Armenisches Kirchenoberhaupt Karekin II. ruft Armenier zur nationalen Einheit auf - Heftige Kritik an Aserbaidschan, das in Berg-Karabach immer mehr armenische Kirchen zerstört
Jerewan/Wien, 24.04.2026 (KAP) In Armenien und in aller Welt wurde am Freitag (24. April) des Genozids an den Armeniern im Osmanischen Reich ab 1915 gedacht. Der oberste Katholikos-Patriarch aller Armenier, Karekin II., nahm am Vormittag an einem Gedenkgottesdienst bei der Gedenkstätte Zizernakaberd ("Schwalbenfestung") in der armenischen Hauptstadt Jerewan teil. In seiner Botschaft zum Gedenktag erinnerte er an die Ermordung von armenischen Männern, Frauen und Kindern in den Jahren zwischen 1915 und 1923 und beschwor die Einheit des armenischen Volkes.
Um 12 Uhr Mittag läuteten in allen Kirchen Armeniens und der armenischen Diaspora die Glocken zum Gedenken an die Märtyrer. Auch in Wien. Die armenische Kirchengemeinde in Wien lädt zudem am Sonntag, 26. April, im Anschluss an die Sonntagsliturgie in der Hripsime-Kirche im Dritten Bezirk um 13 Uhr zu einer Gedenkveranstaltung. Schon für Freitagabend (24. April) lud die Armenische Kirche in Österreich zu einem Gedenkkonzert in den Wiener Stephansdom. Zur Aufführung kommt die Jazzmesse "Prayer Wheel" des armenischen Komponisten und Musikers Karén Asatrián.
Am 24. April 1915 begann im Osmanischen Reich die systematische Verhaftung, Vertreibung und Ermordung der christlichen Armenier. Durch die Maßnahmen der jungtürkischen Regierung kamen nach Schätzungen bis Ende des Ersten Weltkriegs bis zu 1,5 Millionen Menschen ums Leben. Die Türkei weigert sich bis heute, das damalige Geschehen als Völkermord anzuerkennen.
Der 24. April fasse symbolisch das kollektive Leid des armenischen Volkes zusammen, so Katholikos Karekin II. in seiner aktuellen Botschaft. Diese Tragödie habe jedoch nicht den Geist des Volkes gebrochen. Das armenische Volk habe den Völkermord überlebt. Der Katholikos rief zur Einheit der Armenier im Land selbst wie auch in der Diaspora.
Mit heftigen Worten kritisierte das Kirchenoberhaupt auch einmal mehr die Vertreibung der Karabach-Armenier aus ihrer Heimat Artsach/Berg-Karbach im Jahr 2023 durch Aserbaidschan. 120.000 Menschen hätten ihre Heimat verloren. Der Katholikos sprach wörtlich von einem erneuten "Völkermord". Nur wenn das armenische Volk in Solidarität geeint ist, könne es die künftigen Herausforderungen meistern, so der Katholikos, der sich in einem heftigen Konflikt mit der aktuellen armenischen Regierung befindet.
Zerstörung des christlichen Erbes von Artsach
In einer weiteren offiziellen Erklärung vom Donnerstag hat die armenische Kirchenleitung die "systematische Zerstörung des spirituellen und kulturellen Erbes von Artsach durch die aserbaidschanischen Behörden" scharf kritisiert. Diese würden weiterhin gezielt armenisch-christliche Kultstätten zerstören, um die armenische Präsenz in Artsach auszulöschen. Besonders alarmierend seien etwa die Berichte über die Zerstörung der Kathedrale der Heiligen Mutter Gottes und weiterer Kirchen und kirchlicher Einrichtungen in Stepanakert.
Dieser "staatlich geförderte Vandalismus" beweise einmal mehr, dass sich Aserbaidschans antiarmenische Politik nicht geändert habe und lasse ernsthafte Zweifel an den Aussagen Aserbaidschans aufkommen, einen gerechten und dauerhaften Frieden mit Armenien zu schließen, hieß es in der Erklärung.
Die Kirchenleitung rief die Regierung auf, dringend wirksame Maßnahmen zu ergreifen, um die systematische Aneignung und Zerstörung des spirituellen und kulturellen Erbes von Artsach zu verhindern. Ebenso wolle man an die internationale Staatengemeinschaft appellieren, entsprechende Maßnahmen zu ergreifen, hieß es in der Erklärung abschließend.
Heftiger Konflikt zwischen Kirche und Staat
Seit rund einem Jahr tobt in Armenien zwischen der Kirchenleitung und der Regierung, personifiziert in den Personen des Kirchenoberhaupts Katholikos Karekin II. und Ministerpräsident Nikol Paschinjan, ein heftiger Konflikt. Die armenischen Behörden gehen mit harter Hand gegen die Kirche vor. Einige in Armenien wirkende Bischöfe befinden sich in Haft, Hausarrest oder dürfen in ihren eigenen Diözesen nicht mehr präsent sein. Gegen andere, inklusive Katholikos Karekin II., wurden Verfahren eingeleitet. Die armenische Kirchenleitung wehrt sich vor allem durch die Absetzung von Bischöfen und weiteren Geistlichen, die gemeinsam mit der Regierung gegen Karekin II. auftreten.
Karekin II. ist bereits seit vielen Jahren mit dem Kurs des Regierungschefs unzufrieden; vor allem im Blick auf Artsach. Der Katholikos machte Paschinjan für die Vertreibung von mehr als 100.000 Armeniern aus Berg-Karabach nach dem verlorenen Krieg gegen Aserbaidschan im Jahr 2023 mitverantwortlich. Paschinjan wiederum wirft dem Kirchenoberhaupt ebenfalls Landesverrat, zu enge Beziehungen zu Russland sowie die ungerechtfertigte Einmischung in die Politik vor.
Absetzung des Katholikos gefordert
Im Juni stehen in Armenien Parlamentswahlen an. Die Paschinjan-Partei "Bürgervertrag" hat in ihr Wahlprogramm eine Reform der Statuten der Armenisch-apostolischen Kirche samt der Absetzung von Katholikos Karekin II. und der Wahl eines neuen Kirchenoberhaupts aufgenommen. Von der armenischen Kirchenleitung setzte es dafür heftige Kritik. Sie bezeichnete in einem Statement die Punkte des Wahlprogramms mit Bezug zur Kirche als "inakzeptabel".
Die skizzierte Reform der Kirche stelle eine "klare Verletzung der verfassungsmäßigen Ordnung", einen Eingriff in das Recht der Kirche auf Selbstverwaltung und einen Verstoß gegen internationale Prinzipien der Gewissens- und Religionsfreiheit dar. Die Absicht, "offen illegale Handlungen" gegen die Kirche im Wahlkampf fortzusetzen, zeige wieder einmal die "anti-kirchlichen Eigenschaften und Ziele" der regierenden politischen Kräfte. Das illegale Verhalten der Regierung sei "schädlich" für die Nation, bedrohe die "Grundmauern des nationalen Wertesystems" und untergrabe die "spirituelle Sicherheit".
Die Regierung hingegen verteidigte ihr Vorhaben und warf der Kirchenleitung vor, "äußeren Mächten" Gelegenheit zu bieten, die Kirche für "hybride Aktionen gegen die Unabhängigkeit und Souveränität Armeniens" zu benutzen. Der Reformplan diene der "vollständigen Wiederherstellung der verfassungsmäßigen Ordnung" Armeniens, indem die Kirche aus der Politik entfernt werde, zitierte der "Nachrichtendienst Östliche Kirchen" (NÖK) aus einer Regierungserklärung.