Künftige GEKE-Generalsekretärin will Dialog und Vernetzung stärken
15.04.202616:18
Österreich/Ökumene/Evangelische/Personal/Kirche
Susanne Schenk bei Pressegespräch vor Amtsübernahme an Spitze des europäischen Kirchen-Verbandes: Suche nach gemeinsamem Weg zwischen wachsender Vielfalt, politischen Spannungen und inneren Konflikten
Wien, 15.04.2026 (KAP) Die künftige Generalsekretärin der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa (GEKE), Susanne Schenk, will in ihrer neuen Funktion einen klaren Fokus auf Dialog, Vernetzung und konstruktiven Umgang mit Spannungen innerhalb der Kirchen legen. Das hat die deutsche Kirchenhistorikerin und Ökumene-Expertin bei einem Online-Pressegespräch in Wien am Mittwoch dargelegt, wenige Tage vor der offiziellen Amtsübernahme von Generalsekretär Mario Fischer, die für den 27. April in der Wiener Lutherkirche angesetzt ist.
Die GEKE, gegründet 1973 auf Basis der Leuenberger Konkordie, umfasst heute 94 protestantische Kirchen in mehr als 30 Ländern Europas und Südamerikas und repräsentiert dabei nach eigenen Angaben rund 50 Millionen Protestanten. Sie ermöglicht gegenseitige Anerkennung, Kanzel- und Abendmahlsgemeinschaft und versteht sich als Plattform für theologischen Austausch und gemeinsames Handeln. Der Verband mit Sitz in Wien fungiert dabei als eine zentrale Stimme der evangelischen Kirche in Europa.
Schenk, die als Pfarrerin und Kirchenhistorikerin international tätig war, betonte die Bedeutung dieser Vielfalt: Theologie entstehe "immer in konkreten Kontexten" und müsse unterschiedliche Prägungen ernst nehmen. Gerade darin liege eine Stärke der GEKE, die verschiedene konfessionelle Traditionen zusammenführe. Zugleich machte sie deutlich, dass diese Vielfalt auch Konfliktpotenzial berge.
Bei Spannungen zusammenrücken
Als künftige Schwerpunkte nannte Schenk die stärkere Einbindung junger Menschen sowie eine intensivere Vernetzung in politisch und gesellschaftlich angespannten Regionen Europas. "Gerade dort, wo Spannungen wachsen, braucht es vertiefte Kirchengemeinschaft", sagte sie mit Blick etwa auf den Ostseeraum. Die GEKE verstehe sich in diesem Zusammenhang als "Hoffnungsgemeinschaft", die Räume für Austausch und Verständigung offenhalten müsse.
Zugleich verwies Schenk auf die Notwendigkeit, innerkirchliche Differenzen konstruktiv zu bearbeiten. Ziel sei es, Gesprächsformate zu stärken und gegenseitigen Respekt zu sichern. "Kirchengemeinschaft wächst durch Begegnung und Vertrauen", betonte sie. Die Rolle der GEKE liege dabei weniger in schnellen Strukturentscheidungen als in nachhaltiger Beziehungsarbeit zwischen den Mitgliedskirchen.
Vertrauens- und Solidargemeinschaft
Im Rahmen des Pressegesprächs resümierte der ausscheidende Generalsekretär Mario Fischer seine Tätigkeit. Seit 2009 in der GEKE tätig und seit 2018 ihr erster hauptamtlicher Generalsekretär, habe er eine deutliche Weiterentwicklung erlebt. Zu Beginn sei die Gemeinschaft "stärker auf akademische Lehrgespräche fokussiert" gewesen, sagte Fischer. Heute verstehe sie sich als "Vertrauens- und Solidargemeinschaft", die über theologische Fragen hinaus auch konkrete Unterstützung leiste.
Diese Entwicklung sei auch eine Reaktion auf gesellschaftliche und kirchliche Umbrüche gewesen. Themen wie Migration, Pandemie oder der Krieg in der Ukraine hätten die GEKE zu stärkerem gemeinsamen Handeln gedrängt. Initiativen wie Hilfsprojekte für sogenannte "Euro-Waisen" oder Unterstützungsaktionen für Gemeinden in Krisenregionen seien Ausdruck dieses Wandels.
Konfliktlinien, Verflechtungen und Abhängigkeiten
Gleichzeitig verwies Fischer auch auf interne Konfliktlinien, die es in mehreren Mitgliedskirchen besonders bei Fragen zu Sexualität, Ehe und Familie gebe. In Lettland, Estland und anderen Ländern seien Kirchen aus der GEKE ausgetreten. "Hier zeigen sich globale Einflüsse, die auch in Europa wirksam werden", sagte Fischer und verwies auf konservative Strömungen aus den USA.
Als konkretes Beispiel für die problematische Verflechtung von Kirche und Politik sowie daraus resultierende Spannungen nannte Fischer Ungarn. Dort habe ein Skandal um die Begnadigung eines wegen Beihilfe zum sexuellen Missbrauch Verurteilten - im Umfeld eines Papstbesuchs - eine Kette von Rücktritten bis in die Spitze von Staat und reformierter Kirche ausgelöst.
Zugleich verwies Fischer auf strukturelle Abhängigkeiten: Kirchen hätten in Ungarn in den vergangenen Jahren zahlreiche Einrichtungen wie Schulen zurückerhalten, oft jedoch ohne klare rechtliche Absicherung. Dies könne "Abhängigkeitsverhältnisse begünstigen". Positiv hob Fischer hervor, dass kirchliche Reformprozesse - etwa eine transparente Bischofswahl - auch als Gegenmodell wirken könnten.
Körperschaft in Österreich
Insgesamt bleibe entscheidend, "dass Kirchen Orte des offenen Gesprächs bleiben und nicht in Polarisierung verfallen", so Fischers Einschätzung. Die Gemeinschaft habe sich gefestigt, auch strukturell, etwa durch die Anerkennung als Körperschaft öffentlichen Rechts in Österreich und die Vertretung beim Europarat. "Die Kirchen nutzen die GEKE heute als Plattform, um auch heikle Themen anzusprechen", so Fischer.
Seinen Rückzug begründete der scheidende Generalsekretär mit dem Wunsch nach Erneuerung. Mit dem Wechsel an das Konfessionskundliche Institut in Bensheim wolle er sich wieder stärker inhaltlicher Arbeit widmen.
"Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa" (GEKE) sieht sich durch "extreme Polarisierungen" in Europa herausgefordert - GEKE-Generalsekretär Fischer zieht bei Hintergrundgespräch Bilanz seiner Amtszeit
Österreichische Bischöfe standen Freitagfrüh Gottesdiensten für den Frieden im Rahmen einer Aktion des Rats der europäischen Bischofskonferenzen (CCEE) vor - Erzbischof Lackner: Betende Hände müssen helfende Hände sein - Zahlreiche Friedensgebete in Österreich am 24. Februar
Mitgliedskirchen der "Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa" repräsentieren rund 50 Millionen Protestanten in mehr als 30 Ländern Europas und Südamerikas - GEKE-Geschäftsstelle hat Sitz in Wien