Theologen: "Manche glaubten mehr an Orbán als an Christus"
16.04.202610:25
Ungarn/Wahl/Politik/Kirche/Gesellschaft
Ungarische Pastoraltheologen Máté-Tóth und Wildmann analysieren in Kirchenzeitungs-Interview den politischen Machtwechsel im Land und die Rolle der Kirchen
Wien/Budapest, 16.04.2026 (KAP) Ungarische Theologen sehen ein Bündel an Ursachen für die schwere Niederlage der Fidesz-Partei von Ministerpräsident Viktor Orbán bei den jüngsten Parlamentswahlen. Wirtschaftliche Probleme, Glaubwürdigkeitsdefizite und fehlende politische Moral hätten zum Stimmungsumschwung zugunsten von Péter Magyar und dessen Tisza-Partei beigetragen, erklärten der Pastoraltheologe und Religionswissenschaftler András Máté-Tóth von der Universität Szeged sowie der Theologe János Wildmann von der Methodistisch-Theologischen Hochschule in Budapest im Interview der Kooperationsredaktion der österreichischen Kirchenzeitungen (aktuelle Ausgaben, Donnerstag).
Wildmann verwies auf Korruption, geringe wirtschaftliche Entwicklung und hohe Inflation. Auch die außenpolitische Ausrichtung habe Vertrauen gekostet. "Politisch wurden EU-Themen blockiert und die Freundschaft zu Wladimir Putin und Donald Trump gepflegt." Zudem sei die Glaubwürdigkeit durch den Einsatz von Fake-News beschädigt worden, so Wildmann: "Mit der Ideologie der illiberalen Demokratie und ihrem christlichen Deckmantel waren die Menschen immer unzufriedener."
Die Bedeutung der Persönlichkeit des künftigen Regierungschefs Magyar betonte Máté-Tóth: "Charisma hat über Institutionen gesiegt." Orban habe ein System aufgebaut, das tief in der Gesellschaft verankert gewesen sei. Eine politische Alternative sei lange nicht sichtbar gewesen. Erst Magyar habe mit Unterstützung sozialer Medien neue Dynamik entfaltet. Die Medienlandschaft sei weitgehend regierungsnah geprägt.
"Manche glaubten mehr an Viktor Orbán als an Christus"
Kritisch äußerte sich Mate-Toth zum Verhalten kirchlicher Akteure in den vergangenen Jahren. "Manche glaubten mehr an Viktor Orbán als an Jesus Christus." Christlich Engagierten und auch Amtsträgern habe es an Vertrauen in die eigene religiöse Überzeugung gefehlt; stattdessen hätten sie viel von dem geglaubt, was die Politik sagte. Zugleich habe er aber auch großes Interesse etwa an Informationen über Grundaussagen der katholischen Soziallehre als Waage für politische Aussagen erlebt.
"Ich denke schon, dass auch christliche Menschen erkennen, dass es ein Leben außerhalb von Viktor Orbán gibt", fügte der Religionssoziologe hinzu. Magyar habe strategisch gut über die Zeit alle Bischöfe, Ordensobere und Vertreter der christlichen Zivilgesellschaft entweder selbst besucht oder Mitarbeiter hingeschickt. Anders als bei früheren Wahlen sei kein Hirtenbrief der Bischöfe veröffentlicht worden, der indirekt zur Unterstützung der Regierung aufgerufen hätte. "Vor diesen Wahlen gab es keinen Hirtenbrief! Das Schweigen war bedeutsam", so Máté-Tóth.
Zur religiösen Situation des Landes äußerte sich Wildmann zurückhaltend. "Ungarn war auch bis jetzt nicht christlich." Wie in anderen europäischen Ländern verliere die Kirche an Bindungskraft. Rechtspopulistische Positionen fänden besonders in ländlichen Regionen Zustimmung. Offenheit für gesellschaftliche Zukunftsfragen sei dort gering ausgeprägt.
"Regieren wird für Tisza schwieriger sein als der Wahlkampf"
Máté-Tóth erwartet, dass Religion künftig weniger politisch instrumentalisiert wird. Zugleich würdigte er einzelne sozialpolitische Maßnahmen der bisherigen Orban-Regierung. "Ich würde nicht sagen, dass alles falsch war." Entscheidend sei nun, ob Tisza ein politischer Stilwechsel gelinge. Machtkonzentration, Polarisierung und Populismus müssten überwunden werden. "Das Regieren wird schwieriger sein als der Wahlkampf."
Beide Theologen sehen auch die Kirchen vor Herausforderungen. Wildmann sprach von einer Nähe der Kirchen zum Rechtspopulismus, die auch ohne politischen Druck groß sei. Selbst Papst-Aufrufe zur Aufnahme von Flüchtlingen hätten kaum Resonanz gefunden. Reformbereitschaft sei bislang begrenzt.
Auf eine stärkere Eigenständigkeit der Kirchen nach dem politischen Machtwechsel und eine "Wende nach innen" hofft Máté-Tóth. "Die Kirchen werden nicht mehr an der kurzen Leine gehalten und müssen sich auf ihren theologischen und spirituellen Aufbau besinnen." Eine solche Neuorientierung könne zur inneren Erneuerung beitragen. Zugleich verweist er auf vorhandene Ressourcen innerhalb der Kirche: "Es gibt viele gute Menschen in Ungarn, gute Christen, Theologen, Ordensleute, Bischöfe, Priester. Die Lage ist nicht super, aber auch nicht katastrophal."
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