72-jähriger Ordensmann der Augustiner-Chorherren erzählt im Stifts-Magazin von seinem ungewöhnlichen Berufungsweg sowie einer mehrmonatigen KGB-Haft zu Sowjetzeit und meint: "Die Kirche in Europa steht heute viel besser da und ist glaubwürdiger als noch vor 20 Jahren"
Wien/Klosterneuburg, 22.04.2026 (KAP) Markus Bernt Eidsvig, aus Norwegen stammender Augustiner-Chorherr von Stift Klosterneuburg und von 2005 bis 2025 katholischer Bischof von Oslo, ist in sein niederösterreichisches "Heimatkloster" zurückgekehrt. Der 72-jährige emeritierte Bischof lebt seit einigen Monaten wieder als Ordensmann dort, wo er 1991 in den Konvent eintrat. Damals, so erzählt er im Interview für die aktuelle Ausgabe des Klosterneuburger Stifts-Magazins (April 2026), habe er nicht vorgehabt, das Kloster je zu verlassen - und schon gar nicht, Bischof zu werden. "Ich bereue fast, nicht Nein gesagt zu haben. Aber die Jahre in Oslo waren auch schön. "
In der Diözese Oslo, wie überall in Skandinavien, bilden Katholiken eine winzige Minderheit unter mehr als vier Millionen Einwohnern. Doch durch Einwanderung wuchs ihre Zahl in den letzten zwei Jahrzehnten von 42.000 auf rund 160.000, berichtet Eidsvig. "Unsere Gemeinden waren polnisch, litauisch, asiatisch, afrikanisch, lateinamerikanisch. Das habe ich immer als großen Reichtum empfunden. Kirche wird dadurch wirklich katholisch - weltumspannend." Zu den Höhepunkten seiner Amtszeit zählt er die Gründung eines Priesterseminars, in dem Theologie auf Norwegisch gelehrt wird.
"Kirche ist heute glaubwürdiger als noch vor 20 Jahren"
Im Interview spricht Eidsvig auch über seinen ungewöhnlichen Berufungsweg und seine Haftzeit in einem KGB-Gefängnis. Zudem betont er die Verantwortung der Kirche in Zeiten geopolitischer Umbrüche. "Die Kirche kann und darf nicht schweigen, wenn offensichtliches Unrecht geschieht. Wenn, wie im Fall der Ukraine, Völker überfallen werden; wenn das Selbstbestimmungsrecht missachtet oder angezweifelt wird, wie wir es kürzlich bei Grönland gesehen haben, dann muss die Kirche ihre Stimme erheben", so der Bischof. Nachsatz: "Ich weiß nicht, ob die Kirche da immer deutlich genug ist."
Trotzdem sieht Eidsvig die Kirche in Europa heute in vielerlei Hinsicht gestärkt. "Sie steht viel besser da und ist glaubwürdiger als noch vor 20 Jahren. Wir sehen auch, dass viele Kinder den Zugang zur Kirche finden", so der Augustiner-Chorherr und Altbischof. Andererseits sei das geistliche Leben viel weniger geworden und es gebe viele große Diözesen, die keinen Nachwuchs haben. Eine "revolutionäre" Lösung, um wieder mehr Menschen für das Priestertum zu begeistern, habe er nicht; er glaube aber auch, "dass wir verheiratete Priester ermöglichen müssen".
Eidsvigs Ratschlag an junge Menschen, die Orientierung suchen: "Glaube beginnt mit dem Hören. Wenn die Kirche spricht, hört zu! Wenn die Kirche nicht spricht, stellt Fragen!"
In protestantischer Familie aufgewachsen
Oslos Altbischof stammt aus Rjukan, einer kleinen Stadt in Norwegen, und wuchs in einer protestantischen Familie auf. 1977 konvertierte er zur katholischen Kirche und wurde 1982 in Oslo zum Priester geweiht. Anfang der 1990er Jahre zog er nach Österreich und trat im Stift Klosterneuburg in die Ordensgemeinschaft der Augustiner-Chorherren ein. Dort war er zunächst Kaplan der Stiftspfarre, später Pfarrer von St. Leopold in Klosterneuburg-Süd. Ab 1996 wirkte er im Stift auch als Novizenmeister, Kapitelrat und Kapitelsekretär. Im Sommer 2005 ernannte Papst Benedikt XVI. (2005-2013) Eidsvig zum Bischof von Oslo.
Schon mit 14 Jahren wollte Eidsvig katholisch werden, doch sein Vater lehnte dies ab, erzählt der heute 72-jährige Altbischof im Klosterneuburger "Willkommen im Stift"-Magazin aus seiner Glaubensbiografie. Auch der Wunsch, Priester zu werden, begleitete ihn früh. "Von meinen Klassenkameraden wurde ich dafür gehänselt, aber diese Gewissheit ist geblieben." Während des Studiums der lutherischen Theologie sei dann für ihn immer deutlicher geworden, dass er katholisch werden wolle, und er meldete sich bei den Dominikanern zum Konversionsunterricht.
Vom KGB verhaftet
Im Juli 1976 verhaftete der russische Geheimdienst KGB Eidsvig, als er für einen Oppositionellen Medizin und politische Schriften in die Sowjetunion brachte. "Ich wurde wegen antisowjetischer Tätigkeiten in das berüchtigte Lefortowo-Gefängnis in Moskau gebracht und dreieinhalb Monate festgehalten." Das Gefängnis war für Folter bekannt. "Mich hat man nicht geschlagen, aber andere Methoden verwendet, wie eine Rationierung des Essens, Tag und Nacht Beschallung durch Lärm sowie Licht, das nie ausgeschalten wurde. An den Geruch in diesem Gefängnis kann ich mich noch heute erinnern."
Der Glaube gab Eidsvig in diesen Wochen Halt. "Das Gebet war sehr wichtig in dieser Zeit. Der norwegische Botschafter hatte mir seine Bibel gegeben und von meinen Eltern habe ich ein Stundenbuch bekommen. Und am Ende der Haft wusste ich, dass nur die Konversion möglich war." Ende 1977 wurde er in die katholische Kirche aufgenommen.
In Klosterneuburg "habe mich sofort wohlgefühlt"
Nach dem Theologiestudium in Oslo und London sowie der Priesterweihe arbeitete Eidsvig als Kaplan in einer Pfarre in der norwegischen Stadt Bergen. "Vom Stift Klosterneuburg hatte ich von einem Freund gehört. Und als ich einmal in Wien zu Besuch war, habe ich den hiesigen Gastmeister gefragt, ob ich in Klosterneuburg meine Exerzitien machen könnte. Ich wurde eingeladen und habe mich sofort wohlgefühlt", erinnert er sich an den ersten Kontakt mit den Augustiner-Chorherren in Niederösterreich.
Sein damaliger Bischof wollte zunächst nicht, dass er in die Ordensgemeinschaft eintritt. "Er hat mich daran erinnert, dass ich ja vor hatte, in Bergen eine Schule zu bauen. Das habe ich dann gemacht und danach ließ er mich ziehen. Im Sommer 1991 bin ich hier eingetreten, bekam den Ordensnamen Markus und hatte die Absicht, das Stift nicht mehr zu verlassen."