Israel: Christen an Grenze zum Libanon hoffen auf Frieden
17.04.202611:10
Israel/Libanon/Krieg/Christentum
Krieg lastet hart auf Dörfern im Norden Israels - Von Andrea Krogmann (KNA)
Jerusalem, 17.04.2026 (KAP/KNA) Das Grab von Scheich Mujahid liegt südlich der Altstadt von Tarshiha. Von hier hat man einen guten Blick. Nach Westen folgt das Auge der Küstenlinie: Naharija, Akko, die Bucht von Haifa. Im Nordosten zeichnet sich der schneebedeckte Rücken des Hermon-Berges ab. Dazwischen: die letzten Erhebungen Nordisraels, die sanft in die ersten Hügel Südlibanons übergehen.
Doch das Geräusch von Explosionen und Kampfjets raubt die Illusion friedlicher Weite: Seit dem Wiederaufflammen der Kampfhandlungen in Nahost Ende Februar knallt es hier täglich. Der Krieg zehrt auch an Israels Christen in Galiläa. Seit Donnerstag hoffen sie, dass die von US-Präsident Donald Trump mitgeteilte zehntägige Waffenruhe zwischen Israel und dem Libanon - bzw. der pro-iranischen Hisbollah-Miliz - hält. Jede Atempause fühlt sich hier an wie ein Geschenk des Himmels.
"Wir haben eigentlich jeden Tag Luftalarme. Der Krieg ist Teil unseres Lebens geworden", sagt Selma Shehade und blickt auf die blühende Landschaft, die sich vor ihr ausbreitet. "Von hier, von dort, wir hören einfach alles." Die Hand der Touristenführerin macht eine weite Bewegung, vom Hermon nach Rosch haNikra, dem nordwestlichsten Zipfel Israels vor dem Libanon. Die letzte Reisegruppe hatte die melkitische Christin im Oktober 2023, als der Gazakrieg ausbrach. Seither fliegen die Raketen, auch über Shehades Haus.
Shehades Nachbarin Emily Dakwar ringt noch immer um Fassung. Am Abend des 21. März schlug eine Rakete auf der Straße vor ihrem Haus ein. Die Druckwelle richtete Verwüstungen an. "Ich bin bald 69 Jahre alt. Ich habe hier 1967 den Sechstagekrieg, 1973 den Jom-Kippur-Krieg, 1982 den ersten Libanonkrieg, den Irakkrieg 1990 und den zweiten Libanonkrieg 2006 erlebt", sagt Dakwar. "In allen diesen Zeiten war es nicht sicher und nicht einfach hier zu leben. Aber zum ersten Mal stehe ich unter Schock." Mehr als vierzig Tage dauere der Krieg, und niemand wisse, wo das alles enden werde.
Leere Straßen, keine Besucher
Auch von Mi'ilyas Kreuzfahrerburg, vier Kilometer weiter nördlich Richtung Libanon gelegen, hat man einen schönen Blick über die grünen Hügel Obergaliläas, das zu den malerischsten Regionen Israels zählt. Eigentlich wäre jetzt Reisesaison, das Boutique-Hotel an der Burg ausgebucht, das feine Restaurant über einem Weinkeller der Kreuzfahrerzeit mit Familien in Festtagsstimmung gut besucht. Stattdessen herrscht Leere in den verwinkelten Straßen des christlichen Dorfes. "Die Restaurants sind geschlossen, Touristen gibt es keine, die Wirtschaftslage ist katastrophal", sagt Mi'ilyas Bürgermeister Elia Abed.
"Wir sind ungefähr sechs Kilometer von der libanesischen Grenze. Dies ist das gefährlichste Gebiet im ganzen Land", so Abed. Seit zweieinhalb Jahren steht Mi'ilya immer wieder unter Beschuss. Diverse Waffenruhen brachten temporäre Atempausen, der jüngste Krieg mit dem Iran und eine neue Runde der Gewalt zwischen Israel und der schiitischen Terrormiliz das Leben in dem Ort jedoch zum Stillstand.
Seit fast 50 Tagen sind die Kinder zu Hause, der Unterricht findet online statt. "Viele Eltern können nicht zur Arbeit, selbst die Kirche ist zu", sagt Abed. Nur der Priester und wenige Gläubige dürfen Gottesdienste feiern. "Sie beten für uns und für Frieden", so der Bürgermeister. Alle 3.400 Einwohner seines Dorfes sind Christen.
Kreative Lösungen
"Wie betet man in diesen schwierigen Zeiten, wenn statt einer vollen Kirche nur 20 Personen teilnehmen dürfen, sogar an Ostern?" Mi'ilyas melkitischer Pfarrer Makarios Kassis hat einen kreativen Weg gefunden, die Hoffnung und ein bisschen Osterstimmung in seine Gemeinde zu bringen. "An Palmsonntag und Karfreitag bin ich stundenlang von Haus zu Haus gezogen. Die Familien haben vor den Häusern gewartet. Ich habe sie gesegnet und mit ihnen gebetet. Im Dorf herrschte eine feierliche Stimmung - nicht in der Kirche, sondern in jedem Haus!"
Eine stabile Waffenruhe zwischen der Hisbollah und Israel, ein Ende dieses Krieges und irgendwann der ersehnte Frieden: Darauf hoffen sie in Mi'ilya wie in Ma'alot-Tarshiha und anderen Dörfern entlang der Grenze. "Die Menschen sind kriegsmüde", sagt Kassis' Amtskollege Michel To'ame, Pfarrer im Nachbardorf Ma'alot-Tarshiha. Entsprechend groß sei die Sehnsucht nach Normalität - im Alltag, aber auch spirituell. "Wir beten um den Frieden, nicht nur für uns hier, sondern für alle und für die ganze Welt."