieder aktiviert werden". Das hat der in Aachen lehrende Bibelwissenschaftler Prof. Simone Paganini im Gespräch mit der Nachrichtenagentur Kathpress betont. Paganini hatte zuletzt an der Universität Graz einen Vortrag über Antisemitismus gehalten und zu dem Thema u.a. das Buch "Warum sind immer die Juden schuld? Antisemitismus in der Bibel" veröffentlicht.
Christlich-antisemitische Motive wie etwa jene, dass "die Juden" Jesus getötet hätten oder Kinder töteten, seien weiterhin relevant auch in aktuellen Konflikten bzw. den Bildern und Texten, die die aktuellen Konflikte etwa im Gazastreifen begleiteten, so Paganini. "Sie wirken heute weniger als explizite Lehre, sondern als implizite Denkfigur, die sich mit anderen politischen oder ideologischen Motiven verbindet." Um so "erschütternder" sei es, so der Theologe, dass dem Thema Antisemitismus "in der christlichen Reflexion und insbesondere in der akademischen Theologie bis heute kaum eine Relevanz zukommt".
Kein neues Phänomen
Insgesamt sei der seit dem 7. Oktober 2023 und dem Hamas-Überfall auf Israel aufflammende Antisemitismus "kein neues Phänomen", führte Paganini weiter aus, sondern es werde eine über Jahrhunderte konstante Form der Judenfeindschaft neu sichtbar. Auch wenn sich nämlich die konkreten Ausprägungen des Antisemitismus stets wandelten und damit auch eine allgemein akzeptierte Definition sehr schwierig sei, so seien die zugrunde liegenden Mechanismen dennoch bemerkenswert stabil und folgten einem "zeitlosen" Muster: Dazu zähle etwa die Kollektivierung von Juden als Gruppe, stereotype Zuschreibungen, die Konstruktion eines bedrohlichen "Anderen", Verschwörungsmythen und Sündenbockmechanismen, Dehumanisierung sowie Diskriminierung und Verfolgung.
Diese Muster fänden sich sowohl in der Antike als auch in gegenwärtigen Erscheinungsformen des Antisemitismus. Die hebräische Bibel zeige dabei einerseits Widerstandserfahrungen des Judentums und die Hoffnung auf Rettung auch in extremen Bedrohungslagen. Andererseits enthalte das Neue Testament nach seiner Einschätzung Passagen mit klar antijüdischer Stoßrichtung, die in ihrer späteren Wirkungsgeschichte verheerend gewesen seien. Beispielhaft verwies er auf Aussagen des Paulus, die in konkreten Konflikten entstanden seien, aber pauschalisierende und stigmatisierende Motive gegen Juden transportierten.
Judentum als Projektionsfläche
Zur Frage, warum gerade das Judentum immer wieder Ziel von Hass und Verfolgung werde, verwies Paganini auf dessen besondere geschichtliche und gesellschaftliche Stellung. Jüdische Existenz sei nie nur religiös, sondern immer auch kulturell, sozial und politisch geprägt gewesen. Gerade diese Vielschichtigkeit habe Juden in verschiedenen Epochen zu einer "Projektionsfläche" gemacht, "die je nach Kontext unterschiedlich gefüllt werden kann".
In Krisenzeiten würden komplexe Probleme auf einfache Schuldzuweisungen verkürzt; Juden seien dabei immer wieder als Sündenböcke konstruiert worden. Antisemitismus sage daher weniger über Juden als über die Gesellschaften aus, in denen er auftrete. Paganini: "Antisemitismus entsteht nicht primär aus dem, was Juden tun oder sind, sondern aus Bedürfnissen und Strukturen innerhalb der Gesellschaften, in denen er auftritt. Es geht dabei immer um Vereinfachung, um Projektion, um die Konstruktion eines kollektiven Gegenübers, das für das eigene Unbehagen verantwortlich gemacht werden kann."