Erzabt Hortobágyi lobt hohe Wahlbeteiligung bei Ungarn-Wahl
17.04.202611:01
Ungarn/Kirche/Wahl/Parlament/Regierung/Orden
Besonders junge Menschen erwarten "tatsächliche Veränderungen" und zeigen ein starkes Bedürfnis nach Mitgestaltung, erklärt bekannter Erzabt von Pannonhalma
Pannonhalma/Wien, 17.04.2026 (KAP) Cirill T. Hortobágyi, Erzabt der bekannten ungarischen Benediktinerabtei Pannonhalma, hat die mit knapp 80 Prozent sehr hohe Wahlbeteiligung bei den jüngsten Parlamentswahlen begrüßt. Dies sei "gut und wichtig", da es zeige, dass die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung Verantwortung für die Zukunft des Landes empfinde, sagte er auf Anfrage der Nachrichtenagentur Kathpress (Freitag). Er freue sich, dass besonders junge Menschen ein starkes Bedürfnis nach Mitgestaltung, Kooperationsbereitschaft und Handlungswillen zeigten. Diese erwarteten "tatsächliche Veränderungen" und seien "sehr motiviert".
Vom Ausmaß des Wahlsiegs der Tisza-Partei, die künftig mindestens 137 der 199 Abgeordneten im Parlament stellen wird, zeigte sich Hortobágyi überrascht. Er teile die Einschätzung von Analysten, wonach in diesem Ergebnis das von früheren Fidesz-Regierungen geprägte Wahlsystem - insbesondere die Neuzuschneidung der Wahlkreise und ein System, das den Wahlsieger überproportional begünstigt - eine wesentliche Rolle gespielt habe.
Mit Blick auf die Zusammensetzung des Parlaments verwies der Erzabt auch darauf, dass neben Fidesz nur eine einzige Oppositionspartei Mandate erringen konnte, allerdings in sehr geringer Zahl. De facto seien damit 36 Jahre nach der politischen Wende zwei große politische Lager in Ungarn verblieben - das eine mit rund 2,2 Millionen, das andere mit etwa 3,3 Millionen Wählern. Unter den Kirchgängern sei der Anteil jener höher, die für Fidesz gestimmt hätten; darauf müsse eine neue Regierung Rücksicht nehmen.
Zur gesellschaftlichen Rolle der Kirchen in Ungarn hob Hortobágyi u. a. hervor, dass die Stellung der Kirchen auch dadurch gestärkt werde, dass diese ein umfangreiches institutionelles Netzwerk betreiben, vor allem im Bildungsbereich, das auch tatsächlich benötigt werde. Das staatliche Bildungswesen befinde sich nicht in einem gutem Zustand; sollten die kirchlichen Schulen "aus irgendeinem Grund erschüttert werden", würde sich die Lage weiter verschlechtern, erklärte der Erzabt. Die Klostergemeinschaft von Pannonhalma ist auch selbst Trägerin eines Gymnasiums mit mehreren Hundert Schülerinnen und Schülern.
Soziallehre und nicht Parteipolitik im Fokus der Kirche
Auf die Frage nach einer möglichen kirchenkritischen Stimmung in der Bevölkerung räumte Hortobágyi ein, dass "dieses allgemeine Gefühl tatsächlich vorhanden" sei, da viele der Ansicht seien, die Kirchen hätten als Verbündete der Regierung von Viktor Orban fungiert. Zugleich bezeichnete er es als ermutigend, dass Tisza-Parteichef Peter Magyar in mehreren Reden - zuletzt bei einer internationalen Pressekonferenz in Budapest - betont habe, mit seiner künftigen Regierung "am Zuschütten der Gräben" arbeiten zu wollen und Ministerpräsident aller Ungarn zu sein. Nach Ansicht des Abtes müsse die Kirche an diesem Prozess mitwirken.
Es gelte, "viel stärker bewusst zu machen und zu kommunizieren, dass die erste Aufgabe der Kirche die Soziallehre ist und keinesfalls die Parteipolitik", sagte Hortobágyi. Dazu gehöre auch, grundlegende moralische Fragen - etwa das Thema Korruption - zu überdenken.
Gleichzeitig äußerte er die Sorge, dass die gesellschaftlichen Spannungen in naher Zukunft weiter zunehmen könnten, nicht nur in Ungarn, sondern in ganz Europa. "Die Kirche muss sich auf diese Sendung vorbereiten - mit Wegen der Friedensstiftung und mit ehrlicher Selbstkritik", betonte der Erzabt von Pannonhalma abschließend.
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